«Juche» – die Philosophie, die keiner versteht

Nordkoreas pseudoreligiöse Nationalideologie «Juche» ist schwer zu begreifen. Die Texte sind diffus geschrieben, damit sie niemand liest.

Massenzeremonie vor dem Juche-Turm in Pyongyang, einer säkularen Pagode. Foto: Damir Sagolj (Reuters)

Massenzeremonie vor dem Juche-Turm in Pyongyang, einer säkularen Pagode. Foto: Damir Sagolj (Reuters)

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Nordkorea ist eine andere Welt, sogar seine Zeitrechnung ist anders. Pyongyang schreibt heuer das 106. Juche-Jahr. «Juche», ausgesprochen «Dschudsche», steht für Nordkoreas angebliche Nationalideologie, die in Pyongyang mit einem Juche-Turm geehrt wird, einer säkularen Pagode. Der Beginn dieser Zeitrechnung wurde rückwirkend auf das Geburtsjahr von Kim Il-sung gelegt, dem Staatsgründer und Grossvater des heutigen Diktators Kim Jong-un. Der 1994 verstorbene Kim wird als Schöpfer von Juche verehrt. Einst hiess es, er habe damit den Marxismus-Leninismus weiterentwickelt. Juche sei sein «origineller, brillanter und revolutionären Beitrag zum internationalen Denken», so die Propaganda. Doch obwohl Kims gesammelte Werke 50 Bände umfassen und viele Broschüren über ­Juche veröffentlicht wurden, kann niemand sagen, was Juche eigentlich ist. Je mehr solche Texte man liest, umso weniger versteht man sie.

Der Begriff Juche wird meist mit «Selbstständigkeit», «Autonomie» oder «(nationale) Individualität» umschrieben. Genau genommen steht er für «Subjekt». Er kam mit der japanischen Kolonisierung als Neologismus nach Korea. In Japans Philosophie tauchte er 1887 als neue Wortkonstruktion auf. «Shutai», so die japanische Aussprache, stand in der Übersetzung eines Werkes von Immanuel Kant für das deutsche Wort «Subjekt». Aus Japan gelangte der Begriff auch in chinesische und koreanische Texte, etwa in Marx-Übersetzungen.

Kim Il-sung war kein Denker

Kim Il-sung hat den Begriff kaum benützt. Er war kein Leser, kein Schreibender und schon gar kein Denker. Im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft wurden seine Reden von chinesischen und sowjetischen Beratern geschrieben. Wie ein ungarischer Diplomat 1962 nach Budapest berichtete, verriet ihm ein nordkoreanischer Funktionär, Kims theoretische Kenntnisse seien «äusserst spärlich». Seine Rede vom Dezember 1955, die später zur Basis seiner «Juche-Philosophie» stilisiert wurde, ergibt keine Anhaltspunkte, was damit gemeint ist. Sie enthält auch keine Hinweise auf ein neues Denken oder eine Kursänderung, als die sie von der Propaganda später dargestellt wurde. Kim suchte damals die Macht gegen die Sowjetfraktion in Nordkoreas Arbeiterpartei zu sichern.

«Marxismus-Leninismus heisst nicht, blind Tausende oder Zehntausende Seiten von Marx, Engels, Lenin und Stalin zu lesen», rechtfertigte er sich. Es bedeute vielmehr, dessen «Prinzipien in Übereinstimmung mit den Gegebenheiten im jeweiligen Land» anzuwenden. Damit löste Kim sich einerseits vom ideologischen Diktat Moskaus und Pekings, ohne mit den beiden kommunistischen Mächten zu brechen, die Nordkorea schon damals mit ihren ­Zuschüssen am Leben erhielten. Mit dem Hinweis auf einen eigenen Weg unter dem Dach des Kommunismus konnte er von der jeweils gültigen ­Orthodoxie abweichen. Nicht zuletzt 1956, als er Nordkorea gegen Nikita Chruschtschows Tauwetter abschirmte. Den Sowjets war das recht, Hauptsache, Kim garantierte ihnen Nordkoreas Verbleiben in ihrem Machtbereich.

Erste Adressaten des Juche-Geredes waren südkoreanische Linke.

