Er lässt sich nicht behindern

Der Putin-kritische Blogger Alexander Gorbunow musste seine Identität preisgeben. Weitermachen will er trotzdem.

Er hofft, dass «fanatische Regierungsanhänger» seine Familie nun in Ruhe lassen: Alexander Gorbunow. Foto: BBC Russian / YouTube

Er hofft, dass «fanatische Regierungsanhänger» seine Familie nun in Ruhe lassen: Alexander Gorbunow. Foto: BBC Russian / YouTube

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Lange war er berühmt, ohne dass ihn jemand kannte. Unter dem Pseudonym «StalinGulag» machte er sich über die russische Politik lustig. 300'000 Russen und Russinnen folgen ihm heute auf dem Nachrichtendienst Telegram, 1,1 Millionen lesen seine Kommentare auf Twitter. Das klingt dann so: ­«Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa sagt, dass die Russen mit Trinken aufhören, wenn sie eine interessante Arbeit finden. In anderen Worten: Wir werden nie aufhören.»

«StalinGulags» schwarz-vulgärer Humor und sein Mut, Missstände zu benennen, kommen gut an. Seit er 2013 auf Sendung ging, ist er aufgestiegen zur Ein-Mensch-Medienmacht. Alexei Navalny, Gegner von Präsident Wladimir Putin, pries ihn als wichtigsten politischen Kolumnisten. Der Kreml ärgerte sich, versuchte, seine Identität zu knacken. Ein Gerücht vermutete gar den ukrainischen Geheimdienst hinter dem Pseudonym

Nun hat sich «StalinGulag» selber entlarvt, im Gespräch mit BBC Russland. Er heisst Alexander Gorbunov, ist 1992 geboren, aufgewachsen in Machatschkala, der Hauptstadt der russischen Kaukasus-Republik Dagestan. Eine Muskelschwund-Krankheit zwang Gorbunow schon früh in den Rollstuhl. Daher habe er viel Zeit vor dem Computer verbracht, erzählt er, das Internet verschaffte ihm Zugang zur Welt. Als 13-Jähriger baute er einen Onlinehandel auf, früh entwickelte er sich zu einem erfolgreichen Trader, spezialisiert auf Krypto-Währungen. Heute ermöglichen ihm die Gewinne, ein gutes Leben in Moskau zu führen. Und sich jene medizinische Hilfe zu kaufen, die er zum Überleben braucht.

«Ein Jahr mehr oder weniger kommt für mich nicht drauf an.»Alexander Gorbunow zur BBC

Freiwillig geschah das Outing nicht. Diese Woche durchsuchten bewaffnete Polizisten die Wohnung seiner Eltern. Gemäss der Mutter erzählten die Beamten, dass von ihrem Grundstück eine Bombendrohung abgesetzt worden sei. Auch andere seiner Verwandten habe die Polizei kontaktiert, sagt Gorbunow. Die Geschichte stiess auf grosse Aufmerksamkeit in den russischen Medien. Gorbunow entschied, das Versteckspiel zu beenden. Er hofft, dass die Behörden und ­«fanatische Regierungsanhänger» seine Familie dadurch in Ruhe lassen.

Gorbunows Gesundheitszustand verschlechtert sich langsam, aber stetig. Trotzdem weigert sich der 27-Jährige, Medikamente zu nehmen, welche die Krankheit verzögern. «Ein Jahr mehr oder weniger kommt für mich nicht drauf an», sagt er zur BBC. Er wolle den Rest seines Lebens nicht in einem Heim verbringen. Aus dieser Haltung heraus erklärt sich seine gelassene Reaktion auf die erzwungene Enttarnung. Er habe keine Angst, sagt Gorbunow. Die Behörden könnten nichts tun, um ihn einzuschränken. Seine Krankheit schränke ihn schon sein ganzes Leben lang ein.

Seit März gibt es in Russland ein Gesetz, das es verbietet, Fake News zu verbreiten sowie Staatsvertreter zu beleidigen. Dies könnte die Arbeit von Social-Media-Aktivisten wie Gorbunow zusätzlich erschweren, schreiben Beobachter. Ihn kümmert das wenig, sagt dieser. Angefangen zu schreiben habe er, weil es ihm unmöglich war, zu schweigen zu den verrückten Dingen, die rundherum passierten. Daran ändere sein Outing nichts. «Ich werde so weitermachen wie bisher.» Ausser, dass er jetzt nicht nur berühmt ist, sondern auch bekannt.

Erstellt: 04.05.2019, 18:47 Uhr

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