«Die Pressefreiheit in Hongkong ist tot»

Von Repressalien der Kommunistischen Partei war Hongkong lange ausgenommen. Nun wird es dort für kritische Geister so unangenehm wie im Rest Chinas. Das Portal House News stellt die Arbeit deshalb ein.

Bis vor kurzem waren Proteste gegen China in Hongkong noch möglich. Nun fühlen sich Kritiker verfolgt (1. Juni 2014). Foto: Getty

Bis vor kurzem waren Proteste gegen China in Hongkong noch möglich. Nun fühlen sich Kritiker verfolgt (1. Juni 2014). Foto: Getty

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Vor einem Monat erst, Ende Juni. Ein Loft im Hongkonger Stadtteil Kwun Tong. Im ersten Stock eines ehemaligen Fabrikgebäudes, zu erreichen über den Lastenaufzug. Eine illustre Schar von Bloggern, Journalisten, Schriftstellern, Akademikern, hatte sich eingefunden, um mit Wein und Bier aus Plastik­bechern zu feiern. Den zweiten Geburtstag von House News. Hongkongs erfolgreichste Medienneugründung der vergangenen Jahre. Ein Video für eine neue Werbekampagne wurde vorgestellt, die Geburtstagsrede hielt der Soziologieprofessor Chan Kin-man, einer der Stars der Bürgerrechtsbewegung «Occupy Central», die eben erst 800 000 Leute für ein Demokratiereferendum mobilisiert hatte. «House News»-Gründer Tony Tsoi war bester Stimmung. «Wir sind erst zwei Jahre alt», sagte er. «Und schon Hongkongs ‹Huffington Post›.»

Da war ein Hoffnungsschimmer

Gewinne machte House News noch nicht. «Aber es läuft gut», sagte Tsoi am Rande der Party. «Das hier ist ein Geschäftsmodell mit Zukunft.» House News war das Baby eines idealistischen Unternehmertrios und hatte es in nur zwei Jahren geschafft, mit Meinungsvielfalt, Tiefgang und profilierten Bloggern zu einem Medium zu werden, an dem niemand vorbeikam. 300 000 Unique Visitors pro Tag. «Die jungen Leute lasen es sowieso», sagt Wong Qing Yuen, eine Journalistin, die ab und zu für House News schrieb, «aber am Ende musste es auch jeder Journalist und jeder Politiker lesen. Und zwar täglich.» House News war Lesern und Journalisten ein Hoffnungsschimmer in einer Stadt, in der Zensur und Selbstzensur zunehmend Alltag werden.

Jetzt, exakt einen Monat später, ist House News tot. Die Nachricht war ein Schock für viele. «Das ist das sofortige Ende für House News», las ein jeder, der am vergangenen Samstag nach 17 Uhr die Website anklickte. Die Macher hatten sie geschlossen. Sämtliche Inhalte waren gelöscht. Wer die Website jetzt aufruft, der bekommt nur mehr einen Brief von Mitgründer Tony Tsoi zu lesen. «Ich habe Angst», steht dort. Eigentlich sei er nur «ein normaler Bürger», mit der Gründung von House News habe er sich für seine Heimatstadt engagieren wollen, schreibt Tsoi. «Hongkong aber hat sich geändert.» Er und seine Partner hätten lernen müssen, dass Hongkong mittlerweile «eine abnormale Gesellschaft» sei. Er deutet an, House News sei einerseits ein Opfer eines politisch motivierten Anzeigenboykotts geworden, vor allem aber schreibt er von Druck und von Drohungen, von einem «Klima des politischen Kampfes», der die Menschen zutiefst verstöre: Demokratisch gesinnte Bürger würden in Hongkong heute «verfolgt, verleumdet und ausgeforscht». Durch Hongkong wehe der Geist des «weissen Terrors».

Die Traditionsmedien versagen

Tony Tsoi führt keine Details aus, aber es ist klar: Er meint die Drohungen, die zunehmend all jene zum Ziel haben, die sich China gegenüber kritisch äussern. Der Erfolg von House News rührte eben daher, dass es jenen Journalisten und Bürgern ein Forum bot, welche die kritische Debatte suchten. Der Erfolg rührte gleichzeitig aus dem Versagen der traditionellen Medien: Mit Ausnahme des Boulevardblatts «Apple Daily» des pekingkritischen Verlegers Jimmy Lai hatten in den vergangenen Jahren mehr und mehr Zeitungen und Zeitschriften die Kritik an Peking zum Verstummen gebracht. Viele Blätter, wie die einst unabhängige «Ming Pao» oder die «South China Morning Post», wurden gekauft von Industriellen, die Geschäfts­interessen in China haben. Der chinakritische ehemalige «Ming Pao»-Chefredakteur Kevin Lau wurde kurz nach seinem Rauswurf bei dem Magazin im vergangenen Februar in einem bis heute unaufgeklärten Attentat auf offener Strasse niedergestochen. Noch 2002 hatte Hongkong Platz 18 belegt in der Pressefreiheits-Rangliste von Reporter ohne Grenzen, in diesem Jahr war es schon auf Platz 61 abgerutscht.

«Ich kenne Tony Tsoi und seine Partner seit Jahren. Er ist ein mutiger Mann. Und noch Anfang des Monats war er guter Dinge», sagt der Hongkonger Autor Evan Fowler, einer der prominentesten Blogger der Website, der ebenfalls von der Schliessung überrascht wurde. Fowler berichtet von einem Mittagessen vor etwas mehr als zwei Wochen, bei dem einer der «House News»-Gründer inmitten belanglosen Smalltalks mit einem Mal Nachrichten auf Papierservietten des Restaurants kritzelte und ihm stumm über den Tisch schob: «Stürme ziehen auf», stand auf einer. Dann: «Crackdown». Und: «Komm nicht mehr in die Redaktion. Es ist nicht sicher.» «Gleichzeitig merkte ich, dass Hacker in meinen Computer eingedrungen waren», sagt Fowler. «Bei all den Warnungen dachte ich immer, o. k., die Redaktion duckt sich jetzt vielleicht eine Zeitlang weg.» Am Samstag las er auf seinem Smartphone mit einem Mal die Nachricht: «Der Sturm ist da.» Fowler sagt, er habe von den Drohungen gegen die Gründer und ihre Familien gewusst. «Aber niemals hätte ich geglaubt, dass House News geschlossen würde. Wir müssen uns jetzt fragen: Was ist so Schockierendes passiert, das sie so weit gebracht hat?»

Die Schliessung fällt in eine Zeit, da die Spannungen zwischen Peking und der 1997 nach China zurückkehrten ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong zunehmen. Hongkonger werfen China vor, sich zunehmend einzumischen und seine Versprechen nicht zu halten, die Hongkong auch nach 1997 Autonomie garantierten. Bei den diesjährigen Demonstrationen zum Jahrestag der Machtübernahme durch Peking am 1. Juli gingen deshalb mehr als eine halbe Millionen Menschen auf die Stras­–se – eine Rekordzahl. «House News entstand aus dieser Sorge um die Pressfreiheit in Hongkong heraus», sagt Evan Fowler. «Und es wurde die alternative Nachrichtenquelle für Hongkong, weil es alles andere als ein plattes Dissidentenmedium war: Es stand für Offenheit und Meinungsvielfalt. Gerade deshalb ist die Schliessung nun so schockierend.»

«Ich habe ein Publikum. Ich schreibe weiter», sagt Evan Fowler. «Aber die Pressefreiheit in Hongkong ist tot.»

Erstellt: 29.07.2014, 08:06 Uhr

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