Die Burka der 16-jährigen Bushara verbirgt Scham und Wut

Bushara ist eine Rohingya. Im Flüchtlingslager sucht die 16-Jährige Hilfe bei einer Nachbarin – doch die verrät sie an Menschenschmuggler.

In die Hölle geblickt: Frauen im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesh erzählen von Gewalt und Verschleppung. Foto: Wong Maye-E (AP)

In die Hölle geblickt: Frauen im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesh erzählen von Gewalt und Verschleppung. Foto: Wong Maye-E (AP)

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Ihre Augen blitzen durch den schmalen Spalt im Stoff, huschen nach links, rechts. Es ist fast dunkel im Zelt, etwas Sonnenlicht fällt durch den Eingang ins Innere. Draussen klappert jemand mit Geschirr, Gemurmel ist zu hören, Männer kochen Tee. Bushara sitzt auf dem Boden, in eine schwarze Burka gehüllt.

Wenn Bushara spricht, klingt es, als sei sie gerade sehr schnell gelaufen, ausser Atem. Aber sie sitzt reglos da, nur wenn einer ihrer schmalen Füsse unter dem Saum des Überwurfs hervorschaut, zieht sie ihn zurück unter den schwarzen Stoff. Der Ganzkörperschleier wirkt wie ein Schutzschild, hinter dem Bushara sich verbergen kann. Die 16-Jährige würde es sonst nicht schaffen, zu reden. Über die Frau, die alles eingefädelt hat. Über ihre Fahrt nach Norden. Die sieben Männer, die dort auf sie warteten. Das dunkle Zimmer, durch dessen Mauern kein Schrei nach draussen drang.

Video: Leben im Flüchtlingslager

Laut der Unicef ist die Lage für die Rohingya in den Camps in Bangladesh kritisch. Das gelte insbespondere für Flüchtlingskinder. Video: TA/Reuters

Sie habe diese Burka erst gar nicht haben wollen, sagt Bushara. Jemand hat sie ihr geschenkt, als sie in das Flüchtlingscamp Kutupalong kam. Sie hatte ja kaum etwas von ihren eigenen Sachen retten können. Und so nahm sie dieses Stück Stoff, schwarz, mit goldenen Stickereien. «Ich lebe jetzt in Bangladesh und trage, was mir die Leute geben.» Längst nicht alle einheimischen Frauen sind so dicht verschleiert, aber religiöse Gruppen verteilen hier Burkas an Flüchtlinge aus dem Nachbarland Burma. Anfangs wusste das Mädchen nicht viel anzufangen mit diesem unförmigen Kleidungsstück. Zu Hause trug sie bunte Kopf­tücher und Wickelröcke. Das mochte sie. Aber jetzt, wo sie ihre Tränen verbergen möchte, die Wut, die Scham, die Ohnmacht, da ist die Burka nützlich.

Ein Ausweg aus dem Elend

Hinter Bushara sitzt ihre Tante, neben ihr eine Helferin aus Bangladesh. Beide wissen, was die junge Frau durchlitten hat. Sonst weiss es kaum jemand. Deshalb der geheime Treffpunkt, weit weg von ihrem Zelt. Bushara will nicht riskieren, dass Nachbarn etwas erfahren. Sie fürchtet, dann nicht mehr heiraten zu können. «Und alles wegen dieser Frau», sagt sie. Sie wünschte, sie könnte sie finden und auf die Polizeistation zerren, damit sie ihre Strafe bekommt.

Aber die Frau, die alle Zahida nennen, ist erst einmal abgetaucht.Eines Tages war sie zu Bushara gekommen und hatte sie in ein Gespräch verwickelt. Ob sie nicht ein wenig Geld brauchen könne? Sie wüsste da was. In der Stadt könnte Bushara einen guten Job bekommen. «Ganz entspannt» wäre das, hat die Frau gesagt. Eine Familie suche eine Haushaltshilfe. Als Flüchtling darf Bushara das Camp nicht verlassen, aber Zahida sagte, sie wisse auch da einen Weg. Für das Mädchen klang das, als könnten sich so viele Probleme lösen. Sie hatte kein Geld, war abhängig von dem Essen, das Helfer verteilten. Aber sie wollte keine Bittstellerin sein, wollte einen Weg finden, dem Elend zu entkommen, fort aus den Zelten und Verschlägen. Fort aus Kutupalong.

Hier, im äussersten Südosten von Bangladesh, liegen die grossen Lager für Rohingya-Flüchtlinge. Es sind Muslime aus dem Westen Burmas, eines Landes, das mehrheitlich von Buddhisten bewohnt ist. Immer wieder war dort Gewalt aufgeflammt, in mehreren Wellen wurden Menschen über die Grenze getrieben: 1978, 1991, 2012, 2016. Aber nie waren es so viele wie seit dem 25. August 2017. Rebellen der selbst ernannten Rohingya-Heilsarmee überfielen Polizeiposten in Burma. Und die Gegenoffensive der Armee fiel so brutal und gnadenlos aus, dass 650'000 Rohingya über die Grenze flohen. Die UNO spricht von ethnischen Säuberungen.

