Eine Blamage für Pakistans allmächtige Armee

Viele Pakistaner bezweifeln nicht nur die US-Version vom Tod Bin Ladens, sondern auch jene des eigenen Militärs. Das Ansehen der in Pakistan bislang nahezu allmächtigen Armee hat gelitten.

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Die Zweifel sind geblieben. Nach wie vor. Tahir Khan findet es zwar «schockierend», dass Osama Bin Laden sein Nachbar gewesen sein soll. Der Bewohner von Abbottabad sagt aber auch: «Wer weiss denn schon, ob er wirklich hier gelebt hat und nun wirklich tot ist.» An seiner Sichtweise ändert auch das Eingeständnis al-Qaidas nichts: Die Terrorgruppe bestätigte auf einer Internetsite inzwischen, ihr Anführer sei in der Nacht auf Montag tatsächlich ums Leben gekommen. So meldete es gestern zumindest der auf das Auswerten islamistischer Websites spezialisierte Informationsdienst Site.

Viele Pakistaner bleiben dennoch bei ihrer eigenen Version dessen, was in der Nacht zu Montag in der gut gepflegten Garnisonsstadt Abbottabad beim Einsatz der Navy Seals geschehen ist. Nur so viel steht für die grosse Mehrheit fest: Amerikas Regierung ist und bleibt der Feind, der Osama Bin Laden nie war. Das sehen nicht nur die Demonstranten der islamistischen Jamaat-e-Islami so, die am Freitag im Zentrum von Abbottabad gegen die «USA, die grössten Terroristen der Welt», wettern. Das sieht nicht nur der Imam so, der in seiner Freitagspredigt sagt: «Die USA können so viele Osamas töten, wie sie wollen, den globalen Siegeszug des Islam werden sie damit nicht stoppen.»

Trotz der weit verbreiteten Zweifel: Zu Hunderten pilgern die Einheimischen zu dem dreistöckigen Haus, in dem nach der Stürmung durch die US-Spezialeinheit einige Fensterscheiben fehlen. Am Freitag ist das letzte Domizil des getöteten Al-Qaida-Chefs allerdings weiträumig abgesperrt. Die pakistanischen Behörden befürchten, der Menschenauflauf könnte Ziel eines Anschlags werden.

«Bühnenreifes Theaterstück»

Die USA setzten gestern das erste Mal seit der Tötung Osama Bin Ladens unbemannte Drohnen in den pakistanischen Stammesgebieten ein – eine Praxis, die US-Präsident Barack Obama massiv ausgeweitet hat. Dabei starben in Nord-Waziristan, das als zentrales Rückzugsgebiet der Extremisten gilt, mindestens 13 Menschen.

Solche Attacken fördern den Unmut über Amerika. Schwerer wiegt aber, dass Obama entschieden hat, kein Foto vom getöteten Al-Qaida-Chef zu veröffentlichen. Die Verschwörungstheoretiker fühlen sich dadurch bestätigt: «Was hat er denn zu verbergen?», fragt Tahir Khan. Selbst ein Journalist einer liberalen Zeitung ist sich sicher: «Osama Bin Laden ist in der Nacht zu Montag nicht in Abbottabad gestorben.»

Es gebe viel zu viele Ungereimtheiten. Natürlich sei der pakistanische Geheimdienst ISI entgegen der offiziellen Version an der Aktion beteiligt gewesen, könne dies aber wegen der antiamerikanischen Stimmung in Pakistan nicht zugeben, meint der Journalist. Der Titel zur Kommandoaktion der Navy Seals müsste eigentlich lauten: «Osama, Obama, Drama». Washington spiele der ganzen Welt ein bühnenreifes Theaterstück vor.

Islamabad stösst Drohungen aus

Dabei haben die pakistanische Führung und auch die Armee erklärt: Die Amerikaner haben Osama Bin Laden im Alleingang getötet. Die verbalen Attacken des pakistanischen Armeechefs Ashfaq Pervez Kiani gegen die USA dienen nun offenbar dem Ziel, die einheimischen Kritiker zu besänftigen. Falls die Amerikaner noch einmal Pakistans Souveränität durch eine nicht angekündigte Kommandoaktion verletzten, sei die Zusammenarbeit gefährdet, droht er. Die Milliarden aus Washington für den Anti-Terror-Kampf nimmt das Militär allerdings gerne entgegen.

Aussenminister Salman Bashir kündigt massive Konsequenzen für den Fall an, dass ein Land meine, die Aktion der Amerikaner auf pakistanischem Territorium nachahmen zu können. Die Drohung geht an die Adresse Indiens: Die Armeeführung in Delhi hat laut darüber nachgedacht, ob solche Attacken nicht der beste Weg seien, um pakistanische Terroristen auszuschalten. Indien bezichtigt den Erzfeind Pakistan, Hintermänner der Anschläge von Mumbai im November 2008 zu decken.

«Osama Bin Laden ist tot»

Die Verbalattacken vermögen eines nicht zu überdecken: Das Ansehen der in Pakistan bislang nahezu allmächtigen Armee hat gelitten. Die Männer in Uniform haben es in der wechselvollen Geschichte des Landes immer wieder geschafft, beharrlich ein Bild in der Bevölkerung zu festigen: Die Armee als Retterin der muslimischen Nation ist im Zweifelsfall den inkompetenten, korrupten Politikern vorzuziehen.

«Die Aktion ist eine grosse Blamage für das Militär und den Geheimdienst», sagt der pensionierte General Talat Masud. Das erste Mal seit Jahren müssten sie sich kritische Fragen gefallen lassen. Vielleicht könne die zivile Führung daraus Kapital schlagen und ihren Spielraum gegenüber dem übermächtigen Sicherheits-Establishment ausweiten, hofft der Ex-General, der dafür plädiert, die Armee aus der Politik herauszuhalten. Masud, einer der profiliertesten Analysten des Landes, zählt nicht zu den Verschwörungstheoretikern. «Auch wenn es nur wenige Pakistaner einsehen wollen», sagt er, «Osama Bin Laden ist tot.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2011, 18:54 Uhr

Gibt sich entschlossen: Pakistans Armeechefs Ashfaq Pervez Kiani. (Bild: Keystone )

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