Jetzt skandieren sie «Chinazis»

Kurz bevor China den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung feiert, eskalieren die Proteste in den Strassenschluchten Hongkongs.

Der Protest in Hongkong richtet sich nicht mehr nur gegen die eigene pekingtreue Führung, sondern direkt gegen Peking. Foto: Tyrone Siu (Reuters)

Der Protest in Hongkong richtet sich nicht mehr nur gegen die eigene pekingtreue Führung, sondern direkt gegen Peking. Foto: Tyrone Siu (Reuters)

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Die Menschen von Hongkong haben sie nie geliebt. Sie haben sie aber lange auch nicht gehasst, die rote Flagge, die die Chinesen in der Nacht der Übergabe, damals, 1997, der ehemaligen britischen Kronkolonie brachten. Die Flagge Chinas ist immer etwas grösser, hängt etwas höher als die Flagge Hongkongs. Die Menschen Hongkongs nahmen das all die Jahre hin. Bis zu jener Nacht vor ein paar Wochen, als Demonstranten an einem Fahnenmast in die Höhe kletterten und eine der grossen roten Flaggen ins Hafenbecken warfen. Seitdem ist alles anders.

An diesem Wochenende, zwei Tage vor dem 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, sind wieder Tausende auf den Strassen unterwegs. Es ist ein selbst für hiesiges Verhältnisse heftiges Wochenende. Polizisten schiessen mit Tränengas und Gummigeschossen. In der Stadt brennen die Flaggen, sie werden mit Farbe besprüht und mit Schmutz beworfen. «Befreit Hongkong! Revolution jetzt!», rufen die Demonstranten.

Wenn die Hongkonger die chinesische Nationalhymne hören, drehen sie sich mit dem Rücken zum Fahnenmast. Sie buhen, bis der Text nicht mehr zu verstehen ist, der von der Befreiung des Volkes der Chinesen handelt, die keine Sklaven mehr sein wollen. Und ja doch alle Sklaven seien, wie die Hongkonger sagen. Die Regierung hat längst ein Gesetz gegen die Missachtung der Hymne beschlossen. Verurteilten droht Haft. Seitdem buhen die Hongkonger nur lauter.

«Zu jung für was?»

Yi ist Sanitäterin. Seit die Polizei das erste Mal Tränengas auf die Menschen schoss, kümmert sie sich um verletzte Demonstranten. Sie trägt einen Helm, eine Warnweste und ihre Sanitätertasche. «Wenn es chaotisch wird, sind wir da.» An Protesten beteiligt sie sich nicht. Sie wolle lieber helfen als Steine schmeissen. Aber Demonstranten stoppen? Nein. «Es gibt keinen anderen Ausweg. Es geht um unsere Zukunft.»

Yi ist nur an den Wochenende Sanitäterin. Eigentlich geht sie in die neunte Klasse. Sie ist 13. «Zu jung für was?», fragt sie, wenn man sie auf ihr Alter anspricht. Joshua Wong hat seinen ersten Protest mit 12 organisiert. Heute ist er 22 und das Gesicht des Widerstands. Vor zehn Tagen hat die Polizei zwei 13-Jährige festgenommen, im August einen 12-Jährigen.

Hunderte Menschen wurden verhaftet. Trotzdem gehen
die Proteste weiter.

Einige Tage zuvor verlässt Yi ihre Schule in Richtung Bushaltestelle. Sie ist spät dran. Die Haare hat sie akkurat nach hinten gebunden. Bluse, karierter Rock, weisse Socken. Ihr Rucksack hängt ihr bis in die Kniekehlen. Um an ihre Schulbücher zu kommen, muss sie den Helm, die Gasmaske und die Erste-Hilfe-Tasche herausnehmen. Alles hat sie dabei. Wer weiss, wann es wieder losgeht. Während Yi über einen Fussgängerstreifen läuft, postet sie einen Kommentar in eine Gruppe, die den Protest organisiert. Die Nachrichten, die nach oben gespült werden in diesen Gruppen, sind die, die am meisten Reaktionen provozieren.

