Was das «Manifest» über den Täter verrät

Rassisten tauschen sich weltweit aus. Der Todesschütze von Christchurch sieht sich offenbar als Teil dieser Bewegung.

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Schlägt ein Islamist irgendwo in einem westlichen Land zu, dann betrachtet die westliche Welt das in der Regel rasch als Teil eines grossen Ganzen. Die Tatorte mögen sich unterscheiden, die Tat-motive nicht. Der Jihadismus ist global. Schlägt hingegen ein hellhäutiger Rassist irgendwo zu, dann sah man das bislang oft eher als örtliches Phänomen. Als einen Ausdruck lokalen Abschottungswillens, verübt von einem Local.

Dass diese Sichtweise schon länger nicht mehr hinreicht, machen nun die zwei tödlichen Angriffe auf zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch unübersehbar. Einer der vier Terrorverdächtigen dort gebärdet sich als eine Art Wortführer. Brenton T., ein 28 Jahre alter Australier, tut das in einem Manifest. Es geht um «Invasoren» aus muslimischen Ländern, um die Notwendigkeit einer «Partisanenaktion gegen eine Besatzungsmacht».

Der Attentäter drückt eine geistige Verbundenheit aus – zu anderen muslimfeindlichen Attentätern weltweit. 78 Seiten umfasst der Text, der noch am Tag vor dem Anschlag bearbeitet und dann via Twitter in die Welt hinausgeschickt wurde. Es ist ein Dokument, dem man keine Medienaufmerksamkeit und keine Leser wünschen möchte. Aber um zu verstehen, wie weit die ideologische Globalisierung des Rechtsterrorismus inzwischen reicht und wie sehr die Täter sich dadurch gegenseitig bestärken, ist eine Auswertung unerlässlich.

«Gewöhnlicher weisser Mann»

Der Christchurch-Attentäter inszeniert sich gleich zu Beginn als «nur ein gewöhnlicher weisser Mann», er witzelt, macht sich etwa lustig über Menschen, die nach seiner Tat vielleicht glauben werden, Computerspiele hätten ihn zur Gewalt angestachelt. Er legt seine Ideologie dar, schielt mit jeder Zeile auf Applaus. Aber der für ihn wichtigste Resonanzraum ist dabei offensichtlich nicht die örtliche Neonazi-Szene in Neuseeland, eine düstere, aber überschaubare Welt. Es ist auch nicht die überaus aktive Szene nebenan in seinem Heimatland Australien, wo der Inlandgeheimdienst erst Anfang Januar vor einer wachsenden Gefahr von rechts warnte, hochgekocht in den zahlreichen neuen «Bürgerwehren» gegen die Kriminalität afrikanischer Gangs.

Sondern sein Ziel ist ein globales Publikum, eine Szene, die sich vernetzt in Onlineforen wie 8chan – und deren Duktus der Christchurch-Attentäter nun wiedergibt. Örtliche Besonderheiten spielen keine Rolle. Im Gegenteil: Den Tatort in Neuseeland habe er nur zufällig ausgewählt, schreibt er, weil dort genauso «Ziele» anzutreffen seien wie auch «irgendwo anders im Westen». Die Länder Australien und Neuseeland seien bloss «Finger an der Hand Europas».

Video: Angriff auf Moschee in Neuseeland

Bei bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen in Christchurch wurden 49 Menschen getötet und über 20 weitere Personen schwer verletzt. Video: AFP/Storyful

Der Attentäter, der seine Herkunft selbst als «schottisch, irisch und englisch» angibt, knüpft nicht an klassische rechtsextreme Rhetorik an, die auch zwischen europäischen Völkern trennt. Die Nazis seien doch von gestern, schreibt er. Stattdessen geht es, breiter, um eine «weisse Rasse» – und um die angeblich bedrohlich hohen Geburtenraten der anderen. Durch Zuwanderung würden die Angestammten verdrängt. Die Weissen würden «ausgetauscht».

Der Attentäter hat sein Manifest mit «Der grosse Austausch» überschrieben, das ist ein Lieblingsschlagwort der neurechten Identitären Bewegung, jener rechtsradikalen Strömung also, in der ungarische, österreichische und italienische Rassisten sich Seite an Seite wohlfühlen. Auf der Autofahrt zu seiner Bluttat in Christchurch, so sieht man es auf Videos im Netz, hörte der Täter sogar ein Lied, das serbische Nationalisten gedichtet haben. «Kebab raus», lautet der Refrain dieses Liedes, es ist dem Kriegs-herren Radovan Karadzic gewidmet und schmäht die Muslime des Balkans.

Mit dem «Segen» Breiviks

Global sind die Vorbilder, die der Attentäter benennt: In dem Manifest verherrlicht er den Italiener, der Anfang Februar 2018 in der Kleinstadt Macerata auf sechs afrikanische Migranten schoss. Er lobt den Briten, der im Juni 2017 in London mit seinem Lieferwagen in eine Menschenmenge an der Finsbury-Park- Moschee raste und zehn Menschen verletzte. Er preist den 21-jährigen Amerikaner, der 2015 in eine Kirche in Charleston stürmte und neun dunkelhäutige Amerikaner erschoss. Vor allem aber behauptet er, für seine Bluttat den «Segen» des Norwegers Anders Behring Breivik zu haben, jenes Rechtsextremisten also, der 2011 ein Sommerlager der Jungsozialisten auf der Insel Utøya überfallen und dort 77 Menschen ermordet hatte.

Auch Breivik hat damals ein Manifest im Netz hinterlassen, 1516 Seiten lang. Der Christchurch-Attentäter behauptet nun, mit dem seither inhaftierten Norweger in Kontakt gestanden zu haben, wobei er aber nicht sagt, wie. Und genauso wie damals Breivik erklärt er, es gehe ihm auch darum, weitere Täter zu «inspirieren». Breiviks damaliges Manifest, «2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung», ist inzwischen schon von mehreren Attentätern weltweit als Inspirationsquelle angegeben worden.

Ziel ist ein globales Publikum, eine Szene, die sich in Onlineforen vernetzt.

Global sind auch die Feindbilder, die nun der Christchurch-Attentäter benennt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommt in seinem Manifest vor, er wird wüst beschimpft, bei dem pakistanischstämmigen Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ist es ebenso, und ganz zentral ist Angela Merkel, «die Mutter all dessen, was anti-weiss und anti-germanisch ist». Sie stehe «ganz oben auf der Liste», denn: «Kaum jemand hat mehr getan, um Europa zu schaden und ethnisch zu säubern.» Den US-Präsidenten Donald Trump lobt er hingegen als «Symbol erneuerter weisser Identität und gemeinsamer Bestimmung». Nur mit dessen konkreter Politik sei er nicht zufrieden, «O Gott, nein».

Das Manifest des Christchurch-Attentäters hat die Form eines Selbstinterviews. Die entscheidende Frage, die er beantworten will, lautet: Wozu? Und darauf gibt er eine Antwort, die am Ende recht klar zusammenfasst, was die immer besser vernetzte rechtsextreme Szene über Grenzen hinweg ideologisch zusammenhält. Es ist die Behauptung, nicht europäischstämmige Zuwanderer würden die vorherige Mehrheit ersetzen. Und dass dies einem finsteren, von Politikern betriebenen Plan folge.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 21:57 Uhr

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