Die Katastrophe dauert an

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Japan säubert mit riesigem Aufwand die Zone rund um das zerstörte AKW. Aber kaum jemand will zurück.

Die Nord-Süd-Strassenverbindung hinter der Kraftwerkruine Fukushima Daiichi ist wieder offen. Doch an jeder Kreuzung sind Strassensperren, Polizisten mit Atemschutz prüfen Sonderbewilligungen. Die Parkplätze im Städtchen Namie sind verbarrikadiert, die Läden verrammelt. Vor einem verlassenen Wohnhaus graben Arbeiter den Garten um. Sie tragen die oberste Erdschicht ab, eine Dekontaminierungsmassnahme. In Namie – zehn Kilometer nördlich des AKW – tobt der Kampf gegen die Radioaktivivät.

Tokio klassifiziert den Ortskern als «Zone, die für die Aufhebung der Evakuierung vorbereitet wird». In einem Jahr soll das Leben zurückkehren. Das übrige Gemeindegebiet, vor allem die Hänge im Nordwesten, bleiben auf Jahre unbewohnbar. Auf ehemaligen Reisfeldern liegen Millionen schwarzer 1000-Liter-Plastiktüten gefüllt mit verstrahlter Erde, bereit zum Abtransport. Doch ein Endlager hat man noch nicht gefunden.

Mehr als 93 000 Flüchtlinge aus der 213 Quadratkilometer grossen Sperrzone rund um das AKW Fukushima leben auch nach fünf Jahren noch in Notunterkünften. Von jenen, die aus Namie fliehen mussten, wollen nur wenige zurück. Dennoch tut Japans Regierung alles, die Zone so weit zu dekontaminieren, dass sie Evakuierungsbefehle aufheben kann. Denn dann muss sie die Flüchtlinge nicht mehr entschädigen. Vor allem aber will sie zeigen, dass selbst eine Atomkatastrophe dieses Ausmasses bewältigt werden kann. Sie will die Atomkraft im Land wieder salonfähig machen, um die AKW-Betreiber vor der Pleite zu retten.

Japans Öffentlichkeit dagegen lehnt die Atomkraft mehrheitlich ab. Inzwischen widersetzen sich auch die meisten Kommunen und die sonst regierungstreuen Richter. Am Mittwoch stoppte ein Bezirksgericht in Westjapan die Inbetriebnahme des AKW Takahama. Und überall in Japan, selbst in der Sperrzone, werden Solaranlagen gebaut.

Vor allem Alte kehren zurück

In der Ruine von Fukushima arbeiten täglich 7000 Menschen. Die Bergung der drei geschmolzenen Reaktorkerne soll nächstes Jahr beginnen, allerdings hat man dafür noch kein Konzept. In Tanks haben sich 700 000 Tonnen verstrahltes Grundwasser angesammelt. Niemand spricht mehr von 40 Jahren, in denen Fukushima bewältigt werden soll, jetzt sind es 70 Jahre. Die Katastrophe ist nicht überwunden, sie dauert an. Auch wenn die Regierung die Rückkehr zur Normalität propagiert.

Die Gemeinde Naraha südlich vom Kraftwerk ist die einzige in der Sperrzone, die bereits freigegeben wurde. Doch von 8000 Einwohnern sind nur 440 zurückgekehrt, vor allem alte Leute. Die Läden bleiben geschlossen, viele Häuser sind nach Erdbeben und Tsuna-mi noch nicht repariert. Ein Postbote leert leere Briefkästen, am Bahnhof kommen täglich acht Zügen an – fast ohne Passagiere. Hier ist Endstation.

Über dem Fahrkartenschalter hängt eine elektronische Anzeige: Sie misst 0,15 Mikrosievert pro Stunde. Diese Belastung ist mit in der Schweiz tolerierten Werten vergleichbar. Auf der Nord-Süd-Verbindung durch die Sperrzone betrug die Strahlung 4,4 Mikrosievert pro Stunde. Das Strassenamt veröffentlicht Tabellen, die vorrechnen, wie viel Strahlung man pro Fahrt durch die Sperrzone abbekommen hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2016, 23:12 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

«Kaffee ist wie ein Gewürz»

Zum Abschluss eines guten Essens gehört ein Kaffee. Dieser kann aber auch eine raffinierte Zutat in schmackhaften Gerichten sein.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...