Reportage

Ein Mädchen verändert die Welt

Die pakistanische Schülerin Malala wurde vor einem Jahr von den Taliban schwer verletzt. Viele glauben, dass sie den Friedensnobelpreis erhält. In ihrer Heimat ist der Bildungsdrang vieler Mädchen lebendig – trotz Terrors.

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Ein krummer Baum wirft seinen Schatten über das Feld. Könnte er sprechen, hätte er viel zu erzählen. Er stand daneben, als es geschah. Verdorrte Grashalme zittern im Wind. Böen fegen durch das Tal bis hinauf in die Berge, wo die Zacken der Fünftausender in den eisblauen Himmel ragen. Unten wirbeln Staubwolken über die Strasse. Kein Mensch ist zu sehen.

Der Tatort. Still.

Es ist kurz nach Mittag in Mingora, ein Freitag. Die Schülerinnen der Stadt werden nun gleich ihre Schultaschen packen und nach Hause fahren – so wie Malala Yousafzai und die anderen Mädchen, die damals im Bus diesen Weg entlanggekommen sind.

Malalas Haus mit der Nummer 4 liegt nur wenige Hundert Meter von hier entfernt. Fast wäre das Mädchen schon zu Hause gewesen am Nachmittag des 9. Oktober 2012. Aber dann kam alles anders. Als der Minibus an jenem Tag das freie Feld mit dem Baum passierte, hielten zwei Männer das Fahrzeug auf. Einer von ihnen drängte sich hinein, er trug eine Waffe und rief: «Wer von euch ist Malala?» Keines der Mädchen sprach ein Wort – doch ihre Blicke verrieten, auf welchem Platz Malala sass. Da feuerte der Angreifer mehrere Kugeln auf sie ab. Er traf drei Mädchen, zwei von ihnen kamen mit leichteren Verletzungen davon. Malala aber erlitt einen Kopfschuss, sie schwebte in Lebensgefahr.

So erzählt es der Lokalreporter Said ur Rehman, der zur Mittagszeit zum Tatort fährt. Er war kurz nach dem Angriff hier, und er hat mit Zeugen gesprochen. Die Täter vom 9. Oktober 2012 – Auftragskiller der Taliban – wurden nie gefasst. Malala sollte bestraft werden, weil sie in Blogs und in Talkshows die Brutalität der Taliban angeprangert hatte und immer wieder das Recht der Mädchen auf Bildung einforderte.

Die globale Ikone

Malala hat überlebt – und lebendig ist auch der Drang vieler pakistanischer Mädchen, trotz des Terrors zur Schule zu gehen. Man kann dies gut erkunden in den bergigen Höhen von Swat, nahe der afghanischen Grenze. Einerseits. Anderseits aber ist dies auch eine Welt, in der gerade Mädchen hohe Hürden überwinden müssen, um etwas lernen zu dürfen. Viele kommen gar nicht so weit. Nur vier von zehn schaffen es auf eine Schulbank. Das liegt weniger an den Drohungen der Terroristen als vor allem an den Schwächen des Staates, an bildungsfeindlichen Eltern und oft auch nur an den Kosten für den Schulweg, die arme Familien nicht tragen können.

Malala ist jetzt weit weg von Swat. Chirurgen in Grossbritannien haben sie gerettet, sie lebt seither in Europa, wo sie mehr und mehr zu einer globalen Ikone heranwächst. Sie ist im Juli 16 Jahre alt geworden, und überall wird sie als mutige Aktivistin für das Recht auf Bildung gerühmt. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, und am 11. Oktober wird in Oslo die Entscheidung fallen, ob ihr der Friedensnobelpreis zugesprochen wird. Ihre Erlebnisse schildert die 16-Jährige in einem Buch mit dem Titel «Ich bin Malala», das heute erscheint. Malala hält jetzt sogar Reden vor den Vereinten Nationen. Die Mädchen im Swat-Tal hören ihre Worte wohl, sie wissen um ihren Ruhm. Aber es ist auch so, dass hier viele das Vorbild Malala gar nicht brauchen, um zu wissen, was sie wollen.

