Eine Entschuldigung wider Willen

Die von Japans Ministerpräsident Abe öffentlich gezeigte Reue ist nur die Reaktion auf den Druck vieler Japaner.

Dem Frieden zuliebe: Japans Premier Shinzo Abe drückt an der Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes seine Reue aus. (14. August 2015)

Dem Frieden zuliebe: Japans Premier Shinzo Abe drückt an der Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes seine Reue aus. (14. August 2015) Bild: Toru Hanai/Reuters

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Premier Shinzo Abe hat das Minimum getan. In seiner Erklärung zur siebzigsten Wiederkehr der Kapitulation Japans hat er die vier Stichworte erwähnt, die in Peking und Seoul zur Conditio sine qua non für bessere Beziehungen gelten, insbesondere für ein Gipfeltreffen. Er bezeichnete Japans Krieg gegen seine Nachbarn als «Aggression» und die Unterwerfung Koreas als «Kolonisierung»; er drückte «tiefe Reue» aus für die «unmessbaren Schäden und das Leid», die Japan über andere Länder brachte. Und mehrfach benützte er die Worte «Entschuldigung von Herzen». Er stehe zu den Erklärungen seiner Vorgänger, die sich vor zehn und zwanzig Jahren «von Herzen entschuldigten», versicherte er. An ihnen werde «nicht gerüttelt, auch in Zukunft nie».

Abe ist einen weiten Weg gegangen. Noch vor einem halben Jahr wollte er weder von «Aggression» sprechen, das sei ein international nicht definierter Begriff, noch etwas von einer «Entschuldigung» hören. Bei seinem Amtsantritt hatte er die Erklärung von Premier Tomiichi Murayama, der sich 1995 als erster Regierungschef für Japans Gräueltaten entschuldigte, sogar widerrufen wollen. Doch der Druck nahm stetig zu, auch aus der eigenen Partei. Deshalb überlegte Abe zwischendurch, gar keine Erklärung der Regierung abzugeben, sondern bloss eine persönliche. Eine eigens geschaffene Kommission, in die er mehrheitlich Konservative berief, hielt ihn davon ab. Die 16 Experten kamen zum Schluss, er müsse die vier Stichwörter erwähnen, sie seien angebracht. Und natürlich müsse es eine offizielle Erklärung der ganzen Regierung sein.

Der ebenfalls nationalistische Junichiro Koizumi, 2005 Premier und einst Abes Mentor, sagte vor zehn Jahren in seinem kurzen konzisen Statement: «Ich drücke meine tiefe Reue und meine herzliche Entschuldigung aus.» Abe dagegen sprach in einer langen Rede von einer Entschuldigung von Herzen, die Japan abgegeben habe, vermied es aber sorgsam, dabei in der ersten Person zu sprechen. Er hätte sich damit auch für seinen Grossvater Nobusuke Kishi entschuldigt, der im Kriegsregime eine Schüsselrolle spielte. Und den Abe als Vorbild verehrt. Yutaka Yoshida, Professor an der Hitotsubashi-Universität, kommentierte im Fernsehen: «Abe hat es so formuliert, dass die Entschuldigung indirekt war. Man muss sich fragen, ob er sie wirklich gemeint hat.» Diese Frage hat Abe längst beantwortet. Seine Einschätzung hat er nicht geändert, er hat nur dem Druck nachgegeben, auch dem Druck eines grossen Teils der Japaner, auch von fünf ehemaligen Regierungschefs, die ihn vor wenigen Tagen ermahnt hatten.

Erstellt: 14.08.2015, 16:02 Uhr

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