Interview

«Fukushima rückt in den Hintergrund»

Auch zwei Jahre nach Fukushima seien die Trauer und Unsicherheit im Land noch gross, sagt Journalist und Japan-Kenner Jan Knüsel. Gleichzeitig sei aber auch eine neue Aufbruchstimmung spürbar.

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Sie machen gerade eine Promotionstour in Japan für Ihren Dokumentarfilm «Negative: Nothing», der sich um die Zeit nach Fukushima dreht (siehe Box), und sind derzeit in Tokio. Wie begehen die Menschen dort den zweiten Jahrestag der Naturkatastrophe?
Die Trauer ist immer noch spürbar. Präsent ist das Thema vor allem in den Medien – die TV-Sender strahlen Spezialprogramme aus, die Zeitungen berichten über Einzelschicksale von Tsunami-Opfern oder auch Rettungsarbeitern im AKW Fukushima. Im Nordosten des Landes ist die Katastrophe allgegenwärtig. Gleichzeitig haben die Menschen in der Hauptstadt eine gewisse Distanz dazu gewonnen. Der Alltag hat sie schon lange eingeholt. Vor einem Jahr überwog die Trauer noch viel mehr. Jetzt spürt man doch auch, dass viele wieder nach vorne schauen möchten. Die Katastrophe geht hier nicht vergessen, sie rückt aber allmählich in den Hintergrund.

Am Wochenende gingen in ganz Japan Zehntausende Menschen auf die Strasse, um gegen die atomfreundliche Politik von Regierungschef Shinzo Abe zu protestieren. Die Wut in der Bevölkerung ist offensichtlich immer noch gross.
Der jetzige Zustand ist für viele Japaner sehr unbefriedigend. Eine Mehrheit ist immer noch für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Gleichzeitig ist mit Shinzo Abe wieder ein Mann an der Macht, der hinter der jahrzehntelangen Atompolitik steht. Derzeit sind 48 der 50 japanischen Atommeiler abgestellt, das wird auch in den nächsten Monaten so bleiben. Doch die Angst ist gross, dass die Reaktoren dereinst wieder in Betrieb genommen werden. Diese Sorgen brachten die Menschen am Wochenende zum Ausdruck.

Sie scheinen so unberechtigt nicht zu sein: Abe hat bereits in Aussicht gestellt, dass er eine Wiederinbetriebnahme von Reaktoren genehmigen würde, falls die Sicherheit gewährleistet ist.
Ja, Abe setzt auf die Atomenergie. Er und seine konservative Partei LDP sind historisch stark mit der Wirtschaft verbandelt. Beide fürchten grosse wirtschaftliche Nachteile bei einem Atomausstieg. Gleichzeitig wurde mit der neuen Nuklearen Regulierungsbehörde (Nuclear Regulation Authority, NRA) ein starker, von der Regierung unabhängiger Player geschaffen, der hohe Hürden für die Wiederinbetriebnahme der AKW angesetzt hat. Abe und der Wirtschaft stehen also gleich zwei starke Parteien gegenüber: die Bevölkerung und die NRA. Er weiss, dass er diese nicht einfach so umgehen kann.

Wie werden die Diskussionen um die Atomenergie in Japan also weitergehen?
Das ist schwierig zu sagen, es hängt derzeit alles in der Luft: Die Regierung und die AKW-Betreiber tun alles Mögliche, um die Betriebsbewilligungen für die abgestellten Reaktoren wiederzubekommen. Die Stromproduzenten investieren riesige Summen, um die neuen Sicherheitsbedingungen der NRA zu erfüllen. Die Sorge vor einem neuen Unfall wird damit aber in der Bevölkerung nicht einfach verschwinden. Gleichzeitig will niemand die Verantwortung für die endgültige Entscheidung übernehmen. Es herrscht also auf allen Seiten eine grosse Unsicherheit, wie man weitermachen könnte. Die Diskussion ist ins Stocken geraten, ihr Ausgang ungewiss.