«Ich werde Ärztin»

Fahrt zur Schule von Manglor: Am eisernen Tor drängen sich die Mädchen der neunten Klasse zusammen, sie warten auf ihren Schulbus, der sie nach Hause bringt. Sie tragen alle Kopftuch und blau-weisse Schuluniformen. Aisha ist 13 Jahre alt und interessiert sich für Physik und Medizin. Man könnte erwarten, dass sie vielleicht sagt: «Ich möchte Ärztin werden.» Aber tatsächlich sagt sie es anders. Sie sagt: «Ich werde Ärztin.» Aisha heisst in Wahrheit anders, nach der Attacke auf Malala ist es nötig, ihr einen erfundenen Namen für die Zeitung zu geben. Viele Mütter und Väter haben Angst, die Taliban haben sie eingeschüchtert. Dennoch wagen sie es, ihre Töchter weiterhin auf die Schule zu schicken. Mut ist überall, wo Mädchen auf der Schulbank sitzen.

Manche Eltern arbeiten sehr hart dafür. Aishas Vater schufte im Strassenbau, nahezu jede Rupie, die er verdiene, stecke er in die Erziehung der Kinder, erzählt die Tochter. Und das rechnet sie ihm hoch an. Vier Schwestern sind sie zu Hause, und sie hat zwei Brüder. Der staatliche Unterricht kostet zwar nichts, aber die Eltern müssen den Bus finanzieren, der die Kinder von ihrem Dorf zur Schule bringt, manche Kinder sind zwei Stunden täglich unterwegs. Aisha bezahlt für den Bus im Monat umgerechnet fünf Franken. Das ist viel Geld für arme Familien in Swat. Wenn alle Geschwister von Aisha zur Schule fahren, saugt das fast ein Drittel des väterlichen Einkommens auf.Natürlich haben sie von Malala gehört, dem Anschlag, ihren Reden. Ist sie ein Vorbild? Aisha sagt: «Ich bin nicht hier, weil Malala Schule gut findet. Ich bin hier, weil ich es so will. Und weil meine Eltern sich abmühen, mich hierherschicken.»

Die Taliban, so viel ist sicher, wollten das alles nicht. Deshalb haben sie diese Schule in Manglor am 31. Mai 2008 um Mitternacht in die Luft gesprengt – und noch 116 weitere Schulen in Swat. Schutt und Asche überall. In Manglor hat die Armee den vorderen Trakt inzwischen wieder aufgebaut, aber hinten fehlen noch immer die Klassenzimmer für die Jüngeren. Sie kommen jetzt erst nachmittags zur Schule, wenn die Älteren nach Hause fahren.

Mitreden und widersprechen

Aber Grundschuldirektorin Nighat Gul gibt nicht auf. Seit 24 Jahren unterrichtet sie Mädchen. Gul freut sich über Eltern wie die von Aisha. Aber sie weiss auch von vielen, die gar nichts davon halten, ihre Mädchen in die Schule zu schicken. Die Geschichten, die sie hört, ähneln sich oft. Warum, sagen sich die Väter, soll ich in meine Töchter investieren, wo ich sie doch ohnehin bald in eine andere Familie verheiraten werde? Dort hüten sie dann Haus und Kinder und dienen ihrem Ehemann. Der Vater denkt vor allem an seine Söhne, die er um sich schart, sie verdienen das Geld, erben meistens den Besitz, und sie müssen den Vater später stützen, wenn er alt geworden ist.

In ärmeren Familien kommt hinzu, dass die Mädchen oft arbeiten. Oben in den Bergen hüten sie das Vieh, in den grösseren Orten im Tal gehen sie zu reicheren Familien und machen dort die Hausarbeit. Für Schule ist in diesem Leben als Dienerin kein Platz.

Wer sich umhört in Swat, erfährt auch häufig, dass Frauen, die etwas gelernt haben, den Männern unheimlich, ja lästig, werden. Denn auf einmal fangen sie an, mitzureden, zu widersprechen. Das geht gar nicht nach den alten Bräuchen. Deshalb möchten manche Männer doch lieber eine Frau in ihrem Hause haben, die nichts gelernt hat. Damit sie duldsam ihre traditionelle Rolle ausfüllt.

Der Wandel im Swat-Tal hat früher begonnen als in anderen Gegenden, Aishas Vater, der Bauarbeiter, ist ein Beispiel für diese Umbrüche. Sie schreiten in tiefer gelegenen Gebieten des Tals rascher voran als in höheren Lagen – in den Alpen war es im Laufe der Jahrhunderte nicht anders. Bevor sich die militanten Islamisten hier ausgebreitet haben, blühte jahrzehntelang der Tourismus. Ganz oben, am Malam Jaba, kann man Ski laufen, und in den grünen Tälern unter den Gipfeln sieht es aus wie auf der Alm. Als «Schweiz des Orients» wurde das Tal im Westen bekannt.

