Der einsame Herrscher geht – eine Bilanz

Pakistans Staatschef Pervez Musharraf ist nach neun Jahren an der Macht zurückgetreten. Er hat sich selber demontiert.

Pervez Musharraf inspiziert eine Ehrengarde, nachdem er seinen Rücktritt erklärt hat.

Mian Khursheed

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Bleiben wird das Bild eines geschlagenen Mannes, trotz aller Gestik. Ganz zum Schluss, als die meisten pakistanischen Fernsehsender schon weggeschaltet hatten und den Jubel auf den Strassen zeigten, riss Pervez Musharraf beide Fäuste in die Höhe, die Manschettenknöpfe schauten kurz unter den Ärmeln seines Sakkos hervor, seine Stimme erzitterte noch einmal. «Bye-bye Pakistan! Long live Pakistan!» Dann kam die Fahne, die Nationalhymne - der Vorhang für Pervez Musharraf. Es war viel Drama drin, im Abschied des pakistanischen Herrschers, inszeniert in einem nüchternen Saal seiner Residenz, mit Holzverkleidung und einem Porträt des Staatsgründers an der Wand. Viel Emotionen, viel Pathos, viel Spannung. Alles im Überfluss, wie immer.

Seine Rücktrittsrede war ein Plädoyer für sein Werk der vergangenen neun Jahre. Bis zehn Minuten vor dem Ende der einstündigen Rede blieb unklar, ob er tatsächlich zurücktreten würde. Ob er sich dem Druck der Regierungskoalition beugen würde, die ihn des Amtes entheben wollte. Ob er tatsächlich freiwillig gehen würde - immerhin hatte das noch kein pakistanischer Militärherrscher vor ihm getan. Oder ob er kämpfen würde gegen die Vorwürfe im Parlament, ob er es vielleicht sogar auflösen und die Regierung absetzen würde. Pervez Musharraf galt als stolzer Kämpfer und Krieger. Man traute ihm im Herbst seiner Karriere alles zu, auch eine Finte zur Rettung seines Amtes, ein letztes, verhängnisvolles Manöver. So sehr war er überzeugt von seiner Bilanz, von den vielen gebauten Strassen, Dämmen und Kanälen. Jede einzelne neue Autobahn, die in seiner Ära gebaut wurde, hat er noch einmal aufgezählt, jedes Stromwerk, jede Kunstgalerie in Islamabad, jedes Museum zur Glorifizierung der grossen Geschichte des grossen Landes.

Die Armee forderte würdigen Abtritt

Doch am Schluss war Musharraf alleine - und offensichtlich gut beraten: «Bye bye Pakistan.» Das Volk hatte ihn satt. Die zivilen Politiker sahen in ihm nur den Militärdiktator, selbst nachdem er die Uniform abgelegt hatte, und erklärten ihn zum Feind der Demokratie. Die Amerikaner, die im Krieg gegen den Terror so sehr auf ihn gebaut und viel Geld geschickt hatten, versteckten sich hinter wenig sagenden Solidaritätsbekundungen - in der Vergangenheitsform. Sogar die Armee forderte nur noch, dass man ihn in Würde abtreten lasse. Vielleicht war sein «bye-bye» wörtlich zu verstehen, und Musharraf verbringt seinen Ruhestand im Exil, zum Beispiel in Saudiarabien oder in der Türkei. Eigentlich würde er gerne in Pakistan bleiben. Doch nicht einmal das scheint ihm vergönnt zu sein.

