Endgültiger Auszug aus der dörflichen Idylle

Die AKW-Firma Tepco räumt ein, dass eine dreifache Kernschmelze stattgefunden hat – das Dorf Iitate in der Nähe des Atommeilers Fukushima I ist unbewohnbar geworden.

Nun müssen sie definitiv gehen: Bewohner von Iitate beladen ihre Autos mit den persönlichen Habseligkeiten, die sie ins ungewisse neue Leben mitnehmen dürfen.

Nun müssen sie definitiv gehen: Bewohner von Iitate beladen ihre Autos mit den persönlichen Habseligkeiten, die sie ins ungewisse neue Leben mitnehmen dürfen. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Blätter rauschen, sonst ist es still am Watatsumi-Schrein. Viel zu still für diesen prächtigen Frühlingstag. Und bald wird es noch stiller. 4500 verbliebene Einwohner von Iitate haben die Order bekommen, das Dorf bis Ende Mai zu verlassen. Unter ihnen ist Shinto-Priester Hiroshi Tada. Der 64-Jährige wurde im Schrein geboren, er war sein ganzes Leben lang hier Priester. Wie vor ihm schon sein Vater und Grossvater.

Der Schrein, der dem Gott der Meere gewidmet ist und die gute Luft und die Natur feiert, ist 1200 Jahre alt. Und riecht dennoch nach frischem Holz: Shinto-Schreine werden alle paar Jahrzehnte neu aufgebaut, Tatas Watatsumi-Schrein zuletzt vor fünf Jahren. Mit Holz von 350 Jahre alten Zypressen.Künftig wird es im Watatsumi-Schrein keine Hochzeiten mehr geben. Und keine Reinigungsrituale. Iitate liegt 45 Kilometer nordöstlich der AKW-Ruine Fukushima I auf einer Passhöhe. In den ersten Tagen nach der Kernschmelze trug der Wind eine radioaktive Wolke her. Sie regnete über Iitate ab. Die Strahlung stieg auf 7 bis 10 Mikrosievert pro Stunde, das Trinkwasser ist seither verseucht.

Bis Ende Monat wird noch gearbeitet

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ermahnte die Regierung in Tokio, Iitate sei nicht mehr sicher für Menschen. Diese empfahl den Menschen zuerst die freiwillige Evakuierung, passte die Sperrzone aber erst vier Wochen später der wirklichen Verstrahlung an.Während der Shinto-Priester Grüntee nachgiesst, bringt sein Sohn das Dosimeter, das er im Wohntrakt liegen lassen habe. Es zeigt 2,3 Mikrosievert pro Stunde – im Haus. Aufs Jahr hochgerechnet wären das 20 Millisievert, in Japan die zulässige Höchstgrenze. Draussen ist die Strahlung freilich höher. Dennoch könne er sich das Weggehen nicht vorstellen, sagt der Priester. Die Dorfbehörden mieten Herbergen, Hotels und Beamten-Dienstwohnungen in den Städten Fukushima und Koriyama für die Leute von Iitate an. Vom Watatsumi-Schrein kommt man an der Grundschule des Ortsteils Kusano vorbei. Sie ist geschlossen. Gleichwohl reparieren Arbeiter vor dem Schultor die vom Erdbeben beschädigte Strasse.

Noch bis Ende Mai werden die Kinder, die noch in Iitate verblieben sind, mit einem Bus in den Nachbarort Kawamata gefahren. Der kleine Supermarkt von Kusano ist noch geöffnet, die Post auch, die Apotheke schon nicht mehr. Die «Fleischhalle» an der Durchgangsstrasse, die den Touristen Iitate-gyu, das lokale Rindfleisch, schmackhaft machen soll, hat nach dem Erdbeben gar nicht mehr geöffnet. Iitate war eine bäuerliche Idylle, sattgrün, bergig, ein bisschen Schwarzwald in Japan. Aus der Stadt kamen die Leute, um hier Ferien zu machen. Nun liegen die Felder brach, die Gewächshäuser stehen leer oder sind schon vom Unkraut überwuchert. Iitate ist durch die Zusammenlegung mehrerer Dörfer entstanden. Das Rathaus steht auf einer Anhöhe. Vor dem Eingang sind mehrere Kubikmeter Kartons mit Trinkwasser gestapelt. Auf einem Zettel steht, in den Ämtern würde jetzt auch am Sonntag gearbeitet. Allerdings nur bis Ende Mai. Dann, so wurde den Angestellten beschieden, würden ihre Stellen aufgehoben.

Am 31. Mai ist endgültig Schluss

Vor kurzem hat Bürgermeister Norio Kanno vor dem Rathaus eine erste Gruppe von Dorfbewohnern verabschiedet. 64 Personen, vor allem Familien mit kleinen Kindern und Schwangere. Die meisten andern wissen noch nicht, wann sie evakuiert werden und wohin. Sie haben keine Wahl, müssen akzeptieren, was die Gemeinde für sie findet. Nur wenig werden sie mitnehmen können. Deshalb haben die Angestellten einer Paket- und Umzugsfirma, die vor dem Rathaus an einem Gartentisch ein behelfsmässiges Büro eingerichtet haben, kaum Kunden.

Der Ortsteil Iitoi wirkt schon völlig ausgestorben, viele Häuser sind verbarrikadiert. Ein winziger Laden ist noch offen, die Regale sind halb leer. «Bis 31. Mai», sagt die Besitzerin. Und dann? Sie schluckt leer, wischt sich mit der Hand übers Gesicht. Darüber will sie nicht reden.In der Subaru-Garage wird noch ein Auto repariert. Zwei gebückte alte Frauen mit Mundschutz, die Kopftücher tief in die Stirn gezogen, haben nebenan nach ihren Blumen gesehen. «In den Gemüsegarten dürfen wir ja nicht mehr.» Auf die Frage nach der Evakuierung reagieren sie sauer. Erst habe die Regierung gesagt, sie müssten in den Häusern bleiben, dort seien sie sicher. Jetzt sollten sie plötzlich weg. Natürlich wollen sie nicht weg, «aber wir müssen, alle.» Für fünf bis zehn Jahre, habe man gesagt. Aber sie glauben dieser Regierung nichts mehr.

Die Rinder werden geschlachtet

Wie überall in Iitate grinst auch hier Yoshitami Kameoka von einem Wahlplakat, ein Abgeordneter der Liberal-Demokratischen Partei, die Japan die Atompolitik eingebrockt hat und die sich jetzt weigert, in einer Koalition Mitverantwortung zu übernehmen. Aber wählen wird man in Iitate ohnehin nicht mehr.

Am leeren Schulhaus vorbei führt ein Weg zum Bauernhof von Toihiro Sato. Im Laufstall dösen mehrere Hundert wiederkäuende Kälber und Mastrinder, Sato hat sie eben gefüttert. Der 30-Jährige ist allein in Iitate geblieben, seine Frau fuhr mit den drei kleinen Kinder in der Woche nach dem Reaktorunfall zu den Schwiegereltern. Er werde, sagt er, alle Rinder in die Metzgerei geben. Einige Bauern hätten sich leer stehende Höfe in einer andern Gegend angeschaut, aber schon der Umzug des Viehs sei zu teuer. Gewiss sollte Tepco die Evakuierung zahlen – aber selbst von den 10 Millionen Yen für die Familien, gut 10'000 Franken, hat man in Iitate bisher nichts gesehen. Also beschlossen die Milchbauern von Iitate gemeinsam, ihre Mutterkühe aufzugeben. Einige standen auf der Versammlung den Tränen nahe. Die fast schwarzen Iitate-gyu wird es künftig nicht mehr geben. «Alle Tiere bis Ende Mai zu schlachten, ist unmöglich», sagt Sato bitter. «Das dauert bis Ende Juni oder Juli.» Erst dann könne auch er gehen. Er will in der Stadt Fukushima eine Wohnung suchen und dann die Familie nachholen. Und dann? Er blickt ratlos, leer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2011, 22:20 Uhr

Fukushima 2 und 3

Kernschmelzen, aber keine Lecks

Am havarierten AKW Fukushima I sind auch die Kerne der Reaktoren 2 und 3 geschmolzen, wie die Betreiberfirma Tepco gestern Dienstag bekannt gab. Allerdings seien die Schäden nicht so massiv wie am Reaktor 1, dessen ganzes Brennmaterial als Schmelztiegel auf dem Boden des Reaktors liegt. Anders als an Reaktor 1 habe man auch keinen Hinweis auf ein Leck des Reaktorgehäuses, sagte Tepco-Sprecher Junichi Matsumoto. Allerdings behauptete Tepco auch von Reaktor 1 lange, es gebe keine Hinweise auf ein Leck.

Trotz der dreifachen Kernschmelze hält Tepco am Fahrplan fest, wonach die drei Blöcke bis Ende Jahr kalt abgeschaltet werden sollen. Für die Phase danach, in der das geschmolzene Brennmaterial aus den Reaktoren geborgen werden muss, gibt es bisher keinen Zeitplan. Nach der Katastrophe von Three Mile Island 1979 wurde das gekühlte geschmolzene Brennmaterial im Reaktor zu Pulver gemahlen, damit man es herausholen konnte. Das dauerte mehrere Jahre.Kimberlee Kearfott, eine renommierte Professorin für Nukleartechnologie der Universität Michigan, sagte vorige Woche in Tokio, wegen der gefährlichen Abklingbecken sei Fukushima I «schlimmer als Tschernobyl». Wenn die vom Erdbeben und von den Explosionen beschädigte Struktur der Gebäude einbrechen sollte, könnten die Brennstäbe auf den Boden des Reaktorgebäudes knallen und dort, weil ungekühlt, zu brennen beginnen. Das würde grosse Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre und ins Wasser freisetzen und in der Umgebung des Feuers tödliche Strahlendosen emittieren. So etwas sei in Tschernobyl nicht passiert, und Tschernobyl sei bald gelöscht gewesen – das sei ihre «persönliche Meinung», betonte Kearfott. Bisher haben die Abklingbecken in Fukushima I gehalten, aber sie wisse nicht, wie sehr Tepco sie unter Kontrolle habe. (nh)

Artikel zum Thema

Brennstäbe in den Reaktoren 2 und 3 geschmolzen

Experten ahnten es längst: In Fukushima kam es «sehr wahrscheinlich» in insgesamt drei Reaktoren zu einer Kernschmelze. Die Betreiberfirma Tepco findet, diese Erkenntnis sei ihr zu verdanken. Mehr...

Video: Kernschmelze in Fukushima

Die Betreibergesellschaft des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima geht von einer Kernschmelze in zwei weiteren Reaktoren aus. Sie würden aber gekühlt und seien «stabil», sagte ein Tepco-Sprecher. Mehr...

Hier überrollt der Tsunami das AKW Fukushima

Bildstrecke Mehr als zwei Monate nach der Tsunami-Katastrophe in Japan veröffentlicht Tepco nun spektakuläre Bilder der anrollenden Flutwelle. Heute gab zudem Konzernchef Shimizu seinen Rücktritt bekannt. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die Sache mit dem Umstellen

Tingler Geschichte einer Nymphomanin

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...