Hongkongs Hassfigur

Beliebt war Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam noch nie. Doch spätestens seit ihrem Einsatz für das Abkommen mit China ist «Pekings Marionette» im Fokus des Protests.

Carrie Lam ist seit zwei Jahren an der Spitze. Foto: Keystone

Carrie Lam ist seit zwei Jahren an der Spitze. Foto: Keystone

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«Kommunistin Lam, hör auf, uns Hongkonger anzulügen.» Ein Demonstrant hat das selbst gemalte Kartonschild unweit des Parlaments aufgestellt. Davor stehen Polizisten und versperren den Weg zu dem Gebäude, in dem die Regierungschefin über ein Auslieferungsabkommen diskutieren will. Beliebt war Carrie Lam nie. In den vergangenen Wochen aber ist sie durch ihren Einsatz für das Abkommen regelrecht zur Hassfigur verkommen. Viele Hongkonger unterstellen der 62-Jährigen, eine ­Marionette Pekings zu sein. Spätestens seit der Niederschlagung der Proteste am Mittwoch fordern viele ihren Rücktritt. Für Sonntag und Montag sind neue Massenproteste angesagt.

Seit zwei Jahren ist Lam Regierungschefin der chinesischen Sonderverwaltungszone. Sie ist die erste Frau in dieser Position. Als sie ein Kind war, war Hongkong noch britische Kronkolonie. Lam wuchs in einfachen Verhältnissen auf, zusammen mit vier Geschwistern. An ihrer katholischen Schule galt sie als Musterschülerin. Später studierte sie Soziologie an der Universität Hongkong. Sie soll sich damals aktiv für Bürgerrechte eingesetzt und einige Male gegen die Politik der Kolonialverwaltung auf die Strasse gegangen sein. Manche beschreiben die Lam von damals als Idealistin. Sie ist bekannt dafür, ausdauernd debattieren zu können.

Familie mit britischem Pass

Lam sei eine Kämpferin, sagen selbst Kritiker. Nur idealistisch nennt sie heute niemand mehr. Seit einem Auftritt im Fernsehen am Mittwoch, bei dem sie weinte und erklärte, Hongkong nie verraten zu haben, kursieren Karikaturen von ihr im Netz, auf denen ihr Krokodilstränen aus den Augen kullern. Ihre Hände sind zu Klauen eines Reptils verkrampft. Heuchlerisch finden viele auch, dass Lams Söhne sowie ihr Ehemann, ein Professor für Mathematik, britische Pässe haben. Lam selbst musste zwar ihren britischen Pass 2007 abgeben, um ihr politisches Amt zu übernehmen. Ihre Familie hat ihre Dokumente aber behalten. Ausserdem gehört Lam ein Anwesen in Grossbritannien. Während die Regierungschefin also jederzeit Hongkong verlassen könnte, lasse sie die Stadt ausbluten, so der Vorwurf.

Xi Jinping reiste für sie an

Ihre Karriere im Verwaltungsdienst der Kronkolonie begann 1980. Lange bevor Hongkong 1997 von Grossbritannien übergeben und zu einer chinesischen Sonderverwaltungszone wurde. 2000 stieg Lam zur Leiterin des Amtes für Soziale Wohlfahrt auf, später kümmerte sie sich um den Wohnungsbau und die Stadt­planung. Ab 2004 ging sie als Chefin der Wirtschafts- und Handelsvertretung nach London. Nach ihrer Rückkehr wurde sie zur Verantwortlichen für die Innenpolitik. 2012 ernannte der neue Regierungschef Leung Chun-ying sie zur Nummer zwei in der Regierungshierarchie.

Leung galt stets als Vasall Pekings. Der Unternehmer zeigte wenig Verständnis für die wachsende Demokratiebewegung der Stadt. Mit Lams Hilfe schmetterte seine Regierung das – inoffizielle und damit nicht bindende – Referendum der Reformkräfte ab, die eine freie Wahl in der Stadt erwirken wollten. Der Streit war Auslöser für die wochenlangen Proteste 2014 in der Hongkonger Innenstadt, die schliesslich durch die Polizei aufgelöst wurden. Nach seiner erfolglosen Amtszeit trat Leung 2017 nicht mehr an. Obwohl Lam bereits damals unbeliebt war, folgte sie ihm mithilfe Chinas nach.

Die Politikerin ist für viele eine Chefin von Pekings Gnaden. Präsident Xi Jinping reiste für ihre Vereidigung an. Sie fand fast auf den Tag genau 20 Jahre nach der Übergabe an China statt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.06.2019, 10:19 Uhr

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