Interview

«Die indischen Frauen sind nur auf dem Papier gleichberechtigt»

Indien gilt als frauenfeindlichstes Land der Welt. Warum es in der aufstrebenden Wirtschaftsnation so viel Gewalt gegen Frauen gibt und was dagegen unternommen wird, weiss Indologin Dagmar Hellmann.

Die indische Braut bringt die Mitgift in die Ehe: Indische Massenhochzeit.

Die indische Braut bringt die Mitgift in die Ehe: Indische Massenhochzeit.

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Nach dem Vergewaltigungsfall einer Schweizerin in Indien ist viel über die schlechte Lage der Frauen in Indien zu lesen. Sie betreiben dort seit Jahren Forschungsprojekte. Erleben Sie das Land als bedrohlich für Frauen?
Ich habe mich für meine Forschungsprojekte viel in Südindien bewegt, und hier ist die Lage der Frauen anders als im Norden. Ich bewege mich frei und fühle mich auch nicht bedroht. Der Respekt vor Frauen in Südindien ist ausgeprägter als im Norden.

Woher rühren diese regionalen Unterschiede?
Südindien hat ein anderes Verwandtschaftssystem. Die Frauen stehen zwar nicht auf gleicher Ebene mit den Männern, aber sie sind geachteter, haben mehr Rechte. Das hat auch mit der hiesigen Religion und Tradition zu tun. Die Kultur ist auf weibliche Gottheiten fixiert. Und das alles zusammen führt dazu, dass die Frauen stärker respektiert werden als im Norden.

Das moderne Indien hat Gesetze, die die Rechte von Frauen schützen, es hat eine aktive Frauenrechtsbewegung, und trotzdem wird das weibliche Geschlecht heute stärker herabgestuft als früher. Wie ist diese paradoxe Entwicklung zu erklären?
Ich weiss nicht, ob die Frauen heute stärker unterdrückt werden als früher. Die indische Verfassung gibt Frauen volle Gleichberechtigung, aber es gibt eine soziale Segregation. Die Mädchen gehen zur Schule, junge Frauen studieren, es gibt viele berufstätige Frauen, in der oberen Mittelschicht und unter Akademikerinnen, auch die armen Frauen mussten immer arbeiten. Das Problem ist, die Einstellung der Männer zu ändern. Da gibt es einerseits eine traditionelle Haltung, dass Männer Frauen kontrollieren müssen, weil diese sonst ausser Rand und Band geraten und die Männer unterdrücken. Diese Angst ist sehr gross. In einem Klima, das von grossem Wirtschaftswachstum und vielen Umbrüchen geprägt ist, entstehen viele Unsicherheiten und Ängste, auch Versagensängste vor den neuen Anforderungen. Das führt zu Unsicherheit und Aggression, und viele sehen das Heil darin, die Frauen, die stärker und gebildeter werden, wieder zurückzudrängen.

Hat denn der wirtschaftliche Aufschwung und die Erstarkung der Mittelklasse gar nichts für die Frauen erwirkt?
Das Wirtschaftswachstum ist grundsätzlich positiv. Man muss sich aber fragen, wie das wahrgenommen wird und wem es zugutekommt. Die Mittelklasse wächst zwar sehr stark, man geht von einer Mittelklasse von 350 Millionen aus, aber bei einer Milliarde Menschen ist das nicht viel. Und dann gibt es auch die, die nicht profitieren, aber vor Augen geführt bekommen, was sie sich alles nicht leisten können. Das führt zu Frustrationen, die sich in Gewalt entladen.

