Die Türkei verliert die letzte seriöse Oppositionszeitung

Viele Journalisten verlassen die liberale Zeitung «Cumhuriyet», oder ihnen wird gekündigt. Derweil ziehen Nationalisten ein und versprechen einen neuen Kurs.

Das Blatt wird gewendet: Ein namenloser Leitartikel auf der Titelseite versprach, die Zeitung werde wieder einer klar vorgegebenen Linie folgen. Bild: AFP

Das Blatt wird gewendet: Ein namenloser Leitartikel auf der Titelseite versprach, die Zeitung werde wieder einer klar vorgegebenen Linie folgen. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dies sei seine letzte Kolumne, schrieb Murat Sabuncu, bislang Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet»; die Arbeit für das Blatt habe ihn «mit Stolz» erfüllt. Niemand werde daher aus seinem Mund «ein böses Wort über‹Cumhuriyet› hören». Selbst diesen elegant formulierten ­Abschiedsgruss an seine Leser wollten die neuen Lenker der Zeitung dem Mann nicht gönnen, der 25 Monate Chefredaktor war und davon 17 Monate in einem Gefängnis verbringen musste. Sie nahmen Sabuncus Text am Samstag von der Website des Blatts, man konnte ihn dann nur auf anderen türkischen Nachrichtenportalen lesen.

Älteste Zeitung der Türkei

«Cumhuriyet» ist die älteste Tageszeitung der Türkei, sie wurde 1924 gegründet, kurz nach Entstehen der Republik. Sie gehört einer Stiftung, und deren elfköpfiger Vorstand wurde am Freitag auf spektakuläre Weise neu zusammengesetzt. Stiftungsvorstand ist jetzt der 83-jährige Alev Coskun, er gilt als strammer ­Nationalist, Gleiches gilt für die meisten anderen Mitglieder. ­Vorausgegangen war ein längerer Machtkampf in der Stiftung. Dem «rechten» Flügel passte der liberale, ideologisch offene Kurs des Blattes nicht, er erzwang die Neuwahl des Vorstands vor Gericht. «Cumhuriyet» galt zuletzt als einzig verbliebene seriöse Oppositionszeitung der Türkei. 2016 erhielt sie für ihren «furchtlosen investigativen Journalismus» und den Mut zur freien Meinung den Alternativen Nobelpreis, den «Right Livelihood Award».

Aydin Engin, langjähriger Kolumnist der Zeitung, ist überzeugt, dass die neuen Akteure «nur Schauspieler auf einer Bühne» sind. «Hinter der Bühne geht es darum, ‹Cumhuriyet› mundtot zu machen», sagte Engin gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Engin vermutet die Strippenzieher in Ankara, denn letztlich diene der Niedergang von «Cumhuriyet» nur der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. «Sie feiern gewiss in Ankara.»

Aydin Engin ist 77 Jahre alt; er war auch einmal Chefredaktor von «Cumhuriyet», 2014 bat man ihn, nach längerer Pause wieder für das Blatt zu schreiben. Im Herbst 2016 wurde er dann wie gut ein Dutzend Mitarbeiter der Zeitung festgenommen, darunter gar der Karikaturist. Die Staatsanwaltschaft warf allen vor, gleichzeitig die marxistische kurdische PKK und den islamischen Prediger Fethullah Gülen unterstützt zu haben – die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Engin kam wegen seines Alters bald wieder frei, Sabuncu erst im März 2018. Ausgerechnet Alev Coskun, der nun die Stiftung führt und schon früher einmal Vorstandsmitglied war, soll in diesem Prozess gegen die «Cumhuriyet»-Journalisten eine wichtige Rolle gespielt haben, und zwar aufseiten des Staates – gegen sie. Davon sind viele der Verurteilten überzeugt.


