«Die Ankündigung, keine Kinder zu töten, ist mehr als zynisch»

Der Angriff der Taliban auf eine Schule ist einer der schwersten Anschläge in Pakistan der letzten Monate. Korrespondent Arne Perras über die Hintergründe des Geiseldramas.

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Beim Taliban-Angriff auf eine Schule in Peshawar sind bisher mindestens 130 Menschen getötet worden, die Opferzahl steigt laufend. Wie viele Personen befinden sich noch in der Schule?
Die Lage ist unübersichtlich, es sind schwere Gefechte im Gang. Es gibt Berichte, wonach viele Schüler fliehen konnten. Gemäss unbestätigten Informationen befinden sich 400 bis 500 Personen in der Schule, mehrheitlich sind es Schüler. Bei den Angreifern handelt es sich um mindestens sechs Selbstmordattentäter.

Was ist der Hintergrund dieser Taliban-Attacke?
Die Taliban haben deutlich gemacht, dass es sich um einen Vergeltungsschlag gegen die pakistanische Armee handelt. Es ist eine Reaktion auf die seit dem letzten Sommer andauernde Offensive der Armee in Waziristan. Bei dieser Offensive, die auch aus der Luft geführt wird, sollen mehrere Hundert, teils hochrangige Taliban-Kämpfer getötet worden sein. Die Taliban reagieren mit Selbstmordanschlägen und Überfällen wie jetzt auf die Schule in Peshawar. Weil Kinder von Armeeangehörigen diese Schule besuchen, glauben die Taliban, dass sie mit dieser Attacke eine maximale Wirkung erzielen im Kampf gegen die Armee.

Viele Opfer sind Kinder. Ist das eine neue Qualität der Schreckensstrategie der Taliban?
Leider ist das eine in Pakistan inzwischen akzeptierte Normalität in extremistischen Kreisen. Die Ankündigung der Taliban, keine Kinder zu töten, ist mehr als zynisch. Im Kalkül dieser Extremisten ist es durchaus eingeplant, dass Zivilisten zu Tode kommen. Auch die Tötung von Kindern wird in Kauf genommen. Die Taliban wählen symbolische Anschlagsziele aus. Sie wollen den Staat treffen und durch eine hohe Opferzahl eine grosse Wirkung erzielen. Der heutige Angriff auf die Schule in Peshawar ist einer der schwersten Anschläge der letzten Monate in Pakistan.

Wie wird die pakistanische Armee auf diesen Taliban-Angriff reagieren?
Die Armee wird ihren Kampf gegen die Aufständischen nicht einstellen können. Denn zu Friedensgesprächen sind beide Seiten derzeit nicht bereit. Die Armee wird also ihre Offensive in Waziristan fortsetzen. Das ist auch ein Nervenkrieg, ein Krieg um die psychologische Hoheit im Machtkampf gegen die Aufständischen. Würde die Armee ihre Offensive nicht fortsetzen, wäre dies ein Gesichtsverlust und ein Zeichen von Schwäche. Der pakistanische Staat ist massiv unter Druck, und das Leiden der Bevölkerung nimmt mit jedem Anschlag zu.

Erstellt: 16.12.2014, 12:29 Uhr

Arne Perras ist Asien-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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