Hintergrund

Ein paar Tausender für eine 8-jährige Selbstmordattentäterin

Ein Bub wird von einer Bombe zerfetzt, ein Mädchen wird mit einer Sprengstoffweste aufgegriffen. Die Kinder, welche die Taliban als Selbstmordattentäter einsetzen, wurden entführt, belogen und verkauft.

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Als sich das achtjährige Mädchen der Polizeistation in der südafghanischen Provinz Urusgan näherte, schöpfte niemand Verdacht. Sie hatte von Extremisten den Auftrag erhalten, dort eine Tasche abzuliefern. Dass sich darin eine Bombe befand, habe das Mädchen nicht gewusst, so das Innenministerium am Sonntag. Als sie sich einem Polizeiauto näherte, liessen die Extremisten die Bombe per Fernzünder hochgehen. Das Mädchen starb, andere Leute wurden nicht verletzt. Hinter der Tat werden die Taliban vermutet, auch wenn sie in der Vergangenheit abgestritten haben, Kinder als Selbstmordattentäter zu missbrauchen.

Erst letzte Woche war ein neunjähriges Mädchen in Pakistan in die Schlagzeilen geraten. Sohana Javaid erzählte an einer Pressekonferenz, wie sie in Peshawar auf dem Schulweg von Extremisten entführt worden war. Ihre Kidnapper zwangen sie, eine Sprengstoffweste mit acht Kilogramm Sprengstoff anzuziehen und brachten sie in die Nähe eines Polizeipostens im Nordwesten Pakistans. «Sie haben mir gesagt, ich soll einen Knopf drücken, wenn ich an dem Posten bin», so Javaid. «Als ich in die Nähe der Kontrollstelle kam, habe ich die Weste weggeworfen und um Hilfe gerufen.» Weshalb die Extremisten den Sprengstoff nicht zündeten, ist unklar. Der Polizeichef vermutet, sie seien in Panik geraten. Es könnte sich aber auch um einen technischen Defekt handeln.

Kinder wecken kein Misstrauen

Seit Jahren ist bekannt, dass die Taliban Kinder als Selbstmordattentäter einsetzen. Bisher war von dreizehn-, vierzehnjährigen Knaben die Rede, die indoktriniert wurden. Neu ist, dass so junge Kinder eingesetzt werden. Auch das misstrauischste Sicherheitspersonal schaut bei einem Kind nicht so genau hin. «Wir stellen fest, dass Aufständische viel skrupelloser gegen die afghanische Bevölkerung vorgehen und dass sie Kinder und Frauen als Selbstmordattentäter einsetzen wollen, was neu ist für Afghanistan», sagt der US-Generalmajor Dan Allyn gegenüber Nationaljournal.com. Dies zeige, wie verzweifelt die Extremisten um die Macht kämpften. Junge Knaben seien besonders beeindruckbar und könnten leicht überzeugt werden, einen Anschlag durchzuführen. Viele würden auch dazu gezwungen.

Im Mai riss ein 12-jähriger Junge in einem Basar in der östlichen afghanischen Provinz Paktika vier Menschen mit in den Tod, als er seine Sprengstoffweste zündete. Ebenfalls im Mai nahmen afghanische Sicherheitskräfte drei Jungen unter vierzehn Jahren fest, die versucht hatten, aus Pakistan nach Afghanistan einzureisen. Sie gaben an, von Extremisten für Selbstmordanschläge ins Land geschickt worden zu sein.

Gehirnwäsche durch den Mullah

Die Knaben hätten Amulette mit Koranversen bekommen, die sie vor der Explosion der Bombe schützen sollten. «Unser Mullah sagte uns, dass bei einem Selbstmordanschlag alle um uns herum sterben, wir aber am Leben bleiben würden», sagte der vierzehnjährige Ghulam Faruk laut «Telegraph online». Bei ihrer Rückkehr würden die Kinder als Helden verehrt und ihren Eltern werde der Eintritt ins Paradies garantiert, wurde den Knaben versichert. Über zwei Dutzend gestoppte jugendliche Selbstmordattentäter, die in Pakistan rekrutiert worden seien, befänden sich zurzeit in afghanischer Jugendhaft, schreibt der britische «Telegraph online».

Vor ein paar Wochen schockierte ein Amateurvideo auf Youtube. Paschtunische Schulkinder im Südosten Afghanistans spielen einen Selbstmordanschlag (siehe Video «Selbstmordanschlag als Spiel»). Ein verhüllter Junge verabschiedet sich von seinen Freunden, bevor er auf eine andere Gruppe Kinder zugeht und simuliert, sich in die Luft zu jagen. Die Kinder fallen zu Boden, die anderen Kinder nähern sich dann, um die «Toten» zu identifizieren.

Ein kindlicher Attentäter für ein paar tausend Dollar

Vor zwei Jahren berichtete die «Washington Times», wie Baitullah Mehsud, ein pakistanischer Talibananführer, der bei einem US-Drohnenangriff ums Leben kam, Kinder kaufte, um sie als Selbstmordattentäter gegen pakistanische, afghanische und amerikanische Ziele zu missbrauchen. Der Preis für kindliche Attentäter betrug damals 7000 bis 14'000 US-Dollar, eine sehr hohe Summe in einem Land, wo das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 2600 Dollar im Jahr beträgt. Der Preis für das Kind hänge davon ab, wie schnell ein Attentäter gebraucht werde und wie nahe das Kind dem Ziel kommen soll. Etliche Kinder wurden auch entführt und an Mehsud verkauft.

In einer Kultur, in der es normal sei, dass Kinder sich dem bewaffneten Kampf anschliessen, sei es nichts Ungewöhnliches, dass 13-Jährige Waffen tragen, sagte ein ehemaliger afghanischer Freiheitskämpfer zur «Washington Times». «Ungewöhnlich ist, dass diese jungen Kämpfer zu Selbstmordattentätern herangezüchtet werden. Diese Kinder werden einer Gehirnwäsche unterzogen, es ist ein Verbrechen gegenüber Allah.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.06.2011, 13:53 Uhr

Selbstmordanschlag als Spiel

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