Ganz oben steht gerade der Streit um ein Plakat, auf dem ein Hakenkreuz aus den gelben Sternen der chinesischen Flagge zu sehen ist. Für Dienstag – den chinesischen Nationalfeiertag – rufen Demonstranten zu einem Marsch gegen die «Chinazis» auf. Auch Yi benutzt diese Wortneuschöpfung. «Die KP unterdrückt ihre Bevölkerung in Tibet und Xinjiang», sagt sie. Sie lese jeden Tag viele Medien, um alle Sichtweisen zu bekommen. Sicher sei: «Wir können den Behörden in China nicht vertrauen.»

Mit den Eltern war sie «in China», wie sie hier zu Festlandchina sagen. Es fühle sich an wie ein anderes Land, etwas Fremdes. «Ich denke nicht, dass wir besonders viel gemeinsam haben.» Sie sei Hongkongerin. Der Rest ist für sie die Folge eines Abkommens, das unterschrieben wurde, als sie noch nicht geboren war. Yi unterstützt deshalb die Unabhängigkeit. Zumindest theoretisch. Peking werde das nie zulassen. Deshalb gehe es darum, den Status quo zu retten.

Kapitalist und Freund Pekings

Auslöser der seit Monaten andauernden Proteste waren die Pläne für ein Auslieferungsabkommen mit Festlandchina. Das Abkommen ist inzwischen zurückgenommen. Die Proteste aber gehen weiter. Um das zu verstehen, muss man zu einem Hochhaus im Zentrum Hongkongs fahren. Versteckt in einem unscheinbaren Glasturm, liegt das Büro von Allan Zeman. Yi kennt Zeman. Jeder kennt Zemans markanten, kahlen Schädel.

Der 70-Jährige trägt ein weisses Hemd mit hochgeschlagenem Kragen. Auf dem Tisch stapeln sich Dutzende Magazine mit ausschliesslich seinem Gesicht drauf. In den Ecken hat er Büchertürme errichtet. Der einzige Buchrücken, der in Richtung der Besucher zeigt, ist ein Buch von Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Über das Regieren. Auf dem Schreibtisch liegt die Einladung der KP für die Feier zum Nationalfeiertag. Da fliege er natürlich hin, sagt Zeman.

Zeman ist ein Tycoon, ein «Pate Asiens», wie einige jene Geschäftsleute nennen, die in südasiatischen Ländern Strippen ziehen. Keines der 500 grössten Unternehmen der Welt stammt von hier. Und doch wohnt hier ein Drittel der reichsten Menschen. Zeman lebt in einer Stadt, in der jeder fünfte Mensch unter der Armutsgrenze lebt, in der Tausende Arbeiter auf Pappkartons auf der Strasse essen, weil sie sich keinen Besuch in einem Café leisten können. Hongkong ist eine Stadt, in der eine kleine Wohnung wie ein Gewinn im Lotto ist. «Junge Menschen blicken zu mir auf», sagt Zeman.

Es zieht sich ein Riss durch Hongkong. Nicht nur zwischen den Schichten. Sondern auch zwischen Freunden und Familien.

Zu Aktivisten wie Yi hat er eine klare Meinung: «Die jungen Leute haben keine Hongkonger Identität, sie haben gar keine Identität.» Das Problem sei das Bildungssystem. Die Jugendlichen wüssten nichts über die Geschichte Chinas, also über ihre eigene Kultur. Zeman selbst ist 1949 in Deutschland geboren und in Kanada aufgewachsen. 1975 ging er nach Hongkong, vor zehn Jahren nahm er die chinesische Staatsbürgerschaft an. «Ich bin Chinese», sagt er, der Grosskapitalist und Freund der Kommunistischen Partei, der weder Mandarin noch Kantonesisch spricht.

Aus seiner Sicht ist die KP nicht das Problem. In Festlandchina seien die Menschen glücklich. Das Problem sei die wirtschaftliche Lage in Hongkong. «Die jungen Menschen fordern Freiheit – aber sie meinen Wohlstand.» Die Wohnungspreise seien zu hoch. Zeman sagt: Es brauche mehr Wohnungen, kein allgemeines Wahlrecht. Das habe er der von China gesandten Regierungschefin Carrie Lam auch gesagt. Er ist ihr Wirtschaftsberater: «Ich habe sie ins Amt gebracht.» Wenn keine Ruhe einkehre, müsse die Armee einrücken, schiebt Zeman ungefragt hinterher.

