Ein fataler Zufall kostete die Velofahrer das Leben

Die Männer, die in Tadschikistan einen Schweizer und drei weitere Ausländer getötet haben, kehrten erst kurz vor dem Attentat in die Heimat zurück.

Der Anschlag auf die Velofahrer geschah südlich der Hauptstadt Duschanbe.

Der Anschlag auf die Velofahrer geschah südlich der Hauptstadt Duschanbe.

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Zuerst fuhren sie ihre Opfer mit einem Auto an, dann gingen sie mit Messern und einer Axt auf die Velofahrer los. Bei dem Überfall in Tadschikistan, der schlimmsten Attacke auf Ausländer in Zentralasien überhaupt, starben Ende Juli ein Schweizer, ein Holländer und zwei Amerikaner. Von den fünf Angreifern, die später in einem Video der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auftauchten, wurden vier bei einer Verhaftungsaktion erschossen. Nur der Chef der Gruppe, der 33-jährige Hussein A., sitzt in Haft.

Ermittlungen haben ergeben, dass er die Mittäter unter tadschikischen Gastarbeitern in Russland rekrutiert hat. Die Mutter von Hussein A. sagt in einem Gespräch mit Radio Free Europe, ihr Sohn sei drei Monate vor dem Attentat nach Tadschikistan zurückgekommen. 2004 hatte er sein Studium an einer renommierten Universität des Landes abgebrochen und das Land verlassen. Er habe sie aus Russland angerufen, aber auch aus Kasachstan, aus Dubai. Dafür, dass Hussein A. in Syrien oder im Irak für den IS gekämpft hat, gibt es keine Belege.

Geistlicher segnete Attacke ab

Radikalisiert worden sei ihr Sohn von einem tadschikischen Geistlichen, dem 45-jährigen Qori Nosir, sagt die Mutter. Dieser hat Tadschikistan offenbar 2010 verlassen und war im Nahen Osten aktiv. Er hat laut den Recherchen von Radio Free Europe die Attacke am 28. Juli abgesegnet – per Whatsapp. Die Velofahrer seien ein gutes Ziel, man werde mit dem Anschlag auch international Aufmerksamkeit erregen. Dies umso mehr, als auch Amerikaner in der Gruppe waren.

Dass ausgerechnet die Velofahrer Opfer des Attentats wurden, ist gemäss den Recherchen deshalb eher ein unglücklicher Zufall. Die Attentäter seien der Gruppe nur einen Tag lang gefolgt, bevor sie zuschlugen. Unter den Tätern waren zwei 19-jährige Verwandte von Hussein A., die anderen waren zwei Brüder, ebenfalls Tadschiken, die in Russland arbeiteten. Alle wurden offenbar auch dort radikalisiert, im Netz kursieren unzählige IS-Propagandavideos auf Russisch. Die vier Mittäter kehrten erst zwei Tage vor dem Attentat nach Tadschikistan zurück.

Hussein A. stand offenbar auf einer tadschikischen Fahndungsliste, ohne jedoch als besonders gefährlich zu gelten. Die tadschikischen Behörden erklären, der Mann sei Mitglied der Islamischen Partei der Wiedergeburt Tadschikistans und im Iran ausgebildet worden. Die Gruppierung hat den Vorwurf entschieden zurückgewiesen: «Leider versuchen die tadschikischen Behörden – wie immer – diese menschliche und nationale Tragödie für politische Ziele und gegen ihre friedlichen Gegner einzusetzen», heisst es in einer Stellungnahme.

Auch unabhängige Experten haben Zweifel daran, dass die Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans hinter dem Attentat steckt. Der Umstand, dass der IS das Bekennervideo verbreitet habe und die Männer darauf nicht Tadschikisch, sondern gebrochenes Russisch sprachen, sei ein klares Indiz dafür, dass es eine Verbindung zum Islamischen Staat gegeben habe, wenn vielleicht auch keine enge.

Männern die Bärte rasiert

Im zu 90 Prozent islamischen Tadschikistan ist Religion ein schwieriges Thema. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach in dem Land ein Bürgerkrieg aus, bis zu 100'000 Menschen wurden getötet. Die Opposition kämpfte gegen die alten sowjetischen Kader, die wichtigste Rolle spielte dabei die Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans. Im Friedensvertrag von 1997 wurde ihr eine fixe Regierungsbeteiligung garantiert. Doch der immer autoritärer regierende Präsident Emomali Rahmon, seit Kriegsbeginn 1992 an der Macht, hat die Partei systematisch aus der Regierung gedrängt. 2015 wurde sie zur terroristischen Organisation erklärt und ihre Anführer verhaftet.

Auch im Alltag versucht Rahmon, den Islam zu verdrängen. Die Polizei hat Tausende Männer mit Bärten verhaftet und sie mit Gewalt rasiert. Dabei gingen die Sicherheitskräfte zum Teil mit brachialer Gewalt vor. Letztes Jahr wurden neue Kleidervorschrift für Frauen erlassen. Danach dürfen Kopftücher in Tadschikistan nicht wie ein Hijab den Hals verhüllen, sondern müssen am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden werden.

Beobachter sind überzeugt, dass solche Repressalien mit dazu beigetragen haben, dass sich – pro Kopf gerechnet – aus keinem Land so viele junge Männer dem IS angeschlossen haben wie aus Tadschikistan. So stellten sie etwa unter den ausländischen Selbstmordattentätern die grösste Gruppe. Mindestens 27 Tadschiken sprengten sich 2016 für den IS in die Luft, gefolgt von 17 Marokkanern und 14 Tunesiern. Doch das Attentat auf die Velofahrer ist der erste IS-Anschlag in Tadschikistan selber.

«Sklaven Allahs» werden

Auch in den hohen Kadern der Terrormiliz spielten die Tadschiken eine wichtige Rolle. Einer von ihnen ist Gulmurod Chalimow, den das russische Militär als «Kriegsminister des IS» bezeichnet und letztes Jahr getötet haben will. Belegt ist der Tod der Nummer 2 im Islamischen Staat jedoch nicht. Washington hat noch immer ein Kopfgeld von drei Millionen Dollar auf den einstigen tadschikischen Polizeioffizier ausgesetzt, der in den USA in Terrorabwehr und Häuserkampf ausgebildet wurde.

«Hört, ihr Hunde, Präsident und Minister, wenn ihr wüsstet, wie viele Jungs hier unsere Brüder sind, die sehnsüchtig darauf warten, nach Tadschikistan zurückzukehren», drohte er seinem Heimatland. Seine Landsleute in Russland, wo rund eine Million Tadschiken unter teils erbärmlichen Bedingungen als Gastarbeiter schuften, rief er auf, «Sklaven Allahs» zu werden und nicht länger «Sklaven der Ungläubigen» zu bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2018, 19:19 Uhr

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