Die Reue eines Killers

Arturo Lascañas hat zwischen 100 und 200 Menschen getötet. Als Polizist hatte er an den Krieg gegen die Drogen geglaubt. Jetzt will er den philippinischen Präsidenten stoppen.

Dieser Mann wurde im Norden Manilas erschossen, als er vor einer Polizeikontrolle floh. In seiner Hosentasche ein Beutel Marihuana. Foto: Aaron Favila (AP, Keystone)

Dieser Mann wurde im Norden Manilas erschossen, als er vor einer Polizeikontrolle floh. In seiner Hosentasche ein Beutel Marihuana. Foto: Aaron Favila (AP, Keystone)

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Es ist düster im Versteck. Die Vorhänge sind zugezogen, nur durch einen Spalt fällt etwas Licht. Arturo Lascañas sitzt auf einer Couch und sagt, er könne das Leben mit der Lüge nicht mehr ertragen. Lange hat er geschwiegen, dann geleugnet. Aber jetzt musste alles raus.

Lascañas lebt im Verborgenen, wechselt häufig sein Versteck. Denn sein Geständnis ist mehr als das Geständnis eines Polizisten, der sich als Auftragskiller outet. Was Lascañas zu Protokoll gibt, liest sich wie eine Anklage gegen den mächtigsten Mann der Philippinen, Rodrigo Duterte.

Präsident Duterte war vor seinem Wahlsieg 22 Jahre lang Bürgermeister von Davao, einer Stadt im Süden der Philippinen, knapp zwei Flugstunden von Manila entfernt. Das Killerkommando, dem Las­cañas angeblich angehörte, kannte Duterte unter dem Codenamen «Superman». Das passte zum Bild, das sich der Polizist und Kollegen vom Bürgermeister machten: «Wir hatten so viel Respekt vor ihm.» Endlich einer, der aufräumte. Duterte zog aus, um eine Plage zu bekämpfen: Drogen. «Deshalb folgten wir ihm. Wir glaubten, dass wir der Gemeinschaft einen Dienst erweisen.»

Der ehemalige Polizist: Arturo Lascañas. Foto: Mark R. Christino (EPA, Keystone)

Lascañas trägt eine dunkle Jacke, dunkle Hosen und polierte schwarze Schuhe. Wenn der Mann mit der Halbglatze über das Töten spricht, sitzt er sehr aufrecht und hält seine Hände, wie es Leute beim Beten in der Kirche tun. So wie Lascañas die Dinge schildert, war Duterte derjenige, der als Bürgermeister von Davao 1989 den Aufbau einer Todesschwadron anordnete, die später als DDS bekannt wurde: «Davao Death Squad». Der frühere Polizist sagt, er selbst sei ein «wichtiger Spieler» im Kommando gewesen und habe häufig Aufträge direkt von Superman erhalten. Oder über einen von dessen Vertrauten. Duterte habe entschieden, wer sterben sollte. Und das Kommando habe die Aufträge ausgeführt.

Das schlechte Gewissen erleichtern

«Ich habe 100 bis 200 Menschen getötet», sagt Las­cañas, so genau könne er das nicht mehr sagen. Er spricht mit leiser Stimme, wirkt beinahe schüchtern. Manchmal knetet er seine Hände, verknotet die Finger. Er sagt, dass er auch viele Auftragsmorde beaufsichtigt habe. Demnach zielten sie auf Drogensüchtige, Dealer, Kriminelle. Und später auch auf Leute, die Duterte im Wege standen.

Lascañas hat die Vorwürfe in einer zwölfseitigen eidesstattlichen Erklärung zusammengefasst. Aber kann man dem Zeugen trauen? Lascañas unternimmt keinen Versuch, seine Lage zu beschönigen. Wenn Zweifel aufkommen, sei das natürlich, sagt er. Zweimal hat er vor einem Ausschuss des philippinischen Senats ausgesagt. Bei einer Sitzung im Oktober hatte er – unter Eid – noch alles abgestritten. Das Todeskommando von Davao entspringe einem Medien-Hype, sagte er. Dann kam die Kehrtwende. Warum? «Ich musste mein Gewissen erleichtern. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.» Dass er zuvor alles abgestritten hatte, begründet er mit der Angst um seine Familie.

Als die Last der Lüge zu gross geworden sei, habe er Zuflucht bei der Kirche gesucht. Dann bat er einen Senator um Schutz. Der sorgt nun für Verstecke und Bodyguards. Einer der Wächter steht auch bei diesem Gespräch nur zwei Meter entfernt. Breitbeinig sichert er den Eingang.