«Nahezu alle, die im Camp ankommen, sind gefährdet»Fiona MacGregor, International Organisation for Migration

Und viele der geflohenen Muslime landen in Kutupalong. Zehntausende Zelte stehen hier auf längst abgeholzten kargen Hügeln. Ein riesiges Labyrinth, erbaut aus Bambus, notdürftig bedeckt mit Plastikplanen in den Farben Blau, Schwarz, Orange. Die Pfade durch das Camp sind schlüpfrig und schmal, es stinkt nach Kot und Urin. Kinder kreischen, Greise schleppen Holz auf dem Kopf, barfüssig. In einer sumpfigen Senke, dem einzigen freien Flecken weit und breit, versuchen ein paar Jungs, Fussball zu spielen. Aber der Ball bleibt im knöcheltiefen Dreck stecken.

Bushara war hier Anfang September zusammen mit sechs anderen Frauen und Mädchen angekommen. Vor ihrer Flucht hatte sie gesehen, wie Soldaten Menschen in ihren Hütten einsperrten und Feuer legten. «Sie sind alle lebendig verbrannt.» Sie sah, wie Soldaten den Frauen hinterherjagten. Bushara und ihre Schwestern wussten: Sie müssen weg. In dem ganzen Chaos verloren sie ihre Eltern, flohen weiter mit einer Tante, hasteten über die Felder, überquerten die Grenze und landeten schliesslich in Kutupalong. Der Gewalt der Soldaten waren sie entkommen, aber welches Leben erwartete sie? Die Rohingya sind staatenlos, kein Land will sie haben. Es sind Menschen ohne Rechte. Und deshalb leichte Beute.

«Menschenhandel ist ein wachsendes Problem in den Lagern», sagt Fiona MacGregor von der International Organisation for Migration. Gerade jetzt, wo Hunderttausende Neuankömmlinge nach einem Platz suchen. Mindestens 2500 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, seien allein seit September verkauft worden oder verschwunden, sagt die Hilfsorganisation Help. Viele von ihnen landeten in geheimen Bordellen, andere schuften nun für fremde Familien, ohne Lohn. «Nahezu alle, die im Camp ankommen, sind gefährdet», sagt Helferin MacGregor. Die Sehnsucht, dem zermürbenden Alltag im Lager zu entkommen, ist riesig. Die Menschenhändler haben leichtes Spiel. Die Kriminellen setzen Flüchtlinge als Vermittler ein. Leute wie Zahida. Rohingya verkaufen Rohingya. Alltag in Kutupalong.

Bilder: Flüchltingsströme aus Burma

Auch Abdul Malik, der auf einer Kuppe wohnt, kennt die Vermittlerin mit dem Namen Zahida. «Sie hat meine Tochter mitgenommen», sagt er. Leila, 16 Jahre alt. Der Vater ist 38, ein ergrauter Mann mit gestutztem Vollbart. Er sitzt auf einem Hocker in seiner Hütte. Abdul Maliks Augen sind gerötet, er zittert am ganzen Körper und sagt: «Ich weiss nicht, ob ich Leila jemals wiedersehen werde.» Die Familie lebt schon seit den 90er-Jahren in Kutupalong, Ma­liks Tochter ist hier aufgewachsen, sie haben irgendwann das Zelt gegen eine Lehmhütte eingetauscht.

Die Familie Malik gehört damit zu den Alteingesessenen im Lager. Das hat Vorteile, man kennt sich aus im Labyrinth. Aber für Leila war es irgendwann nicht mehr auszuhalten, das Camp war ihr Käfig. Und da war die Nachbarin Zahida, die ihr Aufmerksamkeit schenkte und freundlich mit ihr sprach. Sie entwarf das Bild eines ganz anderen Lebens für Leila. Einen Job als Köchin sollte sie bekommen. Leila bettelte bei ihrer Familie, gehen zu dürfen, sie war aufgeregt. Der Vater traute der Sache nicht. Er wollte, dass seine Tochter bleibt. «Leila aber hat nicht auf mich gehört», sagt Malik und sinkt immer tiefer in sich zusammen auf seinem Hocker. Er wischt sich mit dem Ärmel über die Augen. «Sie ist einfach mitgegangen, mit Zahida.»