Demontiert hat sich Musharraf ganz alleine. In seiner Abschiedsrede räumte er Fehler ein, doch nie seien sie absichtlich passiert. Die meisten dieser Fehler beging er im vergangenen Jahr, zu einer Zeit, da er noch fest an der Macht war. Die Wirtschaft wuchs noch immer im Schnitt um sieben Prozent pro Jahr. Die Börse in Karachi machte täglich Kurssprünge nach oben. Die Medien florierten und begleiteten den Staatschef, der ihnen zu ihrem Blühen verholfen hatte, mit Milde. Niemand rief nach den beiden populärsten Oppositionspolitikern, die noch immer im Exil lebten: Benazir Bhutto und Nawaz Sharif, beides frühere Premierminister. Musharraf war unumstritten. Da entliess er den Obersten Richter im Land, Iftikhar Chaudhry. Dieser hatte es nicht gerne gesehen, dass sich der Präsident, der ihn berufen hatte, im Amt verewigen wollte - wider die Verfassung. Chaudhry wollte das verhindern. Mit aller Macht des Gesetzes. Und Musharraf überschätzte sich. Es ist die Kraftprobe mit Chaudhry, die ihm zum Verhängnis wurde. Mit Verzögerung zwar. Doch damals, im März 2007, begann der Zerfall seiner Macht.

Landeverbot für den Armeechef

Erlangt hatte er sie gewissermassen zufällig, am 12. Oktober 1999. Er sass in einer Maschine der Pakistan International Airlines, die ihn nach einer Reise von Sri Lanka zurück in die Heimat bringen sollte. Musharraf war seit einem Jahr Armeechef, ernannt vom damaligen Premier Sharif, mit dem er sich nun wegen eines Militäreinsatzes in Kashmir überworfen hatte. Sharif wies alle pakistanischen Flughäfen an, PK 805 nicht landen zu lassen. In Karachi liess er sogar ein Löschfahrzeug auf die Landepiste stellen. Die Maschine landete dann doch. Das Militär stand hinter Musharraf. Der Putsch dauerte nur einige Stunden, Blut floss keines. Das Volk war erfreut. Sharif hatte das Land heruntergewirtschaftet. Es stand kurz vor dem Bankrott. Korruption grassierte. Die Medien standen unter der Knute der Zensoren.

Pakistan atmete auf, zumal der General, der da kam, den Ruf genoss, ein Militär ohne politische Ambitionen zu sein. Und er hatte Charme, zeigte sich oft von seiner menschlichen Seite. Am Fernsehen sah man ihn auch schon mal mit seinen geliebten Hunden. Und man sah ihn oft am Fernsehen: Er mochte die Bühne. Das Publikum erfuhr, dass Musharraf gerne Whiskey trank. Das passte zwar den Fundamentalisten nicht. Doch im mehrheitlich gemässigten Volk kam es gut an. Und er spielte Golf - ein Bonvivant aus mittelständischen Verhältnissen, geboren in Delhi vor der Unabhängigkeit. Musharrafs Vater war ein Karrierediplomat. Der Sohn kam also herum. Am meisten prägten ihn die Jahre in der Türkei. Das türkische Staatsmodell diente ihm als Vorlage für Pakistan.

Der Terror hat zugenommen

Der 11. September 2001 sollte manche Gewissheit erschüttern - auch in Pakistan, der Brutstätte vieler Terroristen. Die Amerikaner stellten Musharraf vor die Wahl: mit uns oder gegen uns. Und der Pakistaner schlug sein Land auf die Seite des Westens. Er selber passte da gut hin. Sein liberales, tolerantes Credo galt als Garantie gegen die Obskurantisten. Er liess sich feiern im Ausland und geriet im Inland in die Kritik. Seine Gegner drinnen schimpften ihn ein «Schosshündchen der USA». Draussen nannten sie ihn einen Hoffnungsträger. Im Ausland gab sich Musharraf als harter Terroristenjäger; im Inland verhandelte er mit den Extremisten über Waffenruhe und Friedensabkommen. Es war ein schwieriger Spagat. Als er im vergangenen Sommer die von Islamisten besetzte Rote Mosche von Islamabad stürmen liess, wurde klar, dass ihm der Spagat nie gelingen würde. Der Terror nahm zu, es gab Bomben im Tagestakt, Selbstmordattentate wie in Irak und in Afghanistan.

Der Charme des Generals verblasste sehr schnell. Unter dem Druck der Richter, der Medien und der Islamisten wandelte sich Musharraf zum Autokraten. Man nahm ihm die Emotionen nicht mehr ab, auch die ermutigenden Gesten nicht. Den Pathos hochgereckter Fäuste schon gar nicht. Bye-bye Musharraf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2008, 11:06 Uhr

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