Der kometenhafte Aufstieg der kleinen Schwester

Yingluck Shinawatra könnte als erste Frau Thailand regieren. Bei jedem Wahlkampfauftritt bringt die Kandidatin ihren im Volk verehrten und aus dem Land gejagten Bruder ins Spiel.

Populär wie ein Rockstar: Yingluck Shinawatra mit ihrem Markenzeichen, dem ausgestreckten Zeigefinger, bei einer Wahlkampfveranstaltung im Rajamangala-Stadion in Bangkok. (1. Juli 2011)

Populär wie ein Rockstar: Yingluck Shinawatra mit ihrem Markenzeichen, dem ausgestreckten Zeigefinger, bei einer Wahlkampfveranstaltung im Rajamangala-Stadion in Bangkok. (1. Juli 2011)

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«Wenn ihr meinen Bruder liebt», ruft Yingluck Shinawatra den jubelnden Anhängern zu, «gebt ihr dann seiner kleinen Schwester eine Chance?» Und in Phibun Mangsahan auf dem Land nordöstlich von Bangkok, wie überall, johlt die Menge begeistert: «Ja!»

Der Bruder, das ist der milliardenschwere Geschäftsmann und ehemalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra, der vor fünf Jahren vom Militär gestürzt wurde und sich ins Ausland absetzte. Die arme Landbevölkerung verehrt ihn noch immer. Nicht wenige Beobachter befürchten, dass die Parlamentswahl am kommenden Sonntag nach der Protestwelle voriges Jahr wieder unruhige Zeiten einläuten könnte.

Populär wie ein Rockstar

Yingluck ist ein Neuling in der Politik, sie war bislang vorwiegend für Unternehmen ihrer Familie wie einen Mobilfunkanbieter und eine Immobilienfirma tätig. Doch die 44-Jährige hat es binnen weniger Wochen geschafft, populär wie ein Popstar und zur aussichtsreichsten Oppositionskandidatin zu werden.

Sie und ihre Partei Pheu Thai machen kein Geheimnis daraus, warum: Ihr Programm stützt sich fast ausschliesslich auf Thaksin, der seine Schwester seinen «Klon» nennt. «Thaksin denkt, Pheu Thai handelt», lautet eine Parole der Partei.

Nächster Akt im Klassenkampf

Bevor er 2006 der Korruption, des Machtmissbrauchs und der Majestätsbeleidigung beschuldigt und aus dem Amt gejagt wurde, hatte Thaksin sich mit Sozialreformen bei der Unterschicht beliebt gemacht. Seine Gegner wie die städtische Elite und Mittelschicht betrachteten ihn als Gefahr für die Demokratie und ihre eigenen Privilegien.

Das Aufwärmen seines politischen Vermächtnisses gilt als Element eines Klassenkampfs zwischen Mächtigen und Machtlosen, zwischen dem vom Militär gestützten, monarchistischen Establishment und der verarmten Landbevölkerung, die sich ausgeschlossen fühlt. Yingluck versucht wie ihr Bruder, das Landvolk mit Versprechungen höherer Renten, höherer Mindestlöhne und Gesundheitsversorgung für alle zu begeistern.

«Den politischen Kollaps Thailands beschleunigen»

Die Partei Shinawatras liegt in den Umfragen vorn. Doch die Wahl könnte «den politischen Kollaps Thailands einfach beschleunigen», wie Politikexperte Joshua Kurlantzick vom US-Council on Foreign Relations kürzlich in einer Analyse vermutete.

Das Rennen um die 500 Parlamentssitze werden Pheu Thai und die Demokratische Partei von Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva wohl weitgehend unter sich ausmachen. «Jedes der denkbaren Szenarien – ein Sieg der Opposition, der wieder durch einen Putsch zunichtegemacht wird, oder ein Sieg der Demokraten mithilfe von Koalitionsgekungel – dürfte Teile der Bevölkerung zornig machen und zu weiteren Unruhen führen», mutmasste Kurlantzick. Bei den Massenprotesten gegen Abhisits Regierung vergangenes Jahr waren mindestens 90 Menschen getötet und fast 2000 verletzt worden.

Ominöse Warnung des Militärs

Angesichts von 18 Militärputschs oder Putschversuchen seit den 30er Jahren lässt Yingluck Vorsicht walten. Erst kürzlich warnte Armeechef General Prayuth Chan-ocha das Wahlvolk dunkel, nicht das Ergebnis vergangener Wahlen zu wiederholen – die letzten Male hatten Thaksin nahestehende Parteien gewonnen.

Fürchtet Yingluck, dass im Fall ihres Wahlsiegs das Militär einschreitet? «Ich glaube nicht, dass das wieder passiert», sagte sie. Prayuths Warnung sei bloss eine Mahnung gewesen «sicherzustellen, dass das Land friedlich ist». Sie hat ausdrücklich betont, dass sie den Sturz ihres Bruders nicht rächen und die Planer des Putsches, Prayuth eingeschlossen, nicht vor Gericht zerren würde. Ihre öffentlichen Auftritte sind erkennbar darauf angelegt, Kontroversen zu vermeiden.

Die Neuwahl war eine Hauptforderung der sogenannten Rothemden, die als Protest gegen Abhisit voriges Jahr monatelang Teile Bangkoks besetzt hielten. Der Beamte Nutwara Autehaloek ist einer von ihnen. «Wenn die Geschichte sich wiederholt», sagt er, wenn wieder die Opposition gewinnt und doch am Regieren gehindert wird, «dann kehren wir in noch grösserer Zahl nach Bangkok zurück». (Todd Pitman, AP)

Erstellt: 02.07.2011, 06:00 Uhr

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