Noch immer leben rund 300'000 Menschen aus der von der Katastrophe betroffenen Region in Notunterkünften. Wann wird auch in ihr Leben wieder Normalität einkehren?
Das lässt sich nicht abschätzen. Die Menschen wohnen weiterhin in provisorischen Häusern, ganze Gemeinschaften wurden auseinandergerissen. In der Gegend um Fukushima herum fand ein Exodus statt: Viele Familien sind mit ihren Kindern ausgezogen oder haben sie zu Verwandten geschickt. Der Wiederaufbau in den betroffenen Gebieten kommt zudem nicht voran. Shinzo Abe hat im Wahlkampf versprochen, mehr Geld für den zügigen Wiederaufbau bereitzustellen. Viele Menschen werden ihn an diesem Versprechen messen.

Sie haben mit «Negative: Nothing» einen Dokumentarfilm über die Zeit nach der Katastrophe geschaffen und besuchten Japan in den letzten zwei Jahren regelmässig. Wie hat sich die Stimmung im Land in dieser Zeit verändert?
Ich spüre gerade jetzt einen Umschwung. Vor einem Jahr war im ganzen Land immer noch eine grosse Schwere spürbar, die Tragödie hat die Menschen wahnsinnig betroffen gemacht und beschäftigt. Jetzt hat sich diese Schwere wieder etwas verringert. Das ist vielleicht der Grund, weshalb der Film einen Nerv bei den Japanern trifft. Er dreht sich darum, nach der Tragödie wieder aufzustehen und weiterzumachen – so wie es unser Protagonist Thomas Köhler gemacht hat, als er nach Fukushima 2900 Kilometer durch Japan wanderte.

Reagieren die Menschen in diesen Tagen, in denen sich die Katastrophe zum zweiten Mal jährt, emotionaler auf den Film?
Gerade die Japaner sind nach jeder Vorführung sehr gerührt: Sie sind dankbar für das, was Thomas Köhler für sie machte, und zeigen das auch. Jeder Schweizer sei in Japan immer herzlich willkommen, sagen viele. Gerade bei der Vorführung vom letzten Samstag kamen viele Menschen auf uns zu und sagten, dass der Film eine Aufbruchstimmung zum Ausdruck bringe. Selbst mit kleinen Aktionen könne man als Einzelner etwas bewegen. Das mache Mut.

Sie besuchen Japan seit fast 20 Jahren regelmässig, haben dort studiert und sind mit einer Japanerin verheiratet. Was ist Japan heute für ein Land?
Japan ist für mich wie eine zweite Heimat, darum ging mir die Katastrophe von Fukushima sehr nahe. Sie hat das Land verwandelt: Die Menschen leben heute viel bewusster, sind aufmüpfiger geworden, zeigen mehr Interesse für die Politik. Die 48 AKW wären nicht abgestellt worden, wenn die Bevölkerung nicht einen derart grossen Druck auf die Politik ausgeübt hätte. Sie hat in den letzten zwei Jahren doch mehr erreicht, als man auf den ersten Blick meinen könnte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2013, 17:37 Uhr

Jan Knüsel ist Journalist und Co-Regisseur des Dokumentarfilms «Negative: Nothing – Step by Step for Japan», der seit letztem Oktober regelmässig in der Schweiz und Japan gezeigt wird. Er ist Gründer des Newsblogs Asienspiegel.ch. Er arbeitete bis 2012 als Nachrichtenredaktor bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Der Film: «Negative: Nothing»

«Negative: Nothing – Step by Step for Japan» zeigt die ungewöhnliche Aktion des Schweizers Thomas Köhler, der nach der Katastrophe von Fukushima 2900 Kilometer durch Japan wanderte. Der Film wurde von den Brüdern Stephan und Jan Knüsel gedreht und produziert. Er wird derzeit in regelmässigen Abständen in Zürich, Winterthur, Bern, St. Gallen und Basel gezeigt. Zurzeit sind die Brüder für mehrere ausverkaufte Vorstellungen in Tokio. Mehr dazu: negativenothing.com.

Tausende Menschen versammelten sich zwei Jahre nach der AKW-Katastrophe in Tokio, um der Opfer zu gedenken. (Video: Reuters)

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