Kasachischer Krimi

Er war einer der einflussreichsten Männer Kasachstans. Jetzt sitzt Rachat Alijew in Wien in Untersuchungshaft. Er muss sich demnächst wegen mehrfachen Mordes vor Gericht verantworten.

Mit Astana, übersetzt die «Hauptstadt», hat sich Kasachstans Diktator Nursultan Nasarbajew selbst ein Monument gesetzt. Foto: Francesco Cocco (Dukas)

Mit Astana, übersetzt die «Hauptstadt», hat sich Kasachstans Diktator Nursultan Nasarbajew selbst ein Monument gesetzt. Foto: Francesco Cocco (Dukas)

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Die kasachische Polizei muss tief graben: Die Blechfässer mit den Überresten zweier menschlicher Körper liegen vier Meter unter der Erde. Ihre Knochen sind gebrochen und um die Hälse hängen Drahtschlingen, die auf Tod durch Strangulieren hinwiesen. Weil die Leichen chemisch behandelt sind, bringt erst eine DNA-Analyse an der Berliner Charité Gewissheit: In den Fässern liegen die Überreste von Scholdas Timralijew und Ajbar Chasenow, zweier Manager der kasachischen Nurbank, die Ende ­Januar 2007 spurlos verschwanden.

Es dauert nicht lange, bis die Ermittler nach dem Leichenfund im Mai 2011 einen Tatverdächtigen identifizieren: Rachat Alijew, Gründer und Mitbesitzer der Nurbank sowie (damals noch) Schwiegersohn des Diktators Nursultan Nasarbajew. Alijew soll die beiden Manager am Tag ihres Verschwindens in der Bankzentrale in der kasachischen Hauptstadt Astana getroffen und vor der Ermordung mehrere Tage als Geiseln gehalten haben. Vernehmen können die kasachischen Ermittler den Oligarchen allerdings nicht. Alijew setzt sich nach Österreich ab und ist hier lange vor dem kasachischen Auslieferungsbegehren sicher. Der heute 52-Jährige beteuert seine Unschuld. Er behauptet, unschuldig ­Opfer einer politischen Intrige in seiner Heimat geworden zu sein. Mit dem Mord in Astana habe er nichts zu tun.

Ein Monsterprozess steht bevor

Die Staatsanwaltschaft Wien glaubt dieser Beteuerung heute nicht mehr. Im Juni 2014 wird Alijew am Wiener Flughafen verhaftet, seither sitzt er gemeinsam mit zwei kasachischen Mitverdächtigen in Untersuchungshaft. Weil Kasachstan nicht als Rechtsstaat gilt, soll Alijew in Österreich vor Gericht gestellt werden. Die Anklage lautet auf Erpressung, Freiheitsentzug, schwere Nötigung und Mord. Der Prozess soll im April beginnen, könnte aber auf Mai verschoben werden, weil ein Mitangeklagter Einspruch gegen die Anklage erhoben hat.

Es verspricht eines der grössten ­Strafverfahren in der österreichischen Justizgeschichte zu werden. Die Staats­anwaltschaft will sechs Sachverständige und 80 kasachische Zeugen vorladen. Befragungen per Videokonferenzen wären einfacher und billiger, doch Alijews ­Verteidigung wird Einspruch dagegen ­erheben. Kasachstan sei eine Diktatur, Zeugen könnten unter Druck gesetzt ­werden, argumentiert Verteidiger Stefan Prochaska: «Das wird eine Probe für den Rechtsstaat.» Ob Video oder live: Alle Befragungen müssen aus dem Russischen oder Kasachischen übersetzt werden.

Im Prozess wird es nicht nur um einen der einst mächtigsten Männer Zentralasiens gehen, der zu weit nach oben wollte und von seinem Clan fallen gelassen wurde. Es wird auch um die Rolle österreichischer Politiker gehen, die den Oligarchen im Exil schützten. Es wird um rechtsstaatliche Prinzipien und um sehr viel Geld gehen. Zehn Anwälte sind mit Alijews Verteidigung in Österreich befasst. Auf der anderen Seite gibt die kasachische Regierung Millionen Euro aus, um in Österreich Stimmung gegen den Angeklagten zu machen.

Der geopferte Schwiegersohn

Wer ist er eigentlich? Rachat Muchtaruly Alijew wird 1962 in Alma-Ata geboren. Seine Familie gehört zur kasachischen Nomenklatur, der Vater ist ein prominenter Chirurg und Minister der Kasachischen Sowjetrepublik. Auch der junge Rachat studiert Chirurgie, wählt dann aber den Staatsdienst und steigt nach Zerfall der Sowjetunion im unabhängigen Kasachstan zum Leiter der Steuerfahndung und Vizechef des Geheimdiensts auf. Daneben verdient er mit ­eigenen Unternehmen prächtig. Das ­Leben, sagt er später einmal, «gab mir die Möglichkeit, mich zu entwickeln».

Tatsächlich bekommt er die Möglichkeiten zum Geldscheffeln von seinem Schwiegervater Nursultan Nasarbajew: Alijew ist seit den 80er-Jahren mit der ältesten Präsidententochter Dariga verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und kontrolliert neben dem Zoll noch eine Bank, Fabriken, Fernsehstationen und Zeitungen. Alijew wird als Nachfolger Nasarbajews gehandelt, denn der Präsident hat drei Töchter, aber keinen Sohn. Anderen Oligarchen ist er aber bald zu mächtig. Sie gründen eine Oppositionspartei und streuen das Gerücht, Alijew plane einen Putsch. Der Präsident lässt die Opposition zerschlagen, opfert aber auch den Schwiegersohn.

Alijew wird 2002 auf den Botschafterposten nach Wien abgeschoben. Hier lobbyiert er nicht nur für Kasachstans Präsidentschaft bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die sie 2010 tatsächlich erhält. Er knüpft auch Kontakte zu Politikern der beiden grossen Parteien ÖVP und der SPÖ und überweist deren Unterorganisationen grosszügig Spenden. Die Kontakte sollen ihm später nützlich werden.

Comeback und Abstieg

2005 bekommt Alijew von Schwiegervater Nasarbajew eine zweite Chance und kehrt als Vizeaussenminister in die Heimat zurück. Aber bald hat er wieder Streit, diesmal mit dem zweiten Schwiegersohn des Präsidenten, Timur Kulibajew. Der würde auch gerne einmal Präsident Nasarbajew beerben. Ein Mordanschlag, dem ein Oppositionspolitiker, dessen Fahrer und Leibwächter zum ­Opfer fallen, macht die Familienfehde öffentlich: Die beiden Schwiegersöhne und ihr Anhang beschuldigen einander gegenseitig, die Tat in Auftrag gegeben zu haben. Der Kulibajew-Clan gewinnt die Gunst des Präsidenten. Der unaufhaltsame Abstieg Alijews beginnt.

Dieser wird durch die Affäre um die Nurbank besiegelt: Im Januar 2007 übernehmen Alijew, sein Vater und sein damals 22-jähriger Sohn Nurali die Kontrolle über die Bank. Mehrere Manager, unter ihnen die späteren Mordopfer Timralijew und Chasenow, werden von ihm verdächtigt, Bankvermögen veruntreut zu haben. Die Ehefrauen der Ermordeten behaupten, ihre Männer seien durch Folter gezwungen worden, ihre Bankanteile und das Business Centre Ken Dala an Alijew zu übertragen. Am 31. Januar werden die Manager zu einer Besprechung in die Bank gebeten und verschwinden. Timralijew meldet sich ein paar Tage später telefonisch bei seiner Frau. Er habe geklungen, als würde er unter starkem Druck stehen, erklärt sie den Ermittlern später.

Die Banker bleiben verschwunden, erst vier Jahre später werden ihre Leichen gefunden. Alijew wird derweil erneut als Botschafter nach Wien versetzt. Die Abreise aus Kasachstan am 9. Februar 2007 kommt überraschend. Alijew erklärt, er müsse die Verhandlungen um den kasachischen OSZE-Vorsitz ankurbeln. Vermutlich ahnt er, dass er Nasarbajews Sympathie verspielt hat. Im Mai 2007 wird er als Botschafter abgesetzt, wenig später lässt sich Präsidententochter Dariga scheiden. Die kasachische Staatsanwaltschaft erlässt einen Haftbefehl, ein Jahr später wird Alijew in Abwesenheit wegen Bildung einer mafiösen Organisation und Planung eines Staats­streichs zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Alijew fühlt sich in Österreich vorerst jedoch in Sicherheit. Er hat Freunde in wichtigen Positionen. Innert weniger Tage erhält der Kasache eine Aufent­haltsbewilligung in Niederösterreich. Als Adresse gibt er die Wohnung seines damaligen Anwalts Wolfgang Brandstetter an, der jahrelang erfolgreich die Auslieferung seines Mandanten nach Kasachstan verhindert. Die österreichische Justiz sieht ein faires Verfahren in Alijews Heimat nicht gewährleistet. Brandstetter gibt das Mandat 2011 ab, