Der osmanische Traum könnte zum Albtraum werden

Die Türkei steckt in einer Krise. Doch bei der Jagd nach alter Grösse lässt sich Präsident Erdogan auf gefährliche Konflikte mit den Nachbarn ein.

In Libyen sollen türkische Truppen Geschichte schreiben, sagt Erdogan. Foto: Keystone

In Libyen sollen türkische Truppen Geschichte schreiben, sagt Erdogan. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist gerade mal fünf Jahre her, aber es wirkt wie eine kleine Ewigkeit, da verabschiedete sich ein türkischer Aussenminister aus dem Amt, der einst mit der Parole angetreten war, sein Land sollte «null Probleme» mit seinen Nachbarn haben. Heute hat die Türkei vor allem eines: Probleme mit ihren Nachbarn. Der Aussenminister hiess Ahmet Davutoglu, er hat jüngst eine eigene Partei gegründet, weil er Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem er lange diente, nun für einen politischen Abenteurer hält.

Davutoglu sagte man einst nach, er strebe nach einer neoosmanischen Aussenpolitik, er wolle der Türkei zu neuer, alter Grösse verhelfen. Es war die Zeit, als arabische Revolutionen Hunger auf mehr Demokratie machten und die Türkei vielen als Vorbild galt: Ihre Wirtschaft war erfolgreich, die Politik reformfreudig, die Istanbuler Kulturszene aufregend.

Nur eine Dekade später ist das Land in einer ökonomischen Krise, politisch gezähmt und gelähmt, kulturell auf dem Weg in die Wüste. Nur der osmanische Traum ist nicht verflogen, doch der könnte sich noch als Albtraum erweisen. Geschichte würden türkische Truppen nun in Libyen schreiben, sagt Erdogan, und nennt die Libyer ein «Brudervolk». Türkische Soldaten stehen auch auf syrischem Boden und im Nordirak. Die Mehrheit im türkischen Parlament folgt dem Präsidenten bislang in jeden Kriegseinsatz, auch ohne UN-Mandat oder Nato-Order. Und der zeternden Opposition hält der Oberbefehlshaber Erdogan entgegen, sie habe die osmanische Geschichte vergessen und auch die der Republik, schliesslich habe deren Gründer, Kemal Atatürk, auf libyschem Boden gekämpft.

Erdogan hat die Türkei völlig auf sich zugeschnitten

Nur war dies vor mehr als hundert Jahren, vor Erschaffung der modernen Türkei, im Krieg gegen Italien, und der endete nicht gut für das Osmanische Reich. 1912 musste es Tripolitanien und die Cyrenaika, zwei der drei historischen Provinzen Libyens, an Italien abtreten, und die Inseln des Dodekanes. Jene griechischen Inseln also, darunter Rhodos und Kos, über die Erdogan Ende 2016 sagte: «Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.» Das klang, als wolle er am Vertrag von Lausanne rütteln, in dem 1923 die Grenzen der Türkei und Griechenlands festgeschrieben wurden.

Für Athen war das eine maximale Provokation. So richtig entspannt ist das Verhältnis der Nachbarn seither nicht mehr. Dabei gehörte Griechenland lange zu den entschiedensten Unterstützern eines EU-Beitritts der Türkei, schon aus Selbstschutzgründen: Eine an Europa gebundene Türkei ist für das kleine Griechenland weniger gefährlich als ein instabiler Nachbar, der mit seiner Grösse kokettiert.

Als Erdogan damals Athen provozierte, hatte die Türkei gerade einen Putschversuch überstanden, sie war ein tief verunsichertes Land. Seitdem hat Erdogan den Staat völlig auf sich zugeschnitten, Kontrollmechanismen sind weggefallen, kritische Ratgeber verschwunden, die Aussenpolitik ist ein Anhängsel des Palasts. Nur so war es möglich, dass Ankara jüngst – zusätzlich zu einem Militärabkommen – auch einen Vertrag mit Libyen über gemeinsame Seegrenzen schloss, zur Ausbeutung von Energievorkommen im Meer – ohne Konsultationen mit den Nachbarn. Dass in dem Seegebiet auch die griechischen Inseln Rhodos, Kos und Kreta liegen, übersah Ankara mit Absicht.

Die Türkei will ihre Energieversorgung sichern – koste es, was es wolle

Für die Türkei geht es in Libyen daher nicht nur um den Schutz für ein «Brudervolk» und um eine von Rebellen bedrängte Regierung, sie hat das grössere Bild im Blick. Die Türkei ist ein energiehungriges Land, sie ist bei Öl und Gas zu fast 100 Prozent von Importen abhängig, und sie sucht nach eigenen Quellen, koste es was es wolle. Dafür geht sie auch militärische Abenteuer ein, in Libyen, Syrien und im östlichen Mittelmeer, wo sie ihre Forschungsschiffe vor Zypern von der Marine begleiten lässt.

Es hätte einen anderen Weg gegeben. Als vor wenigen Jahren Erdgasvorkommen vor Israel, Zypern und Ägypten entdeckt wurden, gab es Hoffnung auf Wohlstand für alle und auf eine Art Friedensdividende. Schliesslich wird Gas zu Geld gemacht, indem man es dorthin transportiert, wo es gebraucht wird. Zum Beispiel nach Europa. Die Türkei hätte sich als Transitland angeboten, aber da gibt es den Zypernkonflikt, an dessen Unlösbarkeit nicht nur Ankara schuld ist, und mit Israel liegt die Türkei auch im Clinch.

Wie eng die Dinge verknüpft sind, zeigte sich am Donnerstag: In Ankara beschloss das Parlament die Entsendung türkischer Truppen nach Tripolis – und in Athen bekundeten die Regierungen Griechenlands, Zyperns und Israels ihre Entschlossenheit, eine absurd teure 2000 Kilometer lange Unterwasserpipeline von Israel nach Griechenland und dann weiter nach Italien zu bauen. Sowohl technisch wie ökonomisch ist das auch ein Abenteuer. Dass man es nun ins Auge fasst, zeigt, wie verfahren die Lage im Mittelmeer ist, und was folgt, wenn Diplomatie durch Machtdemonstrationen ersetzt wird.

Erstellt: 02.01.2020, 20:25 Uhr

Artikel zum Thema

Türkisches Parlament stimmt für Truppenentsendung nach Libyen

Erdogan darf Soldaten nach Tripolis schicken, um die Regierungstruppen im Kampf gegen General Haftar zu unterstützen. Mehr...

Erdogan will einen zweiten Bosporus

Der türkische Präsident will verwirklichen, was er selber als «verrückt» bezeichnet hat: einen künstlichen Seeweg quer durch Istanbul. Mehr...

Erdogan stellt türkisches Elektro-Auto vor

Erstmals seit 60 Jahren wagt sich die Türkei an die Produktion eines eigenen Automobils. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...