Hintergrund

Fukushima-Chaos: Ausländisches Know-how für die Japaner

Experten der Internationalen Atomenergiebehörde sind bereit, Japan bei der Dekontaminierung der verstrahlten Gebiete zu unterstützen. Bisher sind ausländische Experten meist frustriert nach Hause zurückgekehrt.

Pannen ohne Ende: Augenschein von ausländischen Besuchern beim AKW Fukushima.

Pannen ohne Ende: Augenschein von ausländischen Besuchern beim AKW Fukushima. Bild: Keystone

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In Fukushima sind am Montag 16 Experten der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) eingetroffen. «Wir wollen die bisherigen Dekontaminierungsarbeiten sorgfältig analysieren und Ratschläge geben, wie man am besten aufräumen und die verseuchten Abfälle entsorgen kann», sagte der Delegationsleiter, der Spanier Carlos Lentijo.

Das Team wurde von der japanischen Regierung eingeladen, nachdem sie und die Betreiberin Tepco auf einer IAEA-Tagung im September scharf kritisiert worden waren. Ein IAEA-Experte aus Slowenien hielt Japan vor, es habe bisher kaum mehr getan, als verstrahltes Wasser in Tanks zu lagern. Er bezweifle, dass Japan eine Lösung habe, wie es die bereits 435'000 Tonnen verstrahltes Wasser entsorgen könne. Den Japanern wurde auch vorgehalten, über die diversen Lecks nur verzögert und unvollständig informiert zu haben. Immer wieder – zuletzt vorletzte Woche – tritt stark verseuchtes Wasser aus und fliesst in den Pazifik, teilweise mehrere Hundert Tonnen. Dabei wurden jüngst auch Arbeiter verstrahlt, sie hatten die Schläuche nicht korrekt angeschlossen.

Zweifel an der AKW-Kompetenz von Tepco

Tepco schlampt und spart auch beim Aufräumen des Desasters. Die angelernten Helfer erhalten nur den Minimallohn, das Material ist mangelhaft. Inzwischen ist dieser Vorwurf amtlich: Der Chef der neuen japanischen Atomaufsicht Shunichi Tanaka kommentierte Tepcos Gesuch, in der Präfektur Niigata zwei Reaktoren wieder anzufahren: Er zweifle an Tepcos Kompetenz, ein AKW zu betreiben.

Die japanische Regierung wies die Vorwürfe an der IAEA-Tagung zurück. Die Belastung des Meeres sei stets unter den Grenzwerten geblieben. Japanische Lebensmittel seien unbedenklich. Allerdings werden die Grenzwerte vor allem deshalb nicht überschritten, weil die Strömung die radioaktive Fracht verdünnt und weit über den Pazifik verteilt.

Noch 150'000 Fukushima-Flüchtlinge

Die IAEA-Delegation wird sich auch die Dekontaminatierung ganzer Dörfer anschauen, die von Tokio vorangetrieben wird, um sie für die Rückkehr der noch 150'000 Fukushima-Flüchtlinge freizugeben. Oder ihnen jedenfalls keine Entschädigungen mehr zahlen zu müssen. Viele Experten halten diese Dekontaminatierung für zwecklos. Schon der nächste Regen spült wieder mit radioaktivem Cäsium verseuchtes Wasser aus den Wäldern in die bewohnten Gebiete. Zudem stehen überall in der Gegend riesige Müllsäcke mit verstrahltem Abfall herum, der irgendwo zwischengelagert werden soll.

In den letzten Monaten besuchen immer wieder ausländische Experten Fukushima, auch aus Deutschland. Die meisten reisen frustriert nach Hause, weil die Japaner ihnen die Ruine zwar freundlich zeigen, aber keinerlei Rat oder Hilfe wollen. Höchstens Lob.

Permafrost-Mauer für strahlende AKW-Ruine

Tepco und die Regierung klammern sich an die fantastische Vorstellung, die strahlende Ruine mit einer tiefen künstlichen Permafrost-Mauer einzufassen. Sie will den Boden viele Meter tief und für viele Jahre gefrieren, damit verseuchtes Wasser nicht mehr aus- und Grundwasser nicht mehr eintreten könne. Gregory Jaczko, der frühere Vorsitzende der US-Nuklearaufsicht, meint dazu: «Oft ist die einfachste Lösung die beste, und das scheint mir nicht die einfachste zu sein.»

Nach seinem Besuch kam Jaczko zum Schluss: «Die Kernenergie ist eine Technologie, die sich für Japan nicht eignet. Und vielleicht für kein Land der Welt. Die Risiken sind nicht akzeptabel.» Im November will Tepco mit der Bergung der Brennstäbe aus dem beschädigten Abklingbecken von Block 4 beginnen. Die Risiken dieser heiklen Aktion dürften zu den wichtigsten Themen der IAEA-Delegation gehören.

Erstellt: 14.10.2013, 19:42 Uhr

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UNO-Bericht zu Fukushima-Arbeiter

Stärker verstrahlt als gedacht

Arbeiter am Unglücksreaktor von Fukushima sind vermutlich stärker verstrahlt worden als zunächst berechnet. Die Behörden und der AKW-Betreiber Tepco hätten die Dosis in der ersten Zeit nach der Katastrophe im Frühjahr 2011 womöglich um bis zu 20 Prozent unterschätzt. Dies heisst es in einem neuen UNO-Bericht. Grund dafür sei, dass viele der rund 25'000 Arbeiter mit einer Zeitverzögerung nach einem Einsatz untersucht worden seien. So hätten die Auswirkungen der Strahlung von bestimmten Jod-Isotopen nicht mehr erfasst werden können, da diese nur eine Halbwertszeit zwischen 2 und 20 Stunden hätten. Der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) hatte die Untersuchungsergebnisse von Tepco sowie japanischen Behörden unter die Lupe genommen. Die UNSCEAR-Berichte dienen nationalen Behörden als Grundlage für Strahlenschutz-Empfehlungen. (vin/sda)

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