Die Gefahr Pakistan

Hier hatte Osama Bin Laden Unterschlupf gefunden. Trotzdem werden die USA das Land nicht fallen lassen. Zu bedrohlich ist Pakistans Freundeskreis: al-Qaida, Nordkorea, Iran, China.

Demonstration der Stärke: Pakistanische Missile an einer Militärparade 1999.

Demonstration der Stärke: Pakistanische Missile an einer Militärparade 1999. Bild: Keystone

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«Allah sei gelobt!», rief Muhammad Ar-shad und drückte auf den Knopf. Es war 15.16 Uhr am 28. Mai 1998. Die Zündung, die er erfunden hatte, funktionierte. Im Südwesten von Pakistan bebten die Ras- Koh-Berge. Fünf Atombomben explodierten in einem kilometerlangen Tunnel in den Granitfelsen. Pakistan hatte es der Welt bewiesen: Die islamische Republik gehörte zum exklusiven Klub der Atommächte – und musste sich vor Erzfeind Indien nicht verstecken.

Indien hatte nur 15 Tage zuvor fünf Sprengköpfe unterschiedlicher Bauart zur Explosion gebracht. Pakistan legte am 30. Mai noch einmal nach: Eine sechste Bombe wurde gezündet, ein Signal der Stärke an die eigene Bevölkerung. Es stand 6:5 für Pakistan in der subkontinentalen Atomfehde. Pakistans Ambitionen zielen allerdings weit über den Subkontinent hinaus. Es sieht sich als Vorreiter aller islamischen Länder. «Wir haben ein Recht auf diese Technologie», sagte etwa Militärherrscher Mohammed Zia-ul-Haq 1986. «Und wenn wir diese Technologie besitzen, wird die islamische Welt sie mit uns besitzen.» Nach der Tötung von Osama Bin Laden im Vorgarten des pakistanischen Militärs, aber angeblich ohne dessen Mitwissen, stehen die USA vor jenem Dilemma, das die Beziehungen zu Pakistan seit Jahrzehnten bestimmt: Pakistan ist ein unersetzlicher Verbündeter in einer Krisenregion von globaler Bedeutung. Aber Pakistan ist auch eine Gefahr. Seine Existenz gründet auf einem kämpferischen islamischen Glauben. Es beherbergt und fördert militante Islamistengruppen. Es hat freundschaftliche Beziehungen zu Nordkorea, versteht sich gut mit dem Nachbarn Iran – und hat mit China einen Verbündeten im Ringen mit Indien, der die USA jederzeit als wichtigster Förderer Pakistans ersetzen könnte.

100 Nuklearwaffen

Aber die grösste Gefahr geht von Pakistans Nukleartechnologie aus. Nicht, weil Terroristen hier eine Atombombe in die Hände fallen könnte. Pakistan besitzt keine nuklearen Sprengköpfe, die auf Knopfdruck zum Einsatz bereit sind. Seine etwa 100 Nuklearwaffen sind in Einzelteile zerlegt, die an unterschiedlichen, geheimen Orten gelagert werden. Ein solcher Bausatz kann zwar in wenigen Tagen zusammengesetzt werden, wie im Mai 1998 demonstriert wurde. Aber diese Bomben sind wohl sicher.

Das gilt nicht für das nukleare Know-how. Kein Land hat die Kontrolle gefährlicher Nukleartechnologie in den letzten Jahren so massiv untergraben wie Pakistan. Der «Vater der pakistanischen Atombombe», Abdul Qadeer Khan, hat bis 2003 ein weltumspannendes Netzwerk betrieben, um die Ausrüstung für die Herstellung einer Bombe zu verkaufen. Ende der Neunzigerjahre, noch vor den Atomtests in seinem Land, war Khan in der islamischen Welt auf Verkaufstour. In Libyen fand Khan einen willigen Kunden. Muammar al-Ghadhafi bestellte bei dem Pakistaner und seinem Netzwerk das Komplettprogramm.

