Im strengsten Knast von China

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo sitzt im Gefängnis von Jinzhou, wo er seine Zelle mit fünf Häftlingen teilt. Sein einziger Kontakt zur Aussenwelt ist seine Frau.

Hier sitzt Liu Xiaobo in Haft: Das Gefängnis von Jinzhou.

Hier sitzt Liu Xiaobo in Haft: Das Gefängnis von Jinzhou. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Graue Mauern sind von aussen zu sehen, ein paar Wachtürme. Das Gefängnis von Jinzhou in der nordostchinesischen Provinz Liaoning ist nichts Besonderes, auch wenn es als einer der «strengsten Knäste» Chinas gilt. Hier sitzen vor allem schwere Jungs. Seit gestern, seit einer der Insassen in Oslo den Friedensnobelpreis gewonnen hat, ist dies wohl die berühmteste Strafanstalt Chinas.

Liu Xiaobo teilt sich eine Zelle mit fünf gewöhnlichen Kriminellen. Sehr wahrscheinlich erfährt er nicht sofort, dass er den Friedensnobelpreis gewonnen hat. «Es dringen so gut wie keine Nachrichten von ausserhalb in seine Zelle», sagt seine Frau Liu Xia. Der Literaturkritiker ist zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Chinas Kommunistische Partei sieht in ihm einen gefährlichen Gegner. Solche Menschen glaubt sie selbst noch im Gulag isolieren und überwachen zu müssen.

Die Zelle ist 30 Quadratmeter gross. Die sechs Männer schlafen auf drei Etagenbetten. Zu essen gibt es jeden Tag erkalteten, zusammenpappenden Reis, dazu in Wasser weich gekochtes Gemüse. Die fünf Kriminellen dürfen sich, wenn sie Geld haben, «he fan» dazukaufen, Fertiggerichte. Liu Xiaobo, der einzige «Politische» in der Zelle, ein erklärter Fleischliebhaber, darf das nicht. Für ihn gibt es nur den kalten Reis, von dem er Magenschmerzen bekommt.

Mit Reportern darf sie reden

Die 50-jährige Liu Xia ist derzeit die einzige Stimme ihres Mannes, abgesehen natürlich von seinen Schriften. Die ganze erste Oktoberwoche hat sie im Teehaus «Hong Haoge» vor ihrer Wohnung im Westen Pekings ausländischen Journalisten Interviews gegeben. Denn es kursierten bereits Gerüchte, er könnte den Nobelpreis gewinnen. Vor ihrer Wohnung standen ein Polizist und ein Wachmann, die jeden Besuch abwehrten. Aber sie durfte ausgehen und die Reporter treffen.

Mit ihren kurz geschorenen Haaren und ihrer schlanken Figur sieht Liu Xia selbst ein wenig aus wie eine Gefangene. Und in gewisser Weise ist sie dies ja auch – eine Gefangene des Kampfes ihres Mannes, der auch ihr Leben dominiert. Voller Ruhe und mit viel Humor beantwortet sie die immer gleichen Fragen.

Besuchszeit: Eine Stunde im Monat

Einmal im Monat darf die 50-Jährige ihren Mann besuchen – eine Stunde lang. Sie packt eine Tasche mit Mitbringseln ein. Milchpulver für seinen Magen und Vitamintabletten sind erlaubt, Medizin gegen die Magenschmerzen nicht. Sechs Stunden dauert die Fahrt aus Peking mit dem Zug.

Jeder Besuch verläuft gleich. Liu Xia wird in ein Besuchszimmer geführt. Sie nimmt neben zwei Polizisten Platz. Eine Videokamera beginnt zu filmen. Dann wird ihr Mann hereingeführt. Die Eheleute dürfen sich kurz umarmen. Während des einstündigen Gesprächs dürfen sie sich an den Händen halten.

