Für Menschen statt Konzerne

Renho Murata ist Japans neue Oppositionsführerin.

Schnell im Denken, redegewandt und elegant: Renho Murata.

Schnell im Denken, redegewandt und elegant: Renho Murata. Bild: Kimimasa Mayama/Keystone

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Die neue Oppositionsführerin im japanischen Parlament war Juristin, Journalistin, Fernseh­moderatorin, Bikinimodell – manchmal auch ohne Badeanzug – und bereits Ministerin. Jetzt führt Renho Murata, 48-jährige Mutter von Zwillingen, als erste Frau Japans eine grosse Partei, die Demokraten (DP). Bisher war das ein Privileg älterer Männer. Sollte die DP die nächsten Unterhauswahlen gewinnen, würde Renho automatisch Regierungschefin.

Die Oberhaus-Abgeordnete mit Kurzhaarschnitt, eine begnadete Rednerin, die stets in Weiss auftritt, hat damit zum zweiten Mal mit dem Überlieferten gebrochen. Geboren als Tochter eines Kaufmanns aus Taiwan und einer japanischen Mutter, gilt sie, obwohl in Tokio aufgewachsen, als «Hafu», als «halbe» Japanerin. Auch damit ist sie im Parlament eine Ausnahme. Japans Staatsbürgerschaft erhielt sie erst 1985, vorher liess das Gesetz das nicht zu. Damals habe sie jene von Taiwan aufgegeben, sagte sie bisher. Kurz vor der innerparteilichen Wahl wurde bekannt, dass dies nicht zutraf.

Ihr Name ist Markenzeichen

Ihre Gegner versuchten, ihr daraus einen Strick zu drehen. Renho sagt, als 18-Jährige habe sie nicht verstanden, was ihr Vater auf Chinesisch mit der Vertretung Taiwans verhandelte. Sie werde sie nun aufgeben. Das japanische Gesetz lässt doppelte Staatsbürgerschaften nicht zu, in der Praxis werden sie geduldet. Die Meinungen der Abgeordneten und Regionalverbände der DP, die am Donnerstag ihre neue Parteipräsidentin wählten, hat dies nicht beeinflusst.

Als Renho Nippons Staatsbürgerschaft erhielt, liess sie sich mit dem Namen ihrer Mutter ins Familienregister eintragen: Saito. Als verheiratete Frau müsste sie den Namen ihres Mannes benützen: Murata. Stattdessen beschränkte sie sich schon als Fotomodell auf den Vornamen. In der Politik ist er inzwischen ein Markenzeichen.

Für Menschen statt für Beton

Bekannt geworden ist Renho als das «Clarion Girl» von 1988; das Unternehmen für Auto­zubehör wählt jedes Jahr eine junge Frau für seine TV-Werbespots. Viel Popularität gewann sie als Ministerin für Staatsreformen, als sie 2012 Ministerialbeamte vor Livekameras wegen ihrer Verschwendung von Staatsgeldern abkanzelte. Im Streit um einen Supercomputer forderten die Beamten Unsummen, damit Japan den schnellsten Rechner der Welt habe. «Was ist falsch daran, den zweitschnellsten Supercomputer zu haben?», warf ihnen Renho entgegen.

Im Parlament setzt sie sich für Frauen, Alte, Zeitarbeiter und Kinder ein. «Für Menschen statt Beton», wie sie sagt. Oder statt Exportkonzerne wie Abe. Dieser hat schon bisher gereizt auf Renho reagiert. Er sagt zwar gern, er wolle die Frauen fördern. Aber sie sollen in seine Schemen passen. Jetzt ist seine direkte Opponentin im Parlament eine Frau, die alles verkörpert, was ihm fehlt. Schnell im Denken, schlagfertig, direkt, redegewandt – ein bisschen links und auch noch elegant.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2016, 18:43 Uhr

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