Vermummte Killer erschiessen Frauen und Männer, ohne dass die Täter fürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden: Neun Monate nach Beginn des sogenannten Anti-Drogen-Krieges unter Duterte gibt es Tausende solcher Fälle. Immer wieder wird vermutet, dass Sicherheitskräfte des Staates in die Morde verstrickt sind. Doch nur wenige wagen es, den Verdacht offen zu äussern. Beweise zu sammeln, ist schwer. Das müsste eigentlich die Polizei tun. Doch was, wenn sie selbst mit drinsteckt? Bislang gibt es keinen erkennbaren Versuch des Staates, den Kommandos auf die Spur zu kommen oder das Töten einzudämmen.

Duterte, der Bestrafer

Und der Präsident hat ja auch die Marschrichtung vorgegeben: «Fuck you», hat Duterte gesagt. «Tötet sie.» Er redet immer und überall vom Übel der Drogen, das so viele Menschen zerstöre. Und dass er alle Dealer töten werde. So wetterte er im Wahlkampf, und als Präsident macht er es immer noch. Zum Amtsantritt drohte er, 100'000 Kriminelle umzubringen und sie den Fischen in der Bucht von Manila zum Frass vorzuwerfen. Deshalb nennen die Menschen Duterte mit Furcht und Bewunderung: «den Bestrafer».

Der Präsident will auch selbst mehrere Leute erschossen haben. Doch martialische Sprüche sind das eine – gerichtsfeste Beweise das andere. Todeskommandos in Davao? Duterte bestätigt, dass es so etwas gegeben habe. Mehr nicht. Stattdessen schickt er seinen Sprecher, der zu den Vorwürfen Lascañas’ erklärt: alles Lüge. Das politische Lager des Präsidenten ist stark. Die Anhörung von Lascañas hat der Senat nach einem Tag abgebrochen, weil seine Glaubwürdigkeit infrage gestellt sei. Dutertes Kräfte haben dort die Mehrheit. Die Menschenrechtskommission der Philippinen hingegen sagt, dass die Aussagen des Zeugen zu dringlich und detailliert wären, um sie zu ignorieren.

Der Präsident: Rodrigo Duterte. Foto: Martin Mejia (AP, Keystone)

Der Polizeichef wettert gegen die Presse, sie würde die Zahl aussergerichtlicher Tötungen aufblähen. Er gibt jetzt den Buchhalter, legt am 27. März diese Zahlen vor: Von 6011 Morden seit dem Amtsantritt Dutertes hätten 1398 Fälle nachweislich mit Drogen zu tun. Weitere 3785 Morde würden noch untersucht. Ausserdem starben 2555 «mutmassliche Drogenpersonen» bei Razzien der Polizei. Das sind Verdächtige, die angeblich Widerstand leisteten und erschossen wurden. Duterte nennt das legitime Polizeieinsätze.

Lascañas sagt: «Wir haben Drogen an Tatorten platziert. Und Waffen. Meistens Kaliber .38. Weil die Revolver billig sind.» Auch in Manila wurde der Verdacht laut, Polizisten könnten Tatorte manipuliert haben. Auffällig oft hatten selbst die ärmsten Toten eine teure Waffe in der Hand. Und ein Päckchen Shabu, Crystal Meth, in der Hose sowieso.

Mit Paketband ersticken

Die Killerkommandos benutzen vor allem zwei Methoden, um Menschen zu exekutieren: Entweder erschiessen sie ihre Opfer. Oder sie umwickeln deren Köpfe mit Paketband, sodass sie in kürzester Zeit bewusstlos werden und ersticken. Oft stechen die Kommandos auch noch auf die Opfer ein. «Dieselbe Methode wie in Davao», sagt Lascañas auf der Couch. «Wir haben Klinikhandschuhe getragen. Wegen der Fingerabdrücke auf dem Plastikband.»

Lascañas war noch ein junger Polizist, als er zum ersten Mal einen Menschen erschoss. Ein Versehen. Er verfolgte einen Dieb. Als er feuerte, traf er einen anderen. Duterte habe ihm schon damals in seiner Rolle als Staatsanwalt von Davao geholfen, das zu regeln. Die Familie des Opfers habe eine Entschädigung bekommen. 8000 Pesos, 160 Euro. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Der Polizist Lascañas war dankbar und stieg auf. Mit dem Geheimkommando verdiente er mehr als mit der regulären Arbeit. Er nennt das den «monetären Aspekt». Je nach Ziel kassierte das Kommando 400 bis 6000 Euro pro Mord.