Bildstrecke: Lange Haftstrafen für «Cumhuriyet»-Journalisten


Der Prozess endete im April mit langjährigen Haftstrafen für 14 Angeklagte. Da es noch Berufungsinstanzen gibt, sind sie auf freiem Fuss. In diesem Prozess sah die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bereits den Versuch, «unabhängige Medien in der Türkei zum Schweigen zu bringen». Die Türkei-Berichterstatterin des EU-Parlaments, Kati Piri, twitterte jetzt: Nach Razzien und Prozessen sei «die letzte unabhängige Zeitung von Ultranationalisten übernommen worden, die mit Präsident Erdogan verbündet sind». Sie fragte: «Ist dies der letzte Schlag gegen das, was von der Pressefreiheit in der Türkei noch übrig ist?»

Einer der Ex-Chefredaktoren von «Cumhuriyet» ist Can Dündar, der in Deutschland im Exil lebt, ein Gericht in Istanbul hatte auch ihn 2016 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Sabuncu war sein Nachfolger. Die tägliche Auflage der Zeitung war zuletzt auf 38 000 Exemplare abgesackt, aber im Internet hat sie eine weit grössere Reichweite. Sie bekam wegen ihrer regierungskritischen Linie kaum noch Anzeigen. «Cumhuriyet» kooperierte mit dem Internationalen Netzwerk Investigativer Journalisten, an dem auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet beteiligt ist.

95 Prozent auf Staatskurs

Schon einmal hatten bei «Cumhuriyet» die Nationalisten das Ruder übernommen, im Jahr 2002. Auch damals verliess Engin das Blatt. Am Sonntag versprach ein namenloser Leitartikel auf der Titelseite, die Zeitung werde wieder einer klar vorgegebenen Linie folgen, sie werde zu den «aufklärerischen Prinzipien» von Staatsgründer Kemal Atatürk zurückkehren. Atatürk selbst war ein Reformer, seine ideologischen Erben aber schufen ein ideologisches Korsett, in dem zum Beispiel kein Platz für kurdenfreundliche Politik ist. Es gibt auch Leser, die den neuen, rückwärtsgewandten Kurs von «Cumhuriyet» begrüssen. «Nun haben wir einen Grund, jeden Morgen mit Hoffnung aufzu­wachen», sagte Metin Feyzioglu, der Vorsitzende der türkischen Anwaltsvereinigung.

Der Journalist Yavuz Baydar, auch im Exil und Chefredaktor des türkischen Internetportals «Ahval», sagte: «Der kritische Printjournalismus stirbt in der Türkei.» Von Zeitungen und Fernsehen seien nun 95 Prozent regierungsfreundlich. Etwa zwanzig Autoren und Redak­toren wurden wie Sabuncu gefeuert oder gingen selbst – für ­andere steht die Entscheidung bevor. Die Kolumnistin Melis ­Alphan twitterte: «Weder meine ethischen Werte noch mein Gewissen, noch meine Sicht auf das Leben erlauben mir, bei ‹Cumhuriyet› zu bleiben.»

In Sabuncus Abschiedsko­lumne heisst es: «Es ist Zeit zu gehen. Die Geschichte wird uns sagen, warum.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.09.2018, 21:06 Uhr

Artikel zum Thema

Der Buhmann aller geht in die Politik

Ahmet Sik, der bekannte Reporter von der Zeitung «Cumhuriyet», hofft auf eine «neue Periode» in der Türkei. Mehr...

«Anklage enthält nur Verleumdungen»

17 Mitarbeitende der türkischen Zeitung «Cumhuriyet» stehen vor Gericht. Sie weisen das Verfahren als «absurd» zurück. Mehr...

Lange Haftstrafen für «Cumhuriyet»-Mitarbeiter

Im Prozess gegen die regierungskritische Zeitung in Istanbul sind mehrere der angeklagten Mitarbeiter zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Flug nach Singapur

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen

Tingler Verschwunden

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Und die Haare fliegen hoch: Besucher des Münchner Oktoberfests vergnügen sich auf einem der Fahrgeschäfte. (22. September 2018)
(Bild: Michael Dalder ) Mehr...