Schuften für 30 Franken im Monat

Dafür hinterliess die Vermittlerin der Familie Malik später 3000 Taka, gut 30 Franken, wie der Vater erzählt. Das sollte ein Vorschuss auf Leilas Lohn sein. Nach einigen Tagen meldete sich die Tochter per Telefon, viel war ihr nicht zu entlocken, aber alles schien in Ordnung zu sein. Die Eltern sollten sich nicht sorgen, sagte Leila. Beim nächsten Telefonat war nichts mehr in Ordnung, die Stimme der Tochter klang nervös. Malik erinnert sich. «Sie sagte: Vater, ich bin eingesperrt. Ich weiss nicht, was mit mir passiert.» Dann war die Verbindung weg. Seither fürchtet Abdul Malik das Schlimmste. Er ist überzeugt, dass seine Tochter verkauft wurde.

Später kam noch mal die Vermittlerin Zahida vorbei. Sie sagte, Leila habe ihren Job hingeworfen, sei weggelaufen. Das sei schlecht, und sie müsse leider den Vorschuss zurückfordern. Der Vater gab ihr das Geld und flehte sie an, seine Tochter zurückzubringen. Doch Zahida sagte, da könne sie nichts machen. Der Vater brach zusammen, er hat sich seither kaum erholt. «Ich kann gar nicht mehr richtig mit ihm sprechen», sagt Leilas Mutter, umringt von ihren jüngsten Kindern. Sie bete Tag für Tag, sagt die Mutter. Aber kein Anruf von Leila. Abdul Malik redet nun oft wirres Zeug, manche Nachbarn sagen, er sei dem Wahnsinn nahe.

Und Bushara, die junge Frau in der Burka? Vermittlerin Zahida schmuggelte auch sie an einem Tag im November an den Checkpoints der Armee vorbei. Dann fuhren beide gemeinsam in einem Bus nach Norden. In der Stadt Chittagong hatten sie ihr Ziel erreicht, eine Familie wartete auf Bushara, ihre neue Arbeitskraft. Bushara sollte dort den Haushalt machen, kochen, putzen, waschen, für 30 Franken im Monat, wie versprochen. Anfangs lief es ganz gut. Doch nach einigen Tagen fühlte Bushara sich einsam, vermisste ihre Eltern. Sie hatte plötzlich das Gefühl, sie müsse zurück, um nach ihrem Vater und ihrer Mutter zu suchen. Waren sie überhaupt noch am Leben? Hatten sie es vielleicht doch ins Camp von Kutupalong geschafft? Bushara rief Zahida an und sagte, sie wolle nicht weiterarbeiten. Sie müsse ihre Eltern finden.

Luftbild des Rohingya-Flüchtlingslagers Kutupalong in Bangladesh. Foto: Bernat Armangue (AP)

Die Vermittlerin versprach, sie abzuholen und zurück ins Camp zu schleusen. Bei einem Zwischenstopp aber liess Zahida das Mädchen alleine und sagte, jemand anderes werde sie ins Flüchtlingslager zurückfahren. Kurz darauf erschienen zwei junge Männer. Bushara zögerte, sie wollte mit diesen Gestalten nicht mitgehen, aber die Männer liessen nicht locker, packten sie am Arm. Bushara wollte schreien, aber sie schaffte es nicht, fühlte sich wie gelähmt. So führten die Männer das Mädchen fort, in eine abgelegene Gasse.

Bunte Kleider wie zu Hause

Es war schon Abend, erinnert sich Bushara. Halb neun, an einem Dienstag. Sie kamen zu einem Haus, in dem sieben Männer auf sie warteten. Sie führten sie in ein Zimmer und sagten, dass es nichts nützen würde zu schreien. Niemand könne sie hören, sie seien hier ganz allein. Dann gingen fünf Männer hinaus, zwei blieben und versperrten von innen die Tür. «Sie haben mich die ganze Nacht lang gefoltert», sagt Bushara. Sie spricht nur noch leise, flüstert jedes Wort ins Ohr der Helferin. Dann weint sie, die Helferin signalisiert, dass es Zeit sei, das Gespräch zu beenden.

Aber das will Bushara noch erzählen, wie sie wieder freigekommen ist. Am frühen Morgen hatte einer der Männer offenbar vergessen, die Tür von aussen zu versperren. «Wenn ich nicht die Flucht riskiert hätte, wäre ich vielleicht noch immer dort gefangen.» Sie schlich sich hinaus, es war noch dunkel, alle schienen zu schlafen, sie rannte und rannte. Völlig erschöpft traf Bushara schliesslich auf Leute am Wegrand. Die sahen, wie schlecht es dem Mädchen ging, und halfen ihm. So fand Bushara zurück ins Camp. Dort betet sie jetzt jeden Tag, dass ihre Mutter und ihr Vater irgendwo auftauchen, zwischen den Zelten von Kutupalong, und dass sie ihre verlorene Tochter dann in die Mitte nehmen. Dann würde sie auch den schwarzen Schleier wieder ablegen. «Ich möchte wieder Wickelröcke und bunte Kleider tragen können», sagt sie. Wie damals, zu Hause in Burma. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2018, 23:58 Uhr

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