Interview

«Die Nato soll nur Waffen liefern und Geld geben»

Bundeswehr-Historiker Michael Wolffsohn fordert, dass für Syriens Zivilisten Schutzzonen eingerichtet werden. Und die Rebellen sollen vom Ausland «massiv bewaffnet» werden.

«Bislang besteht kein militärisches Gleichgewicht»: Ein Junge in den Trümmern seines Hauses, nachdem die Kleinstadt Taftanaz im Nordwesten Syriens von Assads Militär angegriffen wurde. (Bild vom 05.06.2012)

«Bislang besteht kein militärisches Gleichgewicht»: Ein Junge in den Trümmern seines Hauses, nachdem die Kleinstadt Taftanaz im Nordwesten Syriens von Assads Militär angegriffen wurde. (Bild vom 05.06.2012) Bild: Keystone

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Wie können weitere Massaker an der syrischen Zivilbevölkerung vermieden werden?
Krokodilstränen reichen nicht. Und statt Worte der Trauer braucht es nun schnell konkrete Massnahmen. Aus der Türkei und/oder Jordanien müssen Schutzzonen errichtet werden. Dazu gehört ein Flugverbot, was einfach durchsetzbar wäre, weil die syrische Luftwaffe sehr schwach ist. Die türkische Armee könnte diese Aufgabe übernehmen, unterstützt von dazu bereiten arabischen Staaten. Ein UNO-Mandat ist dazu nicht notwendig. Wenn die Weltorganisation ihre Aufgabe nicht wahrnimmt, nämlich Massenmorde zu verhindern, muss es ohne die UNO gehen.

Wären diese Schutzzonen den flüchtenden Zivilisten vorbehalten?
Ja, damit sie nicht ins Ausland müssen. Wenn der Strom anschwillt, wird er für die Türkei wie auch für Jordanien zum Problem. Selbst der israelische Generalstab bereitet sich auf Flüchtlingsströme auf die Golanhöhen vor.

Ziehen sich allerdings die Truppen der Opposition in die Schutzzonen zurück, liefern sie dem Regime den Vorwand, diese zu beschiessen.
Deshalb müssen gleichzeitig die Anti- Assad-Kräfte in Syrien bewaffnet und beraten werden. Bislang besteht kein militärisches Gleichgewicht. Eine Intervention von aussen kann zwar nicht Syriens innenpolitische Probleme lösen, aber zumindest das einseitige Blutvergiessen verhindern.

Wie stark ist die sogenannte Freie Syrische Armee?
Sie ist hoffnungslos unterlegen, kann die Regierungstruppen aber binden. Die Zivilbevölkerung zu schützen, ist sie nicht in der Lage. Deshalb ist die massive Bewaffnung dringend nötig. Mehr als bisher. Dazu gehören auch schwere Waffen. Munition alleine genügt nicht.

Am Donnerstag haben sich die Aussenminister der Kontaktgruppe der Freunde Syriens getroffen. Waren die Schutzzonen bereits ein Thema oder erst eine Idee?
Es gibt konkrete Hinweise, dass der türkische Premier Erdogan bei seinem letzten Besuch bei US-Präsident Obama diese Schutzzonen angesprochen hat. Es wurde nichts offiziell bekannt, aber es gab gezielte Indiskretionen von amtlicher türkischer Seite. Und das war ein klares Signal: Die Türkei ist bereit zu intervenieren, wenn der türkische Staat weiter destabilisiert wird. Die syrischen Streitkräfte haben ja auch auf Flüchtlinge auf türkischem Gebiet geschossen. Darüber hinaus gibt es den Konflikt ums Wasser und die Kurdenfrage. Die Türkei kann also nicht tatenlos zusehen.

Umstritten ist, wie stark der Gegner ist. Sind die Regierungstruppen gegenüber dem syrischen Regime loyal, oder laufen sie sofort davon, wenn es zur Intervention kommt?
Die Loyalität unterscheidet sich je nach Truppenverband. Die Alawiten haben alles zu verlieren, weil sie seit 1970 eine Minderheitsherrschaft aufgebaut haben. Nun müssen sie mit der brutalen Rache der Opposition rechnen. Sie werden deshalb mit Sicherheit kämpfen. Der Rest der Armee ist wenig wirksam und wird zerbröseln.

Wären die syrischen Schutzzonen vergleichbar mit jenen im Nordirak, die die Amerikaner 1991 für die Kurden eingerichtet haben?
Das wäre ein Vorbild. Keinesfalls aber sollte man sich an den UNO-Schutzzonen im Balkankrieg orientieren, Stichwort Srebrenica. Da sah man, wie ineffizient die UNO als Friedensstifterin ist und wie moralisch schwach sie ist.

Sollte wie in Libyen auch in Syrien die Nato eine Rolle spielen?
Nur als Waffenlieferant und Geldgeber. Darüber hinaus ist die Türkei Nato-Mitglied und könnte als deren Stellvertreterin auftreten. Aber das ist nicht notwendig. Denn auf dem Spiel stehen in erster Linie Ankaras Interessen.

Russland hat vorgeschlagen, dass der Iran als strategischer Partner Syriens in den diplomatischen Prozess einbezogen werden sollte.
Das halte ich für absurd. Die Absicht dahinter ist, den diplomatischen Prozess zusätzlich zu erschweren. Den Iran als Friedensstifter einzusetzen, hiesse, den Bock zum Gärtner zu machen.

Kann sich Assad noch lange halten?
Das ist Kaffeesatzleserei. Aber über kurz oder lang wird sein Regime stürzen. Und irgendwann wird Syrien als Staat zerfallen. Syrien war von Anfang an ein Reissbrettstaat wie viele Länder im Nahen und Mittleren Osten. Die postkoloniale Welt, entstanden in den 40er-, 50er- und 60er-Jahren, ist ein künstliches Gebilde. Wir erleben derzeit – und das ist der historische Prozess weit über Assad hinaus – eine völlige Umformung der Staatenwelt. Der Irak und der Sudan sind Beispiele dafür. Und es werden viele andere folgen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Saudiarabien auseinanderbrechen wird.

Erstellt: 08.06.2012, 10:18 Uhr

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Chronologie der Aufstände in Syrien

Chronologie der Aufstände in Syrien Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

Michael Wolffsohn: Der 1947 in Israel geborene Historiker ist Professor für Neuere Deutsche Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.
(Bild: PD)

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