Ihr Elend begann mit einer Ziege

Wie eine pakistanische Landarbeiterin wegen Islam-Lästerung zum Tod verurteilt wurde.

Soll eine folgenschwere Aussage gemacht haben: Asia Bibi, zum Tode verurteilte Gefangene.

Soll eine folgenschwere Aussage gemacht haben: Asia Bibi, zum Tode verurteilte Gefangene. Bild: Reuters

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Asia Bibi (45), eine pakistanische Landarbeiterin und Mutter von fünf Kindern, soll den Islam-Stifter Mohammed geschmäht haben. Sie sass anderthalb Jahre im Gefängnis, wurde diesen November zum Tode verurteilt und soll am Galgen sterben. Seit gestern kursiert allerdings die Vermutung, Pakistans Präsident Asif Ali Zardari könnte diese Woche eine Begnadigung aussprechen.

Die Ziege, die ausbüxt

Unklar also, wie die Sache ausgehen wird. Klar hingegen, wie sie vor gut zwei Jahren begann. Mit einer frechen Ziege nämlich. Asia Bibi lebt im Dorf Ittanwali, 60 Kilometer westlich der Grossstadt Lahore. Reporter, die hinreisten und sich umschauten, berichten von grosser Armut. Ittanwali ist weder ans Stromnetz noch an eine Wasserleitung angeschlossen. Die Menschen wohnen sippenweise in einfachen Häusern, Hütten und Verschlägen, umgeben von ihren Tieren, deren Dung sie zum Feuermachen und Kochen brauchen.

Eines Tages büxt die Ziege von Asia Bibi aus und nascht aus dem Futtertrog des Nachbarn. Dreist, wie sie ist, steigt sie gar in den altersschwachen Trog hinein, der daraufhin zusammenbricht. Man könnte eine solche Angelegenheit im Gespräch bereinigen und darüber lachen. Aber irgendwie rutschen die Familien in einen Dauerstreit. Die Besitzerin der Ziege ist Christin, Teil einer kleinen Minderheit im Land und im Dorf. Die Ziege-Geschädigten hingegen gehören der muslimischen Mehrheit an. Asia Bibi hat sich unbeliebt gemacht. Sie hat jetzt Feinde. Man wird es der Aussenseiterin heimzahlen.

Einige Zeit später, an einem heissen und hitzigen Juni-Tag 2009: Asia Bibi, die als auffallend schön beschrieben wird, ist mit den anderen Frauen auf den Feldern eines Grossbauern an der Arbeit. Sie pflücken eine Frucht namens Phalsa. Weil es so stickig ist, schickt der Vorarbeiter Asia Bibi Wasser holen. Sie geht, kommt zurück – doch die anderen Frauen, alles Musliminnen, wollen nicht trinken. Das Wasser komme aus den Händen einer Ungläubigen, es sei unrein, sagen die Frauen; und seltsam gereizt, wie aufgehetzt, schubsen sie Asia, beschimpfen sie, drangsalieren sie, sich zum Islam zu bekennen.

Die Schmähung, die zum Tod führt

Hat Asia Bibi den fatalen Satz dann wirklich gesagt: «Unser Christus ist der wahre Prophet Gottes, nicht euer Mohammed»? Sie bestreitet es, während die anderen Frauen behaupten, es so gehört zu haben. In Pakistan kann diese Aussage tödlich sein. Zum Erbe des früheren Diktators Zia ul-Haq gehört ein Blasphemiegesetz. Es sieht für Schmähungen des Islam den Tod vor.

Asia Bibi flieht vom Feld nach Hause. Im Dorf versammelt sich der Ältestenrat. Die Männer drohen, sie aus dem Haus zu schleifen, ihr Gesicht schwarz anzumalen und sie auf einem Esel durch die Strassen führen. Die Polizei kommt dem zuvor und führt sie ab. Sie wird in ein Gefängnis der Stadt Sheikhupura nahe Lahore gebracht. Dort fällt ein Richter nach Anhörung aller Beteiligten das Urteil: Tod durch Erhängen.

Bei Freilassung gelyncht

Menschenrechtler haben etliche solche Fälle in Pakistan dokumentiert. Momentan sitzen über 20 Männer in Haft, denen wegen Blasphemie der Tod droht. Asia Bibi wäre die erste Frau, die in Pakistan deswegen am Galgen stürbe. Ihr Fall erregt internationales Aufsehen.

Der Papst gibt in Rom bekannt, dass er für die Katholikin bete. Verschiedene Staaten setzen sich bei der pakistanischen Regierung für sie ein. In Pakistan lehnen ohnehin viele Politiker das Blasphemiegesetz ab. Bloss: Sie wagen nicht, es abzuschaffen, weil ihr Staat ungemein fragil konstruiert ist und es einen Aufstand der islamischen Konservativen auslösen könnte.

Wird Präsident Zardari Asia Bibi tatsächlich begnadigen? Ein Happy End wäre das jedenfalls nicht. Es gibt Fälle angeblicher oder tatsächlicher Glaubenslästerung, da wurden Freigesprochene und Freigelassene in ihren Dörfern gelyncht. Ittanwali hegt keine Sympathie für Asia Bibi. Sie wird dort zeitlebens nie mehr wirklich zu Hause sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2010, 09:01 Uhr

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