Ein 17-Jähriger fordert Peking heraus

Vor zwei Jahren verhinderte Joshua Wong als einfacher Schüler eine Bildungsreform. Nun will er Hongkong zu freien Wahlen verhelfen.

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Wie ein Regimeschreck sieht Joshua Wong nicht aus. Dem schmächtigen Brillenträger sieht man nur den Mittelschüler an. Doch der 17-jährige Hongkonger ist auch politischer Aktivist – und als solcher erfolgreich. 2012 gelang es der von ihm gegründeten Schüler- und Studentenbewegung Scholarism, eine Lehrplanänderung zu verhindern. Mit dieser sollte «nationale und moralische Bildung» als Fach in den Unterricht aufgenommen werden. 120'000 Menschen protestierten vor dem Sitz der Verwaltung Hongkongs, worauf diese die Reform fallen liess.

Heute geht es Wong und seinen Mitstreitern um mehr: Sie fordern die freie Wahl des Regierungschefs Hongkongs. Am Sonntag hatte der Chinesische Volkskongress die Regeln für die nächsten Wahlen bekannt gegeben. Diese sehen vor, dass die Bürger Hongkongs ihren Regierungschef ab 2017 selber wählen können – allerdings nur aus einer Vorauswahl von zwei oder drei Kandidaten.

Keine Zugeständnisse Pekings erwartet

Gegen Pekings Vorhaben protestieren Hongkonger Studenten mit einem Streik, der bis Ende Woche dauern soll. Wie viele dem Unterricht fernblieben, ist nicht bekannt. Tausende versammelten sich aber auf dem Campus der Chinesischen Universität, wo sie ihre Forderungen kundtaten. Dass sich Peking davon beeindrucken lässt, ist fraglich. Im Gegenteil dürfte der Führung der kommunistischen Partei daran gelegen sein, Härte zu markieren, um mögliche Nachahmer in anderen Landesteilen abzuschrecken.

Wong selber erwartet keine Zugeständnisse der chinesischen Führung. Präsident Xi Jinping werde den Bürgern von Hongkong keine freien Wahlen zugestehen, gab er der «Financial Times» zu Protokoll. «Wir kämpfen für unser Ziel, ohne vorher die Erfolgschancen zu analysieren», sagte der 17-Jährige, der als Vorbild Wang Dan nennt, einer der Anführer der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989. Eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste wie damals durch die chinesische Armee würde er allerdings nicht riskieren. «Sollten die Soldaten kommen, gehen wir alle nach Hause. Wir wollen kein Blut vergiessen.»

Schwammige Abmachung

Eine Möglichkeit, freie Wahlen gegen den Willen Pekings durchzusetzen, hat die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong nicht. Als Grossbritannien die ehemalige Kolonie 1997 an China zurückgab, sicherte das kommunistische Regime zu, den Bürgern Hongkongs die Meinungsäusserungs- und viele weitere Freiheiten wie etwa das Demonstrations- und das Streikrecht zu gewähren und dem Gebiet eine eigene Verwaltung mit hoher Autonomie zuzugestehen. «Ein Land, zwei Systeme», brachte der damalige Präsident Deng Xiaoping das Versprechen an Hongkong auf den Punkt. In der Frage der Wahl des Regierungschefs blieb die gemeinsame Erklärung aber schwammig. Der Chef der Hongkonger Verwaltung werde durch die Zentralregierung bestimmt – «auf der Basis lokaler Wahlen oder Konsultationen», heisst es in dem von China und Grossbritannien ratifizierten Text.

Trotzdem könnte Hongkong den von Peking formulierten neuen Wahlmodus noch verhindern, denn dieser muss vom lokalen 70-köpfigen Parlament abgesegnet werden. Eine Niederlage möchte die kommunistische Partei dabei offensichtlich verhindern. Wie die «New York Times» berichtet, empfingen die Pekinger Behörden letzte Woche Hongkonger Abgeordnete – und diese Woche reiche Unternehmer aus Hongkong.

Junge wollen freie Wahlen

In Wongs Augen ist Hongkong auf dem Weg, eine ganz normale chinesische Stadt zu werden. Medien würden zunehmend einen Pro-Peking-Kurs vertreten, und immer mehr politische Posten würden an pekingfreundliche Politiker vergeben, sagte der 17-Jährige gegenüber dem Nachrichtensender CNN.

Gleichzeitig wies Wong aber auch daraufhin, dass die Hongkonger Jugend in den letzten Jahren politischer wurde. «Vor fünf Jahren gab es keine Hinweise darauf, dass sich Hongkonger Studenten in irgendeiner Form für Politik interessierten. Die Bildungsreform führte aber zu einem Erwachen. Wir begannen uns alle für die Politik zu interessieren.»

Wie die am Wochenende veröffentlichten Resultate einer Umfrage zeigen, steht eine klare Mehrheit der Jungen auf der Seite der Demokratie. 76 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sprachen sich laut der Chinesischen Universität von Hongkong dafür aus, dass das lokale Parlament sein Veto gegen den neuen Wahlmodus einlegen solle. Über alle Altersklassen hinweg befürworteten dies nur 54 Prozent aller Befragten.

Joshua Wong, der nach seinem Erfolg im Kampf gegen die Lehrplanreform ein Buch schrieb («Ich bin kein Held») und seither eine Radiosendung moderiert und eine Kolumne verfasst, steht nach eigenen Angaben auf einer Liste der chinesischen Regierung mit Bedrohungen der Inneren Sicherheit. Trotzdem will er die Proteste fortführen. Gegenüber CNN zitierte er aus dem Film «V for Vendetta» (welcher sich wiederum vermutlich an Thomas Jefferson anlehnte): «Das Volk sollte keine Angst vor der Regierung haben. Die Regierung sollte Angst vor dem Volk haben.» (mw)

Erstellt: 22.09.2014, 20:15 Uhr

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