Der Armee ist es 2009 zwar gelungen, die Gotteskrieger in einer Grossoffensive in die Berge zurückzudrängen, viele Aufständische kamen dabei ums Leben, andere entkamen über die Grenze nach Afghanistan. Doch an einer Kreuzung in Mingora haben sich seit 2008 fünf Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die Einheimischen denken oft mit gemischten Gefühlen an den Vormarsch der Armee zurück. Einerseits beendeten die Soldaten das blutige Diktat der Taliban. Andererseits haben die Kämpfe und Bombardements drei Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben, und viele gerieten unter Verdacht, mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Ein Jahr später traf sie auch noch eine verheerende Flut.

Die Menschen haben gelitten, aber nun wollen sie sich wieder aus dem Elend herausarbeiten. Mehr Kinder sollen zur Schule gehen, sagt Dilsham Begum, daran arbeitet sie jeden Tag. Die Beamtin kümmert sich um die Mädchenschulen im Distrikt Swat. Es fällt auf, dass sich diese Frau für ihre Arbeit sehr begeistert. Dafür geht sie sogar selbst von Tür zu Tür, um nach den Mädchen zu sehen, die es noch nicht bis in die Schule geschafft haben. Mehr als 10 000 Mädchen, die bislang zu Hause sassen, hätten sie und ihre Helfer auf diese Weise in die Schule gebracht. Wer sich dafür entscheidet, bekommt einen Zuschuss von 200 Rupien im Monat für den Transport, etwas mehr als 2 Franken. Das macht es den armen Familien etwas leichter. Vor zwei Jahren, als die Taliban bereits vertrieben waren, ging nur jedes dritte Mädchen in Swat zur Schule. «Jetzt liegt unsere Einschreibungsrate bei 45 Prozent», sagt Begum.

Die Angst vor Extremisten

Morgens vor dem Tor der Khushal Public School: Es ist zehn nach neun, der Unterricht hat gerade begonnen, aber zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, sind spät dran, sie huschen noch schnell hinein, hasten das steile Treppenhaus hinauf bis zu ihrem Klassenzimmer. Oben im ersten Stock liegt der Raum der zehnten Klasse. Wäre Malala nichts geschehen am 9. Oktober 2012, so würde sie vermutlich jetzt noch in diesem Klassenzimmer sitzen, in das nur wenig Licht hereinfällt. «Wir wünschen uns Malala zurück», sagt der Schulverwalter, «aber das ist derzeit kaum möglich.» Zu gross ist die Angst, dass sie noch einmal von Extremisten angegriffen wird.

Ein kurzer Blick in die Klasse wird gestattet, der Besucher darf die zwanzig Mädchen begrüssen, mehr sollen es nicht sein. Die Eltern fürchten, dass ihren Kindern passieren könnte, was Malala geschehen ist, wenn sie nun Interviews geben oder vor der Kamera erscheinen. Die Mädchen sitzen also still auf ihren Bänken. Aber ihre Augen erzählen, wie gerne sie jetzt doch sprechen würden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2013, 18:39 Uhr

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Malala strebt in die Politik
Die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai will Politikerin werden. Damit will sie nach eigenen Worten die Zukunft ihres Landes verändern. Obwohl sie selbst vor einem Jahr von den Taliban angegriffen wurde, weil sie sich für das Recht von Mädchen auf Schulbildung eingesetzt hatte, sprach sich die 16-Jährige am Montag im BBC-Interview für Gespräche mit den Radikal-Islamisten aus. «Der beste Weg, Probleme zu lösen und den Krieg zu beenden, führt über Dialog und friedliche Mittel», sagte sie dem britischen Sender. Die junge Bloggerin wohnt nach erfolgreicher Behandlung in Grossbritannien und plant ihre Rückkehr nach Pakistan. Das Leben in Grossbritannien hätten sie und vor allem ihre Mutter als Kulturschock empfunden, verriet der ­Teenager der BBC. «Wir haben niemals so freie Frauen wie hier gesehen – sie gehen allein einkaufen, ohne Männer, ohne Brüder und Väter.» Für ihr gesellschaftliches Engagement wurde Malala mehrfach ausgezeichnet. Auch für den Friedensnobelpreis und für den Sacharow-Preis des EU-Parlaments ist sie nominiert. Laut «Sunday Times» hat sie eine Einladung der Queen in den Buckingham Palace erhalten. (SDA)

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