Eine Schulbank für Chinas Führung

Die neue Alternative zu IWF und Weltbank gibt Peking die Chance, international eine wichtigere Rolle zu übernehmen.

Die grössten Schwellenländer markieren stärkere Präsenz: Brics-Schriftzug während des Gipfels im chinesischen Hainan von 2011. Bild: Reuters

Die grössten Schwellenländer markieren stärkere Präsenz: Brics-Schriftzug während des Gipfels im chinesischen Hainan von 2011. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

China übernimmt eine Führungsrolle im 21. Jahrhundert. Da ist die Welt sich weitgehend einig. Aber will und kann China das überhaupt: die Welt führen? Stand heute: nein. Zwar sind die Parameter für eine Führungsrolle der ­Volksrepublik zweifellos gegeben. Das Land ist zur zweitgrössten Volks­wirtschaft aufgestiegen und könnte die USA schon bald an der Spitze ablösen. In internationalen Gremien gilt China als mächtiger Akteur, dessen Meinung zu Problemen aller Art erst einmal abgewartet werden muss, ehe die Welt sich weiterdrehen kann: ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat, unverzichtbarer Gast bei den G-20 und treibende Kraft im Verbund der aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (kurz: Brics). Aber in der Praxis bleibt China den Beweis von Führungs­qualität bislang schuldig.

Wenn es brennt in der Welt, ducken sich die Chinesen weg und fordern Dialog. Von allen und jedem. Dazu steuern sie kaum mehr als Plattitüden bei. Sie bauen keine Brücken, wo Gräben überwunden werden müssen, und bringen die Probleme dieser Welt einer Lösung nicht näher. Schon gar nicht, wenn sie selbst betroffen sind. Pekings Diplomaten werden rabiat, wenn es um die Durchsetzung chinesischer Interessen geht. Ansonsten halten sie sich zurück. So lässt sich keine Weltgemeinschaft führen.

Ein Gegenmodell

Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt von einem Staat und einer Gesellschaft, die in den letzten 30 Jahren eine Entwicklung durchgemacht haben, wofür andere viel mehr Zeit zur Verfügung hatten. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass sich das in Zukunft noch ändert und China in den kommenden zwei oder drei Jahrzehnten tatsächlich Führungsqualitäten entwickelt, die denen der Amerikaner gleichkommen. Ein kleiner Schritt in diese Richtung könnte die soeben gegründete Entwicklungsbank der Brics-Länder sein, die ein Startkapital von 50 Milliarden Dollar besitzt.

Die aufstrebenden Volkswirtschaften der Brics-Staaten bieten mit ihrem Gegenmodell zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) nicht nur ein Instrument, um Kredite für Entwicklungsländer ohne Mitsprache der USA zu ermöglichen. Die Bank wird damit auch automatisch zu einem Instrument, um neue Hierarchien in der Welt zu schaffen. Finanzielle Hilfe Suchenden bietet sich ein neuer Kanal, um an Kapital zu kommen. Keine Amerikaner, keine früheren Kolonialmächte, kaum Europäer.

Den Chinesen bietet es zudem eine Gelegenheit, sich als Führungskraft zu versuchen. Aus mehreren Gründen: Die Zentrale der Entwicklungsbank wird wohl in Shanghai eröffnet. Und keiner der Partner kann China zurzeit das Wasser reichen. Mit kluger Politik der Bank chinesischer Färbung könnte es Peking gelingen, mithilfe der Entwicklungsbank neue Partner und Verbündete zu gewinnen. Daran hapert es nicht zuletzt wegen des schwachen diplomatischen Auftretens des Landes. China mag stets sehr selbstbewusst daherkommen. Aber in Wahrheit steckt hinter der eisernen Fassade eine grosse Portion Unsicherheit darüber, wie man so etwas eigentlich macht: die Welt führen.

So erwirbt man Vertrauen

Die Entwicklungsbank ist aber auch ein willkommener Hafen für chinesische Devisenreserven. Fast 4000 Milliarden Dollar hat das Land angehäuft. Mit einem grossen Teil der Summe kauft China amerikanische Staatsanleihen. Das macht die Entwicklungsbank auch abhängig von der Geldpolitik der USA. Die Finanzierung der Entwicklungsbank ist eine sinnvolle Alternative zum Kauf der Anleihen. Nur die Dividende ist eine andere. Kein Cash, dafür Vertrauen von Hilfe suchenden Nationen.

Wenn die Volksrepublik eine globale Führungsrolle anstrebt – und das muss sie, wenn sie verhindern will, dass die Geschichtsbücher der Zukunft von einem verlorenen Jahrhundert für China schreiben – dann muss sie sich Vertrauen erarbeiten und dieses schliesslich auch bestätigen. Das geht nur über mehr Engagement, über die Bereitschaft, Position zu beziehen und den eigenen Einfluss weitgehend geltend zu machen.

Eigene Interessen muss man deswegen nicht aufgeben. Das machen die Amerikaner auch nicht. Aber sie als einzige Triebkraft zu begreifen, führt in die Rolle des Einzelgängers, nicht in die eines Führungsspielers.

Erstellt: 21.07.2014, 09:12 Uhr

Artikel zum Thema

Schwellenländer gründen «Mini-Währungsfonds»

Die Brics-Staaten emanzipieren sich von den grossen Wirtschaftsmächten: Eine eigene Institution soll IWF und Weltbank die Stirn bieten – ein Projekt, das die globale Finanzarchitektur grundlegend verändern könnte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...