Also hat der Wirtschaftsaufschwung dazu geführt, dass die indischen Frauen schlecht behandelt werden?
Nicht nur. Es ist das Wirtschaftswachstum kombiniert mit Traditionen und historischen Entwicklungen. Beispielsweise die Mitgift, welche Frauen in die Ehe mitbringen müssen. Diese geht nur an die Familie des Mannes, weshalb Töchter zu einer finanziellen Belastung werden und Mädchen abgetrieben oder umgebracht werden. Das ist aber keine Tradition, sondern eine neue Entwicklung. In Südindien gab es eine andere Tradition der Mitgift. Sie war das vorgezogene Erbe für eine Frau, das mit der Heirat an die Frau ging. Das Geld vererbte sich nur über die weibliche Linie, der Mann hatte keinen Zugriff darauf. Die neue Mittelklasse hat diese Tradition vollkommen umgedreht, das liegt auch zum Teil an der englischen Gesetzgebung, die 1911 bestimmte, dass ein Mann Verfügungsgewalt über den Besitz einer Frau haben muss, also auch über die Mitgift. Das sind Entwicklungen, die mit der englischen Kolonialzeit und dem wirtschaftlichen Aufschwung zusammenhängen.

Laut dem indischen Innenministerium hat die Zahl der Verbrechen gegen Frauen seit 2010 sogar um 7,1 Prozent zugenommen – gibt es also mehr Gewalt gegen Frauen oder werden die Verbrechen eher angezeigt?
Meine subjektive Einschätzung ist, dass Frauen sich tatsächlich eher zu einer Anzeige entschliessen als früher.

Wie werden diese Probleme in Indien selber diskutiert?
Sehr intensiv. Jeden Tag wird darüber berichtet, dass das Erziehungswesen reagieren muss, dass man bereits in der Schule die Einstellung der Männer verändern und das Selbstbewusstsein der Frauen stärken soll. Es wird sehr viel diskutiert und wir wissen von diesen Problemen ja auch deshalb so viel, weil sie nicht wie in anderen Ländern unter den Tisch gekehrt, sondern öffentlich diskutiert werden.

Gibt es auch reaktionäre Stimmen?
Ja, aber die sind in der Minderheit. Das zeigte sich ja auch nach der Vergewaltigung dieser Schweizerin. Da gab es religiöse Führer, welche die Frau dafür verantwortlich machen wollten, was sehr oft vorkommt. Aber da gab es grosse Proteste und solche Reaktionen werden wirklich auch vermehrt diskutiert.

Es wird immer wieder vom grossen Männerüberschuss berichtet – wie gross ist der Männerüberschuss und seit wann ist er dokumentiert?
Auch hier gibt es wieder regionale Unterschiede. Im Norden ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern zum Teil 850:1000, im Süden gibt es Regionen mit einem Verhältnis von 950:1000. Der Männerüberschuss ist ein Resultat traditioneller Vorlieben kombiniert mit moderner Fortpflanzungsmedizin. Dadurch werden viele Mädchen abgetrieben und es gibt keine Frauen mehr zum Heiraten.

Gibt es Studien dazu, wozu ein solcher Männerüberschuss in einer Gesellschaft führt?
Es gibt Studien, aber nicht spezifisch für Indien. China hat ähnliche Probleme, da gibt es Entführungen von Frauen, es gibt Frauenhandel, in Burma wurde sogar eine polizeiliche Sondereinheit eingesetzt, um solche Verbrechen zu verhindern, weil eben Frauenmangel herrscht. Und es führt natürlich auch zu verstärkter Gewalt gegen Frauen.

Interpretiere ich Ihre Aussagen richtig, wenn ich davon ausgehe, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Lage für Frauen in Indien ändert?
Ja, aber es wird noch lange dauern. Gesetze kann man relativ schnell ändern, aber bis sich Einstellungen ändern, geht es oft länger. Es gibt ja bereits in den akademischen Kreisen grosse Veränderungen, da sind auch die Männer aufgeschlossen. Aber bis es eine gesamtgesellschaftliche Änderung gibt, da braucht es noch viel Zeit und Arbeit.

Erstellt: 19.03.2013, 16:28 Uhr

«Ich weiss nicht, ob die Frauen heute stärker unterdrückt werden als früher»: Dagmar Hellmann, Lehrbeauftragte für Indologie an der Uni München.

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