Superman blieb Superman. So sehr war Lascañas von diesem Feldzug überzeugt, dass er selbst seine beiden Brüder opferte. Als herauskam, dass sie mit Drogen zu tun hatten, legte er kein Veto ein. Das Kommando habe beide getötet. Zweifel kamen ihm nur selten – etwa wenn es «Kollateralschäden» gab, wie er es nennt. Einmal hätten seine Leute die ganze Familie eines mutmasslichen Kidnappers ausgelöscht. Die schwangere Frau, den kleinen Sohn. Keiner wurde verschont. Wer ist der Nächste? Geht das wieder vorbei? «Der Plan lautete, zuerst die Graswurzeln auszureissen», sagt Ex-Polizist Lascañas. Das Töten begann ganz unten, bei Süchtigen, Kleindealern. Einmal seien mehrere Chinesen in einem Drogenlabor exekutiert worden. «Bosse wurden nicht erschossen», sagt er. «Und es gibt noch immer viele Drogen in Davao.»

«Was sind schon 7000 Tote?»

Sofern Umfragen in den Philippinen etwas aussagen, hat der Anti-Drogen-Krieg in den Slums Rodrigo Dutertes Popularität nicht geschmälert. Zustimmungsrate in Manila: 82 Prozent. Die Leute sagen, dass die Alltagskriminalität abgenommen habe, all die Diebstähle und Einbrüche. Der Sprecher Dutertes ist begeistert. Die Leute würden sehen, dass der Anti-Drogen-Krieg ihr Leben verbessere. Aus der Mittelschicht hört man Stimmen wie diese: «Was sind schon 7000 Tote? Wir sind 100 Millionen Philippiner und Drogen ein riesiges Problem.» So reden jene, die in schönen Häusern wohnen und in Malls einkaufen. Der Anti-Drogen-Krieg ist für sie wie ein Hollywoodfilm. Die Guten jagen die Bösen. Es gibt Tote, na klar. Aber doch nur selten unter ihren Freunden und Verwandten. Wenn Duterte wie ein Besessener vom Krieg redet, finden das viele immer noch gut.

Und Lascañas? «Ich will weiter aussagen, damit das Töten aufhört.» Ausser ihm hat bislang nur ein weiterer Auftragskiller aus Davao ausgepackt: Edgar Matobato, von dem Lascañas sagt, er sei ein Fusssoldat gewesen. Gegen Matobato liegt nun ein Haftbefehl vor, aber er ist untergetaucht. Sein Anwalt hat angekündigt, er wolle ein Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof anstossen. Die Chefanklägerin hatte gewarnt, dass die Tötungen auf den Philippinen in die Zuständigkeit des Gerichtshofs fallen könnten. Sie wären dann als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen, sofern man sie als systematisch und umfassend einstuft.

«Ich kann nicht gestoppt werden»

Duterte hat das schon kommentiert: «Ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich kann nicht gestoppt werden.» Und wenn doch? «Falls das Tribunal meine Bestimmung ist, dann sei es so.» Freiwillig wird er seinen Krieg kaum aufgeben. Der Polizist Lascañas muss damit rechnen, dass er nun tief in die politischen Grabenkämpfe hineingezogen wird. Senator Antonio Trillanes, der ihn schützt, führt die Gegner Dutertes an. Als Marineoffizier hatte er früher schon mal einen unblutigen Putsch versucht. Nun möchte er Duterte durch ein Amtsenthebungsverfahren stürzen. Das wird alles wohl noch ziemlich schmutzig.

Lascañas sagt, er bereue seine Taten und stelle sich der Justiz. «Vielleicht werde ich auch getötet», sagt er in seinem Versteck. Aus dem Jäger ist ein Gejagter geworden. Ein Stunde lang hat er nun geredet, ein ständiges Zittern um seine Augen. «Ich bin auf alles vorbereitet.» Jetzt, da er vor Gott und der Welt gestanden habe, sei eine grosse Last von ihm abgefallen. Nach all den Nächten, in denen er wach lag und schwitzte, hat er angeblich seinen Frieden gefunden. Arturo Lascañas, der Auftragskiller, sagt: «Ich kann wieder schlafen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 19:39 Uhr

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Video: Präsident Duterte erklärt den Zustand gesetzloser Gewalt auf den Philippinen.

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