Interview

«Jan Mohammad war ein sehr brutaler Mensch»

Die Taliban bringen zwei Personen aus dem engsten Umfeld von Präsident Karzai um und verüben mehr Anschläge als je zuvor. «Die Taliban erstarken», sagt Experte Thomas Ruttig und erklärt die Gründe dafür.

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Herr Ruttig, in den letzten Tagen wurden gleich zwei Personen aus dem engen Umkreis des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai ermordet: Sein Bruder Ahmad Wali Karzai und sein Berater Jan Mohammad Khan. Wer steckt dahinter?
Wir können nicht sicher sein, wer hinter den Attentaten steckt, weil sie sich im Modus Operandi stark voneinander unterscheiden. Der Anschlag auf Jan Mohammad Khan sieht eher aus wie eine Taliban-Aktion, mit drei Selbstmordattentätern, die in sein Haus eindrangen und sich in die Luft sprengten. Den Anschlag auf Karzais Bruder verübte dagegen ein einzelner Schütze. Das sieht eher nach einer persönlichen Aktion aus.

Medienberichten zufolge sollen hinter beiden Anschlägen die Taliban stecken.
Es handelt sich natürlich um zwei sehr spektakuläre Anschläge, weil sie sich gegen zwei Leute aus dem engsten Umfeld Karzais richteten. Man muss das, was die Taliban sagen, deshalb mit Vorsicht geniessen. Aber wir haben in diesem Jahr schon eine sehr lange Kette von gezielten Morden an hohen Regierungsvertretern, von denen die meisten wohl tatsächlich aufs Konto der Taliban gehen. Vier sehr hochrangige Polizeiverantwortliche wurden umgebracht, darunter der Chef der Polizei für ganz Nordafghanistan. Im ganzen Land gab es Anschläge auf prominente und weniger prominente Regierungsvertreter. In Kandahar Stadt allein hat es dieses Jahr an die 60 tödliche Anschläge gegeben.

Werten Sie die Anschläge als ein letztes Aufbäumen der Taliban, oder wittern die Taliban vor dem Hintergrund des Truppenabzugs 2014 womöglich Morgenluft?
Die Nato würde es gerne als ein letztes Aufbäumen der Taliban sehen, aber ich fürchte, das geht an der Realität vorbei. Ich habe eher das Gefühl, dass die Taliban erstarken. Zum einen führen sie einen asymmetrischen Krieg und setzen sehr stark auf solche Mittel, die sich schwer verhindern lassen, besonders wenn Leute die Aktion ausführen, die bereit sind, ihr eigenes Leben dafür zu opfern. Dann wissen sie genau, wo die afghanische Regierung und die westlichen Verbündeten am einfachsten zu schlagen sind. Wir sehen eine Zunahme der Aktionen, keine Abnahme. Ein Zeichen des Selbstbewusstseins der Taliban, die nach wie vor grosse Teile des Landes, wenn nicht kontrollieren, dann sehr stark beeinflussen.

Es heisst, die Einsatztruppen verhandelten inoffiziell mit den Taliban. Was ist mit den Friedensgesprächen?
Da der militärische Ansatz, die Taliban zu schlagen, nicht geklappt hat, wären Friedensverhandlungen schon der richtige Weg. Doch von Verhandlungen sind wir zurzeit noch weit entfernt, es haben bisher lediglich sondierende Vorgespräche stattgefunden. Wenn überhaupt, sind wir am Anfang eines politischen Prozesses.

Karzais Bruder und sein ermordeter Berater sollen auch mit den Taliban gesprochen haben.
Ich habe lange in der Provinz gearbeitet, aus der Jan Mohammad stammt, er ist alles andere als jemand, mit dem die Taliban reden würden. Nach seinem Tod sprachen die Taliban von gerechtem Lohn und drückten das Gefühl auch vieler Nicht-Taliban aus der Gegend aus. Jan Mohammad war ein sehr brutaler Mensch, der sicher Kontakte zu einigen Taliban hatte, die aber eher Business-Charakter trugen. Wali Karzai ist im Prinzip auf der gleichen Linie. Er hatte als Mitglied der Familie Karzai sicher Potenzial für bestimmte Gespräche mit den Taliban. Er hat auch sicherlich bestimmte Gespräche geführt, aber auch da weiss man nicht, ob es wirklich politische Gespräche waren.

Gibt es überhaupt Grund zu glauben, die Taliban wären an einer Demokratie interessiert?
Ob die Taliban überhaupt etwas wollen, ausser einem Truppenabzug und der Wiedereinsetzung des Emirats, steht in den Sternen. Wir müssen herausfinden, ob die Taliban überhaupt ein pluralistisches Afghanistan ertragen könnten. Bis Ende 2014 sind es noch drei Jahre, in denen man einiges auf der politischen Seite machen könnte. Nur müsste man sich dann auch darauf konzentrieren und mit der sinnlosen Jagd auf die Taliban aufhören, bei der es, verursacht durch beide Seiten, zu viele zivile Opfer gibt. Das wird interessanterweise den westlichen Streitkräften mehr übel genommen als den Taliban, was damit zusammenhängt, dass die Taliban in der Bevölkerung verankert sind, was man weder von der afghanischen Polizei noch von den internationalen Truppen sagen kann.

