«Japan will der Welt zeigen, dass man Fukushima im Griff hat»

Die Hiobsbotschaften aus Fukushima häuften sich zuletzt. Nun greift Japans Regierungschef ein. TA-Korrespondent Christoph Neidhart über Tokios Olympiapläne und weitere Gründe für den plötzlichen Aktionismus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Neidhart, seit Monaten gibt es aus Fukushima immer wieder Berichte von leckenden Tanks. Nun kündigt die Regierung Abe Unterstützungsgelder für die Ruine an. Woher kommt der plötzliche Aktionismus?
Erstens denke ich, dass die japanische Regierung erschrocken ist: Lange wusste man nicht, wie viel verseuchtes Wasser tatsächlich in den Pazifik floss. Die Kontrollen von Tepco sind ungenügend: Das Unternehmen hat keine Messinstrumente, mit denen es kontrollieren könnte, was in diesen Tanks genau passiert. Wenn 100 Tonnen Wasser aus einem 1000-Tonnen-Tank ausliefen, merkten sie das vielleicht gar nicht. Zweitens will die Regierung andere AKW hochfahren, weshalb sie empfindlich auf solche Meldungen reagiert.

Die Probleme mit den Wassertanks waren offenbar absehbar. Weshalb wird dies erst jetzt zum Thema?
Der Hauptgrund ist die neue Atomaufsichtsbehörde. Diese ist deutlich stärker als die vorherige; sie redet öfters Klartext. Ein weiterer Grund ist wohl die Situation mit dem verseuchten Grundwasser, die immer akuter wird. Dieses bewegt sich langsam Richtung Meer, Tepco muss handeln, bevor es zu spät ist. Dass diese Tanks für das verstrahlte Wasser nichts taugen, ist übrigens schon seit dem Sommer 2011 bekannt. Ein Investigativ-Journalist hatte sich damals als Arbeiter in Fukushima anheuern lassen und einen Monat dort gearbeitet. Er berichtete von Pfusch und minderwertigem Material, das für die Tanks verwendet wurde.

Es wird auch vermutet, dass Shinzo Abe nun an die Öffentlichkeit trat, weil es ihm auch um Tokios Olympiakandidatur geht.
Am Samstag wird über den Austragungsort der Olympischen Spiele 2020 entschieden. Ich denke, man will der Welt noch zeigen, dass man die Situation in Fukushima im Griff hat.

Den Kandidatenstatus hat Tokio aber schon seit Mai 2012.
Die jetzige Regierung ist viel schärfer als die vorherige darauf erpicht, das Tokio den Zuschlag erhält. Bisher konnte Abe stets so tun, als habe man in Fukushima alles im Griff. Die handzahme japanische Presse hat dieses Bild so lange beschwört, bis es alle glaubten. Die Regierung Abe wiederum bemühte sich nicht darum, die Wahrheit über die Situation in Fukushima in Erfahrung zu bringen.

Rund 440 Millionen Franken hat Abe gesprochen. Was soll mit dem Geld gemacht werden?
Bisher weiss man nicht, was mit dem Geld geschehen soll. Ich denke, die Regierung weiss das selber noch nicht. Würde sie die Situation wirklich ernst nehmen, hätte sie nicht einfach Geld zur Verfügung gestellt, sondern zum Beispiel die Armee zu Hilfe geschickt.

Abe will Tepco die Aufsicht über die Sicherung der Ruine entziehen. Wie ist diese Ankündigung zu werten?
Es ist vor allem ein Signal nach aussen. Bisher steckten die Regierung und Tepco stets unter einer Decke. Wer künftig die Aufsicht über die Ruine haben soll, ist derzeit nicht klar. Die Aufsichtsbehörde hat gegenüber Tepco neuerdings aber Weisungsbefugnis. Fragt man aber Shunichi Tanaka, den Chef der Atomaufsicht, ob sie die Arbeiten in der Ruine kontrollieren könnten, weicht er aus. Tepco sperrt sich sogar gegen Tanakas Aufruf, dass die Menge Material, das strahlt, wie in allen Ländern in Becquerel und nicht in Millisievert gemessen werden sollte.

Was haben die Berichte über die leckenden Tanks in Japan selbst ausgelöst?
Ein Teil der Bevölkerung weiss schon seit langem über die Situation in Fukushima Bescheid. Die sind einfach wütend. Die meisten wollen von der ganzen Sache schlicht nichts mehr hören. Eine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung besteht ja nicht.

Die Fragen stellte Newsdesk-Redaktor Simon Knopf.

Erstellt: 03.09.2013, 14:59 Uhr

Christoph Neidhart ist Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Tokio.

Artikel zum Thema

Japan pumpt Millionen in Atomruine – für Olympia?

Das Problem Fukushima könne nicht mehr länger nur dem Atomkonzern Tepco überlassen werden, sagte der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe. Und hofft so auf das Goodwill des Olympischen Komitees. Mehr...

Fukushimas nächste Katastrophe

Leckende Tanks und tödliche Strahlenwerte: In Fukushima wird die Lagerung des verstrahlten Kühlwassers zur grossen Herausforderung. Laut Experten war das Problem absehbar und dürfte noch grösser werden. Mehr...

Tödlich hohe Strahlenwerte in Fukushima gemessen

Die Skala des Messgeräts reichte nicht aus: Die beim neuen Zwischenfall entwichene Strahlung war weit stärker als zunächst gemessen. Das Konzept zum Rückbau von Fukushima I wird immer unrealistischer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Geldblog Der Crash wird über kurz oder lang kommen

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...