Fünf Untergangs-Thesen

Fast täglich tauchen neue Mutmassungen zur gesunkenen Fähre vor Südkorea auf. Tagesanzeiger.ch/Newsnet nennt die gängigsten – der Schiffprofessor sagt, wie realistisch sie sind.

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Vor einer Woche sank die Fähre Sewol vor Südkorea. Seither kursieren verschiedene Theorien zur Unfallursache. War es ein defektes Ruder, das man wissentlich nicht reparierte? Oder führte das Schiff zu viel respektive falsch verstaute Fracht mit sich? Stefan Krüger, Professor am Institut für das Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, beurteilt die verschiedenen Szenarien.

Die Fähre rammte einen Felsen oder ein anderes Hindernis.
Stefan Krüger: «Dass die Sewol einen Felsen gerammt hat, halte ich für am wahrscheinlichsten. Das zeigt der Unfallverlauf. Möglich, dass dabei eine der Stabilisierungsflossen beschädigt wurde. Die Unfallgegend ist voller Felsen, und das Wasser ist dort mit 30 bis 40 Metern relativ seicht. Vielleicht hat die Besatzung zunächst gar nicht gemerkt, dass das Schiff Schaden genommen hat, ansonsten hätten sie viel früher die Evakuierung der Passagiere angeordnet. Je nachdem, welcher Teil des Schiffs beschädigt wird, merkt man dies nicht so schnell – etwa dann, wenn das entstandene Loch klein ist oder ein Stabilisator beschädigt wird. Ein kleines Loch allein bringt eine Fähre jedoch noch nicht zum Sinken. Vielleicht waren auch Schottschiebetüren nicht geschlossen. Aus praktischen Gründen lässt man die Schotten zwischen den Abteilen, entgegen den Richtlinien, gerne offen, weil man beim Passieren nicht jedes Mal eine halbe Minute warten will.»

Technische Ursachen könnten zum Unfall geführt haben, etwa ein kaputtes Ruder oder Probleme mit dem Steuer.
«Ein technischer Defekt allein kann eine Fähre nicht zum Sinken bringen. Die Unfallexperten müssen ins Auge fassen, was am wahrscheinlichsten ist. Und dies scheint derzeit ein Leckfall zu sein. Ob das Schiff wegen eines Problems mit dem Steuer etwas gerammt hat, das ein Loch in den Rumpf gerissen hat, ist nicht auszuschliessen.»

Die Sewol vollzog eine abrupte oder J-förmige Kursänderung, die die Ladung verrutschen liess und das Schiff in Schieflage brachte.
«Die Theorie, dass eine Kursänderung für den Unfall verantwortlich ist, halte ich für so gut wie unmöglich, wenn das Schiff den geltenden Richtlinien entsprochen hat. Nach den geltenden Richtlinien muss ein Schiff wie die Sewol genug stabil sein, um in voller Fahrt einen Drehkreis machen zu können, ohne dass etwas passiert. Höchstens, wenn die Fähre extrem überladen gewesen wäre, hätte es ohne Leck sinken können.»

Das Schiff führte zu viel Ladung respektive ungesicherte Ladung, die verrutscht sein könnte.
«Dass die Sewol überladen oder falsch beladen war, würde ich zunächst einmal nicht unterstellen. Es waren zum Beispiel nur gut halb so viele Passagiere an Bord wie zugelassen. Und wäre zu viel Fracht geladen gewesen, hätte das Schiff gar nicht erst losfahren dürfen. Im intakten Zustand ist ein Schiff dieser Bauart so stabil, dass es eine Ladungsverschiebung locker verkraftet. Die Sewol geriet schnell in eine starke Schräglage und sank schnell. Das ist mit einer reinen Ladungsverschiebung praktisch nicht möglich. Die Fracht alleine kann ein Schiff nicht so stark zum Kippen bringen, dass Wasser durch eine Öffnung dringt. Da muss ein Leck dahinterstecken, und die bisherigen Untersuchungen sprechen ebenfalls dafür. Oder die Stabilität war eben nicht ausreichend.»

Es haben mehrere Faktoren zusammen zum Unfall geführt: Felsen, technische Probleme, abrupte Wende und Überladung.
«Solche Unfälle sind nie monokausal, es kommen immer mehrere unglückliche Faktoren zusammen. Ein Loch allein bringt eine Fähre nicht unbedingt zum Sinken. Es müssten im vorliegenden Fall mindestens drei Abteile im Innern des Schiffs beschädigt werden, damit genug Wasser eindringt. Das wiederum hätte das Personal merken müssen. Ich glaube am ehesten, dass ein relativ kleines Loch ins Schiff gerissen wurde und – wie bereits erwähnt – die Abteile im Innern nicht voneinander abgeschottet waren.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2014, 16:39 Uhr

Stefan Krüger ist Professor am Institut für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. (Bild: zvg)

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