Der Begriff Juche verschwand nach der Rede Kims 1955 wieder, er tauchte erst in den späten 1960er-Jahren regelmässiger auf. Jedoch fast nur in der Propaganda fürs Ausland. Im September 1972 interviewten zwei japanische Journalisten Kim ­Il-sung während vier Stunden, nachdem sie die Antworten auf ihre Fragen bereits schriftlich erhalten hatten – verfasst von seinen Helfern. Die beiden fragten Kim im Gespräch auch nach Juche, aber er verweigerte ihnen eine Antwort. «Sie bitten mich, Ihnen eine konkretere Erklärung des Juche-Denkens zu geben. Aber wenn ich das tun würde, kämen wir nie zu einem Ende.

Die ganze Politik und die Grundsätze unserer Partei entspringen dem ­Juche-Denken und verkörpern es. Es ist keine Theorie um der Theorie willen. Um Juche zu verstehen, muss man die Politik unserer Partei und die Realitäten unseres Landes genau studieren.» Das ziemlich nichtssagende Interview wurde im Nachhinein zum Beginn des erneuerten «Menschen-orientierten Juche-Denkens» erklärt. Unbeantwortet blieb dabei auch die Frage, warum Kim die Erneuerung seiner Ideologie im Gespräch mit zwei japanischen Reportern bekannt gemacht haben sollte – seinem eigenen Volk aber vorenthielt.

Ein Sich-im-Kreis drehen, ohne Explizites zu ­sagen, sei typisch für die Juche-Schriften, stellt der Nordkorea-Experte Brian Reynolds Myers, der an der Dongseo-Universität in Busan lehrt, in seinem Buch «North Korea’s Juche Myth» fest. Myers hat in seiner Studie «The Cleanest Race» vor einigen Jahren bereits Licht auf den Personenkult und die Binnenpropaganda Nordkoreas geworfen, nun seziert er dessen Pseudoideologie ebenso akribisch. Zu seinen Quellen gehören auch Berichte von Diplomaten sozialistischer Staaten Osteuropas, die sie an ihre Regierungen nach Europa schickten. Sie nahmen sowohl mit ihrem Zynismus über sozialistische Ideale wie auch ihrer Geringschätzung Kims kein Blatt vor den Mund. Ein rumänischer Diplomat meldete nach Hause, ein Funktionär habe ihm erklärt, wer die Nordkoreaner kenne, wisse, dass man nicht darauf achten müsse, was sie öffentlich sagten, sondern darauf, was sie täten. Der DDR-Botschafter klagte 1966 in einem Bericht nach Berlin, die Nordkoreaner verwendeten in Gesprächen mit Westlern einen andern Politcode, als wenn sie sich mit Vertretern sozialistischer Staaten unterhielten.

«Es interessierte Kim Il-sung auch nicht, was unter seinem Namen publiziert wurde.»Brian Reynolds Myers, Nordkorea-Experte

B. R. Myers’ Forschung bestätigt den Eindruck des DDR-Diplomaten. Weiter unterscheidet Nordkoreas Propaganda auch einen «inner track» der Propaganda und einen «outer track». Neun von zehn Reden und Publikationen über Juche richten sich nach aussen, die Binnenpropaganda brauchte den Begriff Juche kaum.

Dabei, so Myers, habe Nordkorea Juche für den Westen mit attraktiven Schlagwörtern wie «Eigenständigkeit», «Autonomie» und «Sonderweg» schmackhaft gemacht. Die Texte seien jedoch bewusst diffus gehalten, damit sie niemand lesen möge. Das scheint gelungen zu sein, in den westlichen Medien kursieren alle möglichen Deutungen von Juche, aber niemand weiss wirklich, wovon er spricht. Juche sollte einst, schrieb ein ungarischer Diplomat nach Hause, die Voraussetzungen für eine auch für den Westen akzeptable Wiedervereinigung Koreas zu nordkoreanischen Konditionen schaffen.

Die ersten und ursprünglich wichtigsten Adressaten des Juche-Geredes war die südkoreanische Linke. 1991 liess sich Studentenführer Kim Young-hwan heimlich nach Nordkorea schmuggeln – Reisen nach Nordkorea sind Südkoreanern unter Strafe verboten, auch heute noch. In Pyongyang wurde er vom Grossen Führer empfangen. Kim hoffte, sein junger Besucher zettle im Süden einen Aufstand an. Aber der Student erinnerte sich später ernüchtert, ihm sei bald klar geworden, Kim ­Il-sung habe nichts von Juche gewusst. «Es interessierte ihn auch nicht, was unter seinem Namen publiziert wurde. Ich war unbeschreiblich enttäuscht, dass nicht einmal ein Minimum an theoretischer Diskussion möglich war.»