Politik ist Tabuthema

Über Politik zu reden, ist ihnen strikt verboten. Also reden sie über Belangloses. Welche Freunde sie kürzlich getroffen hat, wo sie mit diesen essen oder trinken war, was für ein schöner Abend das wieder war, solche Dinge. Über Bücher, die sie ihm mitbringen durfte. Romane sind erlaubt, Kafka zum Beispiel, Biografien, Historisches. Verboten sind Bücher, die von Politik handeln. «Ach, ich habe ihm gesagt, sein Leben sei nun schon monoton genug, da solle er ruhig mehr Romane lesen. In Romanen ist die Welt so gross, in ihnen gibt es so viel Freiraum», sagt Liu Xia. Kafka? «Manchmal denken wir, der hat genau unser Leben beschrieben», sagt sie. Es muss ein besonderes Erlebnis sein, Kafka in so einer Zelle zu lesen. Etwa den Roman «Die Verwandlung». Der Held wacht auf und hat sich in einen Käfer verwandelt, «immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück». Da liegt er nun, hilflos, die Beine zappeln in der Luft. Er klammert sich an wenige Dinge, die ihn an sein Leben als Mensch erinnern.

Wenn es eine Verwandlung gibt, die Liu Xiaobo gut kennt, dann ist es die vom relativ freien Bürger zum hilflosen Gefangenen eines mächtigen, skrupellosen Regimes und zurück. Die Haft in Jinzhou ist schon die dritte, die Liu Xiaobo erlebt. Zum ersten Mal holten sie ihn nach den Studentenprotesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens ab. Er hatte damals eine Gastprofessur in New York abgebrochen und war heimgeflogen, um am Hungerstreik auf dem Platz teilzunehmen. Zwei Tage nach dem Massaker, am 6. Juni 1989, holten sie ihn. Seine erste Frau liess sich von ihm scheiden, während er seine Strafe verbüsste.

Kein Radikaler

Erst anderthalb Jahre später kam er wieder frei. Er war nie ein radikaler Regimegegner. Unter anderem hatte er gemeinsam mit einigen anderen in der Nacht vor dem Massaker Hunderte der Studenten überreden können, den Platz noch vor dem Eintreffen der Panzer zu verlassen. Sie hörten auf ihn, weil seine mutigen Schriften an Chinas Universitäten schon damals Kultstatus hatten.

Im Mai 1995, er hatte sich öffentlich für die Aufklärung der politischen Verantwortung für das Massaker und für Reformen eingesetzt, verwandelte ihn die Staatssicherheit erneut in einen Häftling. Zunächt wurde Liu Xiaobo von der Staatssicherheit verschleppt und bis zum darauffolgenden Januar «unter Hausarrest» festgehalten. Dann brachten sie ihn in das berüchtigte Banbuqiao-Gefängnis und später in ein Arbeitslager. Bis 1999 dauerte diese Haft.

Erste Ohrfeige für den Westen

Woher kommt diese Entschlossenheit, China demokratisieren zu wollen? In einem Aufsatz vom letzten Dezember gibt Liu selbst eine Antwort. Was er schon in den Achtzigerjahren von sich selbst verlangt habe, schreibt er, seien «Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Würde». Der Aufsatz hiess «Ich habe keine Feinde – meine abschliessende Erklärung», geschrieben während seines Prozesses. Nur zwei Tage später, als gezielte Ohrfeige an die Europäer und die US-Regierung, die Lius Freilassung forderten, liess ihn die chinesische Führung zu elf Jahren Haft verurteilen.

Schon als Kind war Liu Xiaobo ein Rebell. Geboren 1955 in der chinesischen Nordostprovinz Jilin, verbrachte er viel Zeit auf der Strasse. Sein Vater war Professor, die Mutter war Arbeiterin und Analphabetin. Der kleine Xiaobo war eines jener Kinder, die immer mal wieder etwas ausfrassen. Später, spätestens seit er mit der ersten Studentenschar nach der Kulturrevolution nach Peking kam, verwandelte er sich in eine Leseratte und einen systematischen Denker.

