Der böse Internetstar

Das japanische Maskottchen Chiitan mit über einer Million Followern wurde auf Twitter gesperrt – wegen ungebührlichen Benehmens.

Ist nicht so harmlos und herzig wie es aussieht: Das japanische Maskottchen Chiitan. Foto: PD

Ist nicht so harmlos und herzig wie es aussieht: Das japanische Maskottchen Chiitan. Foto: PD

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Chiitan starb an einem Dienstagmorgen um exakt 10 Uhr japanischer Zeit. Zwar war es nur ein digitaler Tod, doch die Schliessung des Twitter-Accounts war für das Maskottchen ein dramatisches Ende: Der Social-Media-Kanal war so etwas wie seine Lebensader. Über eine Million Follower hatte Chiitan in wenigen Monaten gesammelt. Auch TV-Comedian John Oliver gehört zu seinen Fans, hat Chiitan gar eine ganze Sendung gewidmet. Warum nur löschte Twitter dieses freundlich aussehende, pelzige Ding?

Nun, Chiitan hatte sich in seinem kurzen Leben einige Feinde gemacht. Besonders in der japanischen Stadt Susaki ist man auf das Maskottchen mit dem hellrosa Schildkrötchen auf dem Kopf nicht gut zu sprechen. Maskottchen sind in Japan wichtige Marketingfiguren, fast jede Stadt hat ihr eigenes. Und Chiitan hat Shinjokun, einer herzigen Otterfigur und offizieller Botschafterin der südjapanischen Hafenstadt, die Show gestohlen.

Dunkler Charakter

Kurz nach der Einführung von Shinjokun tauchte auf Twitter ein fast genau gleich aussehendes Maskottchen namens Chiitan auf. Doch statt harmlos und herzig zu posieren, warf Chiitan in seinem ersten Kurzvideo eines dieser leichten japanischen Autos um – ein sinnfreier Akt mit unterschwelligem Gewaltpotenzial.

Die Follower liebten Chiitan für seine stumme Aggression, die mit dem stets freundlichen Gesichtchen kontrastierte.

Nach dem ersten Post war man sich noch unsicher, aber bald folgte die Gewissheit: Chiitan hat einen dunklen Charakter. Mal prügelte es auf ein Gummiding ein, dann warf es sich durch eine Blechdosenwand. Besonders irritierend war einer der letzten Twitter-Einträge: Chiitan marschierte in eine Umkleidekabine und holte aus einem Schrank einen Baseballschläger hervor. Die Unterzeile dazu: «Ich werde euch alle zu Hause besuchen.»

Zu diesem Zeitpunkt waren längst Hunderte von Beschwerden bei den Behörden von Susaki eingegangen – wegen ungebührlichen Benehmens. Gleichzeitig kamen täglich Tausende neue Follower hinzu. Sie alle liebten Chiitan. Für seine dadaistisch anmutenden Aktionen. Vielleicht noch mehr für seine stumme Aggression, die mit dem stets freundlichen Gesichtchen kontrastierte. Ein neuer Internetstar war geboren.

Unterstützung von Tausenden Personen

Den Behörden von Susaki war die immer grösser werdende Bekanntheit des Antihelden unangenehm, sie wollten nicht mit dem verhaltensauffälligen Ding in Verbindung gebracht werden – auch wenn es der Stadt grosse Bekanntheit gebracht hat. Sie verhandelten mit der Firma, die die Rechte an der Marke Chiitan hält. Doch während die Stadt Chiitan stoppen wollte, gab die Firma Gas. Das Geschäft mit dem beliebten Maskottchen versprach gut zu werden. Von Merchandising-Produkten und einer eigenen TV-Sendung war die Rede. Japan, das eine innige Beziehung zu Maskottchen pflegt, sollte von Chiitan erobert werden.

Dazu wird es wohl nicht kommen. Ohne Twitter-Account dürfte ein solcher Eroberungsfeldzug in einem digitalisierten Land wie Japan schwierig werden. Chiitan hat eine Onlineunterschriftensammlung lanciert, die es zurück auf Twitter bringen soll. Einige Tausend Personen haben ihm ihre Unterstützung zugesagt. Sie wollen weitere Untaten des bösesten Maskottchens in Japan sehen.

Erstellt: 26.05.2019, 20:20 Uhr

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