Hintergrund

«Ein bahnbrechender Entscheid»

Die weltgrössten Kleiderketten H&M und Zara haben ein Sicherheitsabkommen für Bangladesh unterzeichnet. Dies ist ein bedeutender Fortschritt – den die Kleiderfirmen auch unterwandern könnten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die beiden weltgrössten Bekleidungsfirmen H&M und die Zara-Mutter Inditex wollen nach dem verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh künftig zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen. Man werde einer entsprechenden Vereinbarung zustimmen, teilte H&M-Managerin Helena Helmersson mit. Ein Inditex-Sprecher bestätigte, dass der spanische Konzern ebenfalls dabei sei. Die Internationale Arbeitsorganisation, die Gewerkschaft IndustriALL, die Erklärung von Bern und weitere Organisationen und Gewerkschaften haben das auf fünf Jahre angelegte Abkommen ausgehandelt. Die finale Version soll nun am Mittwoch veröffentlicht werden.

Bei der Schweizer NGO Erklärung von Bern ist man über den Schritt der beiden Textilriesen erfreut. Oliver Classen, Mediensprecher der EvB gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Man kann von einem bahnbrechenden Entscheid sprechen. Die beiden grössten Textilproduzenten haben in das bis anhin fortschrittlichste Sicherheitsabkommen eingewilligt, ohne dass vonseiten der Initianten gross Konzessionen gemacht werden mussten.»

Unabhängige Kontrollen und Transparenz

Mit der Unterzeichnung des Abkommens verpflichten sich die Textilriesen, die Sicherheitsstandards der Fabriken ihrer Zulieferer zu verbessern. Die Gebäude müssen von unabhängigen Fachleuten überprüft und wenn notwendig renoviert werden. Zudem verpflichten sich die Firmen zu mehr Transparenz: Über die Kontrollen der Betriebe muss öffentlich berichtet werden.

Bisher hatten nur zwei Unternehmen das Abkommen unterzeichnet: das deutsche Einzelhandelsunternehmen Tchibo und der PVH Corp., die Besitzerin von Calvin Klein und Tommy Hilfiger. Laut Oliver Classen sehen die Statuten des Vertrages vor, dass dieser in Kraft tritt, sobald vier namhafte Unternehmen unterschrieben haben. Mit H&M und Inditex ist dies nun der Fall. Die beteiligten Firmen haben nun 45 Tage Zeit, erste Schritte einzuleiten.

«Bhopal der Textilbranche»

Dennoch, der wegweisende Entscheid der Konzernleitungen von H&M und Inditex täuscht laut der Erklärung von Bern nicht darüber hinweg, dass der Schritt sehr spät kommt. Oliver Classen: «Uns stimmt traurig, dass in den letzten sechs Monaten fast 1300 Menschen sterben mussten, bis sich H&M besonnen hat. Es brauchte zuerst so etwas wie das Bhopal der Textilbranche, bis der Druck auf die Firmen gross genug war.»

Auch will man den Textilriesen trotz der Vertragsunterzeichnung noch nicht trauen. Die Textilindustrie sei nichts anderes als ein globalisierter Wanderzirkus, so Classen. Die Gefahr bestehe, dass die Konzerne nun einfach versuchten, den Renovationskosten aus dem Weg zu gehen. Die Konzerne könnten nun Massnahmen einleiten, aber unter dem Radar der Öffentlichkeit einfach weiter nach Vietnam oder Kambodscha ziehen. Classen: «Wir sind sehr wachsam.»

Fabriken werden geschlossen

Der Verband der Textilhersteller und -exporteure kündigte derweil an, hunderte Textilfabriken in Bangladesh ab Dienstag für immer zu schliessen. Begründete wurde der Schritt mit den Protesten der Arbeiter nach dem Einsturz einer Fabrik mit mehr als tausend Toten. «Wir haben uns dazu entschlossen, um die Sicherheit unserer Fabriken sicherzustellen», erklärte der Verbandspräsident Shahidullah Azim. Geschlossen werden demnach alle Fabriken in der Industrieregion Ashulia.

Der Ankündigung steht Oliver Classen kritisch gegenüber: Mehrere Hundert sei nach Informationen der Erklärung von Bern masslos übertrieben. Man habe von mehreren Dutzend gehört, was bei 5000 bis 6000 Textilfabriken nur ein Tropfen auf den heissen Stein sei. Zudem seien solche Schliessungen schon öfters angekündigt worden. «Das ist symbolisch und als logische innenpolitische Konsequenz zu verstehen. Man muss die Leute beruhigen, man muss die Investoren beruhigen und man muss sich handlungsfähig zeigen», so Classen.

Suche nach Opfer eingestellt

Bei dem Einsturz eines achtstöckigen Fabrikgebäudes nahe der Hauptstadt Dhaka vor knapp drei Wochen wurden nach offiziellen Angaben bis Montagabend 2438 Verletzte und 1127 Leichen geborgen. Im Gebäude befanden sich fünf Textilfabriken, eine Bankfiliale und mehrere Geschäfte.

Die Rettungskräfte haben unterdessen ihre Suche nach Toten und Überlebenden eingestellt. Am Dienstagmorgen solle die Unglücksstelle formell der Distriktverwaltung übergeben werden, sagte ein Sprecher des Katastrophenzentrums. Bagger und Kräne seien weggefahren, sagte ein Anwohner, nur ein paar Soldaten bewachten das Areal noch.

Das Unglück hatte für massive Proteste gegen die Arbeitsbedingungen und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in den Textilfabriken des Landes gesorgt, in denen vor allem auch zahlreiche westliche Marken ihre Kleidung produzieren lassen.

Mit Material der Nachrichtenagenturen sda und AFP.

Erstellt: 13.05.2013, 22:50 Uhr

Oliver Classen ist Mediensprecher der Erklärung von Bern.

Clean Clothes Campaign

Die Clean Clothes Campaign fordert gemeinsam mit bangladeshischen und internationalen Gewerkschaften eine nachhaltige und effiziente Umsetzung von Schutzmassnahmen. Ein wichtiger Schritt: Die Unterzeichnung des von IndustriALL und der CCC initiierten Brandschutzabkommens. Diese verpflichtet Regierung und Unternehmen, Fabrikgebäude sicherheitstechnisch zu verbessern. Es beinhaltet Gebäudesicherheitskontrollen durch unabhängige Sicherheitsfachleute, die Bildung von betrieblichen Arbeitsschutzkomitees sowie eine öffentliche Berichterstattung über alle Kontrollen. (Erklärung von Bern)

Artikel zum Thema

Bangladesh bangt um Aufträge der grossen Kleiderfirmen

Hintergrund Viele Marken fürchten Bangladeshs Hochhäuser mittlerweile. Erste Firmen wie Disney haben bereits Aufträge abgezogen. Das Land bangt nun um die Lebensgrundlage von Millionen. Mehr...

Kaufen Sie weiterhin Billigkleider!

Debatte Ein Boykott der Kleiderindustrie von Bangladesh schadet den Frauen. Die auf Dumpingpreisen basierende Textilindustrie hat das Leben Hunderttausender aufgewertet. Mehr...

Aus den Brotdosen toter Kolleginnen gegessen

Zwei Wochen lang lag Reshma unter den Trümmern der eingestürzten Fabrik in Bangladesh, am letzten Tag der Bergungsarbeiten wurde sie gerettet. Im TV erzählt die 18-Jährige, wie sie überleben konnte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...