Lius «spiritueller Vater»

Irgendwann in den Neunzigerjahren las Liu Xiaobo ein Buch von Vaclav Havel. Freunde von ihm hatten es ins Chinesische übersetzt und nach einem Verlag dafür gesucht. Sie fanden keinen. Da druckten die Freunde ein paar Exemplare selbst. Liu hat Havel später als einen «spirituellen Vater» bezeichnet.

Im Winter 2008 beschlossen Liu und ein paar Freunde, dass Chinas Demokratiebewegung ein ähnlich programmatisches Dokument benötige, wie die Charta 77 es in der Tschechoslowakei gewesen war. Den ersten Entwurf dieser chinesischen «Charta 08» hat er allerdings nicht selbst verfasst, er ist von zwei seiner Freunde geschrieben worden. Doch er redigierte diesen und schrieb ihn um. Deshalb, und weil er anschliessend viele Freunde zur Unterschrift überredete, wird er als «Mitbegründer und Hauptorganisator» der Charta 08 bezeichnet.

Mehr als 10'000 Chinesen haben unterschrieben

Liu Xiaobo selbst empfand die fertige Charta 08 nicht als radikale Kampfansage an das Regime. Aber natürlich hätte jede einzelne der Forderungen wie «Gewaltenteilung», ein «legislatives demokratisches System» und eine «unabhängige Justiz» das Ende der Alleinherrschaft der Partei zur Folge. Vor allem aber, und das erklärt wohl die lange Haftstrafe, fühlte sich die Partei dadurch bedroht, dass Menschen mit den verschiedensten Berufen und aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten diese Charta unterzeichneten. Liu Xia: «Diesmal waren Gelehrte beteiligt, Künstler, Kritiker, Anwälte, nicht nur die üblichen Dissidenten.»

Nur 303 Aktivisten unterschrieben die Charta 08 ursprünglich. Doch nach den ersten Festnahmen unterzeichneten mehr als 10'000 weitere Chinesen im Internet. Falls China eines fernen Tages tatsächlich ein «freies Land» sein sollte, dessen «Bürger ihre Rechte als fundamental ansehen und ihre Partizipation als Pflicht», wie die Autoren der Charta 08 hoffen, dann wird der Text als wichtiger Wendepunkt gelten. Liu Xiaobo ahnte jedoch, dass ihm dieses Dokument erst einmal eine weitere Haftstrafe einbringen könnte.

Sie kamen am 8. Dezember. Liu Xia blieb allein zurück. Sie hofft, ihrem Mann beim nächsten Besuch, möglicherweise schon heute Samstag, von seinem Preis erzählen zu können. Gestern Freitag, am grossen Tag ihres Mannes, durfte sie die Wohnung nicht verlassen. «Ich bin glücklich», sagte sie am Telefon. Was könnte der Nobelpreis für ihren Mann verändern? «Ich denke doch, dass er jetzt ein wenig früher freigelassen wird.»

Erstellt: 09.10.2010, 10:22 Uhr

«Sein Leben ist so monoton, da soll er ruhig Romane lesen. In denen ist die Welt so gross, gibt es so viel Freiraum»: Liu Xia, die Frau des Inhaftierten.

Bildstrecke

Liu Xiaobo erhält den Friedensnobelpreis

Liu Xiaobo erhält den Friedensnobelpreis Der chinesische Dissident wird in Abwesenheit geehrt.

Artikel zum Thema

«Er propagiert die totale Verwestlichung Chinas»

Der chinesische Dissident Liu Xiaobo erhält den Friedensnobelpreis. Die Sinologin Andrea Riemenschnitter über den kompromisslosen Kämpfer, die Reaktion Chinas und weshalb sie der Wahl skeptisch gegenübersteht. Mehr...

China zensiert Meldungen über Friedensnobelpreis

Die chinesischen Behörden haben Meldungen über die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Bürgerrechtler Liu Xiaobo blockiert – auf allen Kanälen. Mehr...

Der Zank um den Nobelpreis

Der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo tut seine Wirkung: Während Chinas Regierung zensiert und den Botschafter Norwegens einbestellt hat, fordern die USA die Freilassung des Preisträgers. Die Schweiz hält sich zurück. Mehr...

Dossiers

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...