Welches halten Sie für das wahrscheinlichste Szenario bis zum Truppenabzug?
Das Szenario müsste sein: Volle Kraft voraus in einen politischen Prozess. Bis 2014 müsste man versuchen, die Institutionen in Afghanistan so zu stärken, dass die Bevölkerung wieder etwas von der eigenen Regierung erwartet. Das hat auch mit Verteidigung zu tun. Die Streitkräfte wachsen, aber ob ihre Qualität wächst ist fraglich. Die ganzen Anschläge zeigen, dass es nicht um Masse geht, sondern um Intelligenz, darum, herauszukriegen, was die Taliban vorhaben. Daran muss man arbeiten. Und auch daran, dass die korrupte Regierung anfängt, für die Bevölkerung zu arbeiten und nicht nur für die eigenen Bankkonten in Dubai.

Da besteht wohl nicht viel Grund zur Hoffnung.
Nein. Die Hoffnung muss man schaffen, indem man politisch arbeitet. Ich weiss nicht, warum unsere Steuerzahler hier riesige Botschaften zahlen, die keinen Fortschritt erzielen, sondern alles dem Militär überlassen. Eines der Grundprobleme in Afghanistan ist, dass der politische Prozess letztendlich General David Peträus überlassen worden ist.

Was denken Sie von seinem Nachfolger?
Er hat hoffentlich nicht mehr das hohe politische Gewicht wie Peträus. Dadurch könnten sich vielleicht Spielräume öffnen. Das ist das, was ich hier in Kabul höre. Die Amerikaner kriegen angeblich auch einen sehr guten neuen Botschafter. Aber, ehrlich gesagt, ich habe die letzten zehn Jahre hauptsächlich hier unten verbracht und habe immer wieder gehört: Beim nächsten Botschafter wird alles besser. Die Afghanen glauben jedenfalls nicht mehr daran.

Wie beurteilen Sie die Lage für die Frauen?
Die Lage ausserhalb Kabuls war immer desolat und hat sich nicht verändert. Ich sprach kürzlich mit einer Afghanin, die in der Kommission für Menschenrechte arbeitet. Sie sagt, der grösste Erfolg sei, dass sich die Lage auf dem Papier geändert hat, und sie meinte das überhaupt nicht ironisch. Sie meinte: Wir haben jetzt immerhin etwas, was wir verteidigen können. Die Frauen müssen ihre Rechte noch einzeln einfordern, und es ist nicht so, dass man sie ihnen einfach zugesteht. Schon am Rande Kabuls laufen die Frauen immer noch in der Burka herum.

Seit 2001 sind die internationalen Truppen in Afghanistan. Haben sie überhaupt etwas gebracht?
In einzelnen Dingen gab es einige Fortschritte. Aber im Grossen und Ganzen haben sie die Probleme zum Teil eher verstärkt. Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, die Leute haben weniger Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung. Es hat sich eine Art Schmarotzerschicht gebildet, die in sämtlichen Städten die Immobilien aufkaufen, die in Indien, in Mittelasien, Iran, Dubai investieren und sich ein Grossteil der Gelder in die eigene Tasche gesteckt haben. Für einen Grossteil der Bevölkerung hat sich das Leben nicht wirklich verändert.

Halten Sie es angesichts dessen für übertrieben, Afghanistan als «Failed State» zu bezeichnen?
Failed heisst, es ist von selber gescheitert. Die internationale Gemeinschaft hat hier aber eine grosse Verantwortung übernommen und eine ganze Menge versprochen. Das ist nicht eingehalten worden. Mit ihrer Politik haben die westlichen Staaten dazu beigetragen, dass dieser Einsatz vor dem Scheitern steht.

Wenn die Truppen abziehen, werden Sie im Büro des Afghanistan Analysts Network in Kabul bleiben?
Ja, solange das nicht selbstmörderisch wird. Wir haben weniger Bewegungsspielraum als vor fünf, sechs Jahren. Selbst unter den Taliban konnte man sich mit Einschränkungen besser bewegen als heute.

Erstellt: 20.07.2011, 06:26 Uhr

«Schon am Rande Kabuls laufen die Frauen immer noch in der Burka herum»: Thomas Ruttig kennt Afghanistan seit dreissig Jahren.

Das Afghanistan Analysts Network

Thomas Ruttig ist Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (AAN). Die letzten zehn Jahre hat er hauptsächlich in der afghanischen Hauptstadt Kabul verbracht. Das AAN (Zur Homepage) ist eine unabhängige Expertengruppe, welche die politischen Gegebenheiten in Afghanistan beobachtet und analysiert.

Taliban-Handy gehackt

Die afghanischen Taliban haben Berichte über den Tod ihres Führers Mullah Omar heute zurückgewiesen. Zuvor hatten Journalisten Textnachrichten erhalten, in denen der Tod des «Kommandeurs der gläubigen Muslimen» bekannt gegeben worden war. Dieser Titel ist dem Führer der Taliban vorbehalten. Auch auf einschlägigen Internetseiten waren Berichte über den Tod des Taliban-Führers veröffentlicht worden.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte der Nachrichtenagentur AP, sein Telefon sei gehackt worden und bei der in seinem Namen versendeten Nachricht handele es sich um eine Fälschung. «Er überwacht Einsätze im Land», sagte Mudschahid über Mullah Omar. Für den mutmasslichen Hackerangriff macht er die US-Geheimdienste verantwortlich, die versuchen würden, «die Taliban zu demoralisieren». (dapd)

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