Es ist diese Allianz zwischen Peking, den Tycoons und ihren Handlangern, die viele Menschen unten auf den Strassen wütend macht. Dialogversuche wie vergangene Woche halten die Hongkonger für einen Witz. Regierungschefin Lam sei völlig entrückt von der Realität.

«Lasst den Zauber beginnen!»

Die Regierung nennt die Demonstranten Chaoten, Aufständische, Randalierer. Vermutlich sah die Weltgeschichte aber nie freundlichere Aufständische, ihr Ordnungssinn ist geradezu grotesk: Wenn die Hongkonger demonstrieren gehen, recyceln sie ihren Abfall. Wenn die Feuerwehr anrückt, haben sie in Sekunden die Barrieren von der Strasse geräumt und lassen die Fahrzeuge passieren. Bevor eine Strasse blockiert wird, sichern sie den Verkehr. Es ist die gleiche Disziplin, die man auch aus dem Alltag in der Stadt kennt.

Und dann ist da noch diese Sprache: Kantonesisch. Yi kann Englisch, spricht aber lieber Kantonesisch. Die Demonstranten haben die Liebe zu ihrer Sprache neu entdeckt. Seit sich festlandchinesische Polizisten unter die Demonstranten mischen sollen, entwickeln diese immer neue Codewörter, bis niemand anderes sie mehr versteht. «Chut Morh Faht», rufen die Demonstranten an der Front: «Lasst den Zauber beginnen!» Es ist das Signal für das Entzünden von Barrikaden.

Es zieht sich ein Riss durch Hongkong. Nicht nur zwischen den Schichten. Sondern auch zwischen Freunden und Familien. Yi weiss das. Ihr Vater ist selbst Polizist. «Wenn Polizisten zu viel arbeiten, vögeln ihre Frauen mit anderen», rufen die Demonstranten, um die Einsatzkräfte zu provozieren. Und: «Polizisten sind Mörder.»

Der Hass auf beiden Seiten ist gross. Yi verheimlicht den Job ihres Vaters nicht. Aber ihr Vater ist auch nicht unter den Polizisten, die bei den Demos aufmarschieren. «Wir können uns auch nicht leisten, dass er seinen Job verliert.» Sie hat zu Hause noch einen drei Jahre jüngeren Bruder. Ihre Mutter arbeitet nicht. Sie leben in einer Wohnung, die für Beamte günstiger ist. Trotzdem gibt es auch viel Streit. «Meine Mutter liest viele Falschmeldungen, die sie im Internet findet», sagt Yi. Ihr Vater ärgere sich hingegen über die Gewalt seiner Kollegen. «Das kann er aber nicht laut sagen.»

Am Dienstag tragen alle Schwarz

Auch an diesem Wochenende streiten sie sich wieder. Es fehlt die Genehmigung für den Marsch am Dienstag. Würde Yi hingehen, könnte sie festgenommen werden. Das hätte auch Konsequenzen für ihren Vater. Mehrfach ist sie schon ohne das Wissen ihrer Eltern losgezogen. Das machen viele ihrer Freunde so. Dieses Mal haben ihre Eltern einen strengen Hausarrest verhängt. Noch weiss sie nicht, ob sie nicht vielleicht doch einen Ausweg findet. Sie verhandelt noch mit ihrem Vater.

Hongkong ist nicht China. Der Satz ist zu einem Mantra geworden. Yi sagt es immer wieder. Wenn die Polizei einen Marsch verbietet, klagen die Aktivisten dagegen. In Hongkong herrscht Versammlungsfreiheit. Recht sei Recht. Immer häufiger bekommen sie aber keine Genehmigung mehr. Wer trotzdem kommt, dem droht Gefängnis. Die Proteste gelten als Aufstand. Anstiftung zum Aufstand wird mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft. Hunderte Demonstranten wurden festgenommen. Trotzdem demonstrieren die Menschen weiter.

Am Sonntag brannten in Hongkong Barrikaden. Demonstranten klebten Überwachungskameras ab und kleisterten Tausende Zettel auf die Strasse. Darauf das Gesicht von Chinas Präsident Xi Jinping und: «Sie feiern, wir trauern. Am Dienstag den ganzen Tag Schwarz tragen. Treffpunkt 14 Uhr in der Innenstadt. Hongkong fällt, fangt uns auf.»

Erstellt: 30.09.2019, 20:23 Uhr

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