Foxconn will kein Monster mehr sein

Die Suizidserie bei Foxconn, Zulieferer von Apple, HP, Sony, Nokia, hat positive Folgen – es tut sich etwas in den chinesischen Fabriken.

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Von Foxconn kommen aufs Jahresende hin gute Nachrichten – sie bilden den Kontrapunkt zu all den negativen Schlagzeilen, die der Konzern in der ersten Jahreshälfte machte. Man erinnere sich: Elf Angestellte des weltgrössten Herstellers von Elektronik und Computer-Hardware, der in der Volksrepublik China iPhones, Sony-Playstations und Dell-Computer am Fliessband zu unschlagbaren Preisen produziert, stürzten sich von firmeneigenen Wohnheimen zu Tode.

Die schreckliche Suizidserie offenbarte schwere Missstände bei dem Unternehmen, das 937'000 Arbeitskräfte in China beschäftigt, verteilt auf 20 Produktionsstätten. Tiefe Löhne und über 80 Überstunden pro Monat waren die Regel für die meist unter 25-jährigen Mitarbeiter, so war rund um den Globus zu lesen.

Foxconn, diese IT-Werkbank der Welt, geriet im Westen in den Ruf, ein Industriemonster zu sein, das die blutjungen Angestellten wie Roboter einsetzt.

Vor und nach dem Skandal

Die Hiobsbotschaften haben, wie sich inzwischen abzeichnet, in China eine Wende eingeleitet. Vielleicht wird man dereinst von einer Ära vor dem Foxconn-Skandal und einer neuen Ära danach sprechen. Geändert hat sich einiges.

Terry Gou, der taiwanische Foxconn-Boss, hat die Löhne seines Arbeiterheeres erst um ein Drittel angehoben, auf umgerechnet 170 Franken im Monat. Und dann hat er besonders loyalen Mitarbeitern noch eine weitere Gehaltserhöhung um zwei Drittel gewährt. Der Zulieferer von Apple und HP, Sony und Nokia setzte sich an die Spitze eines Trends. Andere grosse Hersteller in den boomenden Provinzen an der chinesischen Küste erhöhten die Löhne um 20 Prozent. «Die Zeit der dreckbilligen Arbeitskraft in China ist zu Ende», sagte Victor Fung, der Boss der weltgrössten Handelsfirma mit Konsumprodukten, Li & Fung, in der «Financial Times».

Die chinesischen Behörden sind toleranter gegenüber Gewerkschaften geworden. Der neue Fünfjahresplan, der im Oktober beschlossen, aber erst im März veröffentlicht wird, soll auf «umfassendes Wachstum» zielen, so wird in Peking gemunkelt, also auf eine ausgewogenere Einkommensverteilung. Dahinter steht offensichtlich die Sorge um den sozialen Frieden.

In der Provinz Guangdong, diesem industriellen Triebwerk im Süden des Landes, wird sogar ein Gesetz erwogen, das Arbeitervertreter in der Unternehmensführung vorsieht.

Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Löhne in der herstellenden Industrie Chinas in Zukunft weit stärker ansteigen als um jährlich 12,5 Prozent wie in den vergangenen zehn Jahren.

Die Riesenfabriken im industriellen Küstengürtel, die wie Städte organisiert sind, um die Grundbedürfnisse der Wanderarbeiter abzudecken, sind Terry Gou zufolge Auslaufmodelle. Viele Firmen, die arbeitsintensive Produkte wie Kleider, Schuhe oder Elektronik herstellen, treffen Anstalten, ihre Produktionsstätten landeinwärts zu verlegen, in Provinzen, wo die Wanderarbeiter traditionellerweise herkommen und die Löhne noch tief sind. Nach Henan, Anhui oder Jiangxi zum Beispiel. Diese Entwicklung des Hinterlands propagiert die Regierung in Peking aktiv. Foxconn allein hat 400'000 neue Jobs im Landesinneren versprochen.

Von der Produktionsverlagerung profitieren auch Billiglohnländer wie Bangladesh und Vietnam. Nicht nur, weil westliche Kunden aus Kostengründen vermehrt dort einkaufen. «Auch chinesische Unternehmen haben begonnen, im noch billigeren Ausland produzieren zu lassen», sagt Victor Fung. «Ein absolutes Novum.»

Das alles heisst unter dem Strich, dass die Preise für chinesische Endprodukte im kommenden Jahr wohl um zehn bis zwanzig Prozent steigen. Damit zumindest rechnen die Hongkonger Handelshäuser. Die Konsumenten in der Schweiz werden tiefer in die Taschen greifen müssen.

Eine schlechte Nachricht? Nur bedingt: Das Ungleichgewicht im Handel zwischen dem Westen und China, auf dessen Behebung vorab die Vereinigten Staaten seit Jahren drängen, verspricht zurechtgerückt zu werden. Nur geschieht das nicht über eine Aufwertung des Yuan, höhere Wechselkurse, sondern über fairere Löhne für die chinesische Arbeiterschaft.

Das ist, alles in allem genommen, doch eine gute Nachricht.

Erstellt: 26.12.2010, 20:54 Uhr

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