389 Stunden lang die göttlichen Kims

Juche ist in Nordkorea nie gelehrt worden, aber die angebliche Ideologie wird bis heute gefeiert. Je älter Kim wurde, umso abenteuerlicher wurden die Geschichten, wie diese «Philosophie» – «Koreas Beitrag zum Welt-Denken» – dem Jüngling Kim zugefallen sei. Das Konglomerat von Nationalismus, Rassismus und stalinistischen Hohlformeln wurde immer mehr mit dem Führerkult vermanscht, der Nordkorea bis heute dominiert. Er spiegelt den Kaiserkult der japanischen Kolonialmacht in ihrer militaristischen Zeit bis 1945.

1982 war auch der damalige Wiener Professor ­Alfred Pfabigan nach Pyongyang gereist, um Juche zu verstehen. Er kehrte mit dem Fazit zurück, für Europäer sei Juche ein «inhaltsloser Brei, der sich endlos wiederholt». Die «Zufälligkeit der Formeln» von Juche zeitigte unerwartete Vorteile für ihre propagandistische Nutzung. Fürs Ausland wird ­Juche auf Phrasen reduziert, die man aus den Schriften klauben kann. Etwa, «der Mensch ist der Herr aller Dinge», oder «unser Schicksal liegt in den Händen der Massen». In der Binnenpropaganda ­dagegen ist der Ideologienebel ganz im pseudoreligiösen Kim-Kult aufgegangen. Kim Jong-un erwähnt Juche in seinen Neujahrsansprachen nicht einmal mehr. Dafür müssen Nordkoreas Schüler in drei Jahren Oberschule, so der Lehrplan, 389 Stunden lang die Leben ihrer inzwischen drei Generationen göttlicher Kims studieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 15:03 Uhr

Manöver gefährden jüngste Entspannung

Die Olympischen Winterspiele haben die Stimmung auf der Koreanischen Halbinsel verbessert. Ob das Tauwetter anhält, ist ungewiss.

Nordkorea hat den USA am Montag gedroht, wenn sie die anlässlich der Olympischen Spiele in Pyeongchang verschobenen Manöver mit Südkorea Ende März doch durchführten, schütteten sie damit «kaltes Wasser auf die jüngste Entspannung». Auf Wunsch Seouls hatte Washington eingewilligt, die gemeinsamen Frühjahrsmanöver erst nach Abschluss der Paralympischen Spiele zu starten. Südkoreas Verteidigungsministerium will nun nicht mehr bestätigen, dass die Manöver überhaupt stattfinden. Aber Washington besteht darauf.

Zur Eröffnungsfeier der Spiele hatte Diktator Kim Jong-un seine Schwester Kim Yo-jong und das nominelle Staatsoberhaupt Kim Yong-nam in den Süden geschickt. Der südkoreanische Staatspräsident Moon Jae-in empfing sie sehr freundlich. Der Besuch hat die Stimmung zwischen den beiden koreanischen Staaten massiv verbessert, zumindest für den Moment. Der junge Diktator bedankte sich dafür mit warmen Worten, wie man sie zwischen den beiden Ländern noch nicht gehört hat.

Am Montag jedoch warnte Nordkoreas Parteizeitung «Rodong Sinmun», das Risiko erneuter Spannungen wachse, «Washingtons strategische Waffen und massive Truppenverstärkungen kommen auf die Koreanische Halbinsel zu». Das Regime in Pyongyang fürchtet seit je, die Amerikaner könnten es gewaltsam stürzen – oder stürzen helfen –, zumal der frühere Vizepräsident Dick Cheney offen dazu aufgerufen hatte. Nach innen hält sich das Regime nur mit enormer Repression an der Macht, nach aussen mit den Atomwaffen, wie Kim glaubt. Wie mit seinen Atomwaffen verfolgt Kim auch mit seiner olympischen Charmeoffensive und überhaupt mit jedem seine Schritte primär ein Ziel: sich und seinem Regime die Macht zu erhalten. (nh)

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