Er denkt, sie lenkt

Yingluck Shinawatra wird das erste weibliche Regierungsoberhaupt in der Geschichte Thailands. Dies obwohl die jüngste Schwester des reichsten Thailänders keinerlei politische Erfahrung mit ins Amt bringt.

Sie ist mein Klon: Der ehemalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra (rechts) über seine jüngere Schwester.

Sie ist mein Klon: Der ehemalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra (rechts) über seine jüngere Schwester.

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Die thailändische Opposition erhält bei den Parlamentswahlen 265 von 500 Mandaten. Auch wenn die Wahlkommission das Resultat noch nicht definitiv abgesegnet hat, es liegen rund 200 Beschwerden über mögliche Unregelmässigkeiten beim Urnengang vor, ist eines so gut wie sicher: Thailand erhält zum ersten Mal eine weibliche Regierungschefin.

Yingluck Shinawatra, die sich vor und nach den Wahlen wie ein Popstar feiern liess, ist die Schwester von Thaksin Shinawatra – dem reichsten Mann Thailands. Der ehemalige Ministerpräsident wurde vor fünf Jahren vom Militär gestürzt und setzte sich darauf ins Exil ab, weil er sich der Korruption, des Machtmissbrauchs und der Majestätsbeleidigung schuldig machte. Es ist kein Geheimnis, dass die 44-Jährige ein verlängerter Arm ihres Bruders ist. Thaksin Shinawatra liess aus dem Exil in Dubai über seine jüngste Schwester verkünden: «Sie ist mein Klon». Ein Wahlkampfslogan der Pheu Thai-Partei lautete: «Thaksin denkt, Pheu Thai handelt».

Der kleinen Schwester «eine Chance geben»

Bei jedem Wahlkampfauftritt brachte sie denn auch ihren Bruder ins Spiel. «Wenn ihr meinen Bruder liebt», rief Yingluck Shinawatra den jubelnden Anhängern zu, «gebt ihr dann seiner kleinen Schwester eine Chance?» Vornehmlich auf dem Land johlte die Menge mit einem begeisterten «Ja!» zurück. Die ärmeren Leute erinnern sich gerne an die Zeit unter Thaksin Shinawatra zurück. Er machte sich mit Sozialreformen bei der Unterschicht beliebt und wurde deshalb verehrt.

So scheint auch klar, dass es nicht allein an Shinawatras Äusserem liegt, dass sie im Volk derartige Begeisterungsstürme auslösen kann. Ihr politisches Programm ist Deckungsgleich mit demjenigen ihres Bruders. Sie versucht wie ihr Bruder, das Landvolk mit Versprechungen höherer Renten, höherer Mindestlöhne und Gesundheitsversorgung für alle zu begeistern.

Blindes Vertrauen

Ein grosser Teil der Bevölkerung schenkt Yingluck Shinawatra blindes Vertrauen. Denn mehr als die politische Floskeln wie «Ich bin bereit, dem Volk zu dienen», gab es von ihr im Wahlkampf nicht zu hören. Eine Fernsehdebatte mit Regierungschef Abhisit lehnte sie, gemäss «Spiegel Online» kategorisch ab. Sie rede lieber mit den Wählern als mit Abhisit, erklärte sie schnippisch.

Genau genommen ist Shinawatra erst seit Beginn des Wahlkampfs eine Politikerin. Zuvor kümmerte sich die attraktive Geschäftsfrau erfolgreich um die Shinawatra-Milliarden, indem sie in mehreren Firmen des Clans tätig war. Sie studierte in Chiang Mai und in Kentucky Verwaltungswirtschaft.

Grosse soziale Gräben

Obwohl ihr Bruder die politischen Geschicke aus dem Hintergrund lenken dürfte, wartet auf Yingluck Shinawatra eine Monsteraufgabe: Sie muss schauen, dass der Kampf zwischen den beiden Lagern der Mächtigen und der Machtlosen nicht eskaliert. Jederzeit muss sie auch einen Militärputsch befürchten, der schon ihren Bruder in die Flucht zwang.

Ihre Chancen, künftig die Geschicke des Landes zu lenken, stehen jedoch nicht allzu schlecht: Gemäss ersten Informationen der Nachrichtengantur «AFP» habe die thailändische Armee den Wahlsieg der Pheu Thai-Partei anerkannt. «Das Volk hat sich eindeutig ausgesprochen, also kann die Armee nichts machen», sagte heute General Prawit Wongsuwon. «Wir akzeptieren das Ergebnis.»

(mrs)

Erstellt: 04.07.2011, 13:49 Uhr

Thaskin bleibt im Exil

Thailands künftige Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra will trotz ihrer absoluten Mehrheit im Parlament mit vier Koalitionspartnern regieren. Das gab ihre Pheu-Thai-Partei bekannt.

Vier kleine Parteien seien bereit, mit der Puea-Thai-Partei zusammenzuarbeiten, um «das Land zu regieren und die Probleme des Volkes zu lösen», sagte die Schwester des im Exil lebenden Ex- Regierungschefs Thaksin Shinawatra in Bangkok. Die erste dringende Aufgabe der neuen Regierung sei die «Aussöhnung des Landes».

Das bisherige Oppositionslager hatte bei dem Urnengang gestern die absolute Mehrheit im Parlament erzielt. Nach Angaben der thailändischen Wahlkommission erhielt Puea-Thai 265 der 500 Sitze. Die Partei von Abhisit kam dem vorläufigen Endergebnis zufolge auf nur 159 Mandate.

Thaskin gibt sich versöhnlich

Die mächtige thailändische Armee anerkannte den Wahlsieg und zerstreute Befürchtungen vor einem neuen Putsch. Thaksin wiederum entkräftete die Gerüchte um seine Rückkehr, um den Konflikt mit der Armee zu entschärfen.

«Meine Rückkehr hat keine Priorität», sagte Thaksin vor Journalisten in Dubai. Er habe derzeit nicht vor, in seine Heimat zurückzukehren.

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Der Wahlsieg der thailändischen Opposition

Der Wahlsieg der thailändischen Opposition Yingluck Shinawatra hat mit ihrer Oppositions-Partei die absolute Mehrheit bei den Parlamentswahlen erreicht.

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