Die Rolle der Tinners

Entscheidende Handlanger Khans waren der Schweizer Friedrich Tinner und seine beiden Söhne Urs und Marco. Die Unternehmer stellten Teile für Zentrifugen zur Anreicherung von Uran in der Ostschweiz her, liessen andere Komponenten in Malaysia und Dubai bauen, überwachten Lieferungen und Zahlungsverkehr. Irgendwann wurden sie von der CIA rekrutiert, die Khan schon lange überwacht hatte. Von Urs Tinner kamen die Hinweise, die Libyens Atomprogramm 2003 auffliegen liessen.

Die Aufdeckung des Khan-Netzwerkes war für Pakistan ein ähnlich peinlicher Moment wie die Tötung von Osama Bin Laden. Das Land hatte sich vor aller Welt blamiert. Und es stellten sich Anfang 2004 dieselben Fragen wie in diesen Tagen: Was wusste Pakistans Regierung, was wussten die Militärs, was der Geheimdienst? Ist es denkbar, dass der berühmteste Wissenschaftler des Landes, in der Bevölkerung als Held verehrt, ohne Wissen des allmächtigen Sicherheitsapparates die wertvollsten Geheimnisse seines Landes verkaufte? Der damalige Militärmachthaber, General Pervez Musharraf, behauptet, von nichts gewusst zu haben. Khan habe zur eigenen Bereicherung gearbeitet. Nach anfänglichem Zögern wurde Khan unter Hausarrest gestellt, vom Geheimdienst verhört, zu einer Entschuldigung im pakistanischen TV gezwungen – und in Ruhe gelassen. Bis heute dürfen keine ausländischen Experten mit ihm über sein Netzwerk reden.

Klar ist jedoch, dass Khan nicht nur mit Libyen Geschäfte machte. Er hat schon in den Achtzigerjahren Nukleartechnologie an den Iran geliefert – mit dem Einverständnis der pakistanischen Führung. Die Zentrifugen, die im Iran im Einsatz sind, sind vom selben Typ wie jene, deren Pläne Khan Anfang der Siebzigerjahre in Europa gestohlen hat, um Pakistan den Weg zur Atombombe zu eröffnen. Der Iran hat solche Kontakte gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zugegeben. Der pakistanische Geheimdienst sagt zur Erklärung: «Wegen der religiösen und ideologischen Affinität empfindet Pakistan für den Iran grosse Zuneigung.»Aber Khan ging noch weiter. Er behauptete, dass den Iranern auch Pläne für Atomwaffen angeboten wurden. «Wenn Iran Nukleartechnologie hat, können wir in der Region einen starken Block bilden, um uns internationalem Druck zu widersetzen», sagte er 2009. «Die nuklearen Fähigkeiten des Iran werden Israels Macht neutralisieren.»

Tauschgeschäfte mit Nordkorea

Noch enger ist Pakistans Zusammenarbeit mit Nordkorea. Hier läuft ein Tauschgeschäft, das vermutlich andauert. Nordkorea liefert Pakistan Raketenpläne im Tausch für Nukleartechnologie. Die Raketen, mit denen Pakistan seine Atombomben in indische Städte wie Delhi oder Mumbai schiessen kann, stammen aus Nordkorea.

Nordkorea hatte für seine Atombomben anfangs auf Plutonium gesetzt, das in einem kleinen Forschungsreaktor hergestellt wurde. Aber der Reaktor ist abgeschaltet – und die Plutonium-Verarbeitung viel komplizierter als der Umgang mit Uran. Deshalb bastelt Nordkorea seit Jahren an einer Anlage zur Anreicherung von Uran. Khan sagt, er habe schon in den Neunzigerjahren ausgemusterte Zentrifugen und deren Baupläne nach Nordkorea geliefert. Pervez Musharraf, von 1998 bis 2007 Generalstabschef und von 2001 bis 2008 Präsident Pakistans, will davon nichts gewusst haben. Ob offiziell oder unter der Hand, Nordkorea hat den Einsatz der Zentrifugen gemeistert. Ende 2010 gewährten die Nordkoreaner einer Delegation aus den USA einen Blick in ihre Anreicherungsanlage. Pakistan ist mitverantwortlich dafür, dass die letzte stalinistische Diktatur der Welt einen zweiten Weg zur Atombombe gefunden hat.

Massiver Druck der USA

Was Nordkorea tut, bleibt dessen grosser Schutzmacht China kaum verborgen. Aber auch China pflegt eine enge nukleare Kooperation mit Pakistan. Es soll den Pakistanern beim Bau von Zentrifugen und sogar mit der Lieferung von hoch angereichertem, also waffenfähigem Uran unter die Arme gegriffen haben. Mehr noch: Einer der brisantesten Funde im Haus der Tinners im Kanton St. Gallen stammte aus China. Es war ein Bauplan für einen nuklearen Sprengkopf. Khan hatte sie Libyen in einer Plastiktüte überlassen, die Tinners machten sich eine Kopie.

Diese explosiven Unterlagen wurden nach der Verhaftung der Tinners in Bern aufbewahrt und führten zu massivem Druck aus den USA, dem der Bundesrat letztlich nachgab. Unter der Federführung des damaligen Justizministers Blocher erteilte die Regierung sich eine Sondergenehmigung und liess Berge von Dokumenten zerstören – obwohl die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchungen gegen die Tinners noch längst nicht abgeschlossen hatte. Die Schredderaktion löste Empörung im Parlament aus, führte zu einem kritischen GPK-Bericht. Die Affäre ist nicht abgeschlossen. Derzeit formuliert die Bundesanwaltschaft eine Anklageschrift gegen die Tinners.

Indiens Sonderstatus

Chinas Kooperation mit Pakistan hat all das nicht gestört. Auch wenn China in internationalen Verträgen versprochen hat, nukleare Technologie nicht an Staaten wie Pakistan zu liefern, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben – die Chinesen halten daran fest, dass sie in Pakistan zwei Atomkraftwerke bauen wollen. Für China macht das strategisch Sinn. Indem es Pakistan stärkt, kann es nicht nur eine Front gegen den Rivalen Indien bilden. Es stört gleichzeitig die Kreise der USA sowohl in Pakistan als auch in Indien.

Denn die USA verfolgen in ihren Beziehungen zu Indien eine riskante Strategie: Sie haben mit dem Staat 2008 ein Abkommen zur Förderung friedlicher Nukleartechnologie unterzeichnet. Das hätte nicht passieren dürfen, denn auch Indien hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, und die USA dürfen an ein solches Land keine atomtechnische Ausrüstung liefern. Doch George W. Bush hat sich in jahrelanger diplomatischer Arbeit darum bemüht, für Indien einen Sonderstatus auszuhandeln – mit Erfolg. So soll Indien zur Kooperation mit der IAEA gedrängt werden, was tatsächlich abzusehen ist. Gleichzeitig hoffen US-Kraftwerkbauer auf Milliardenaufträge im Wachstumsmarkt Indien.

Drei Milliarden Dollar US-Hilfe

Pakistan ist verärgert über die Sonderbehandlung seines Erzfeindes. Allzu scharf protestiert es aber nicht – und wird auch jetzt, im Aufruhr um die Bin-Laden-Aktion, nicht allzu laut werden. Es stehen drei Milliarden Dollar Hilfe aus den USA auf dem Spiel. Dass Abgeordnete im Kongress Verdacht schöpfen, Pakistan habe heimlich Osama Bin Laden Unterschlupf gewährt, wird an den Zahlungen kaum etwas ändern. Die USA erkaufen sich so Einfluss auf ein Land, das sonst sehr gefährlich werden könnte. Al-Qaida, die Taliban, Nordkorea, Iran, China – Pakistan hat einen bedrohlichen Freundeskreis. Und die Atombombe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2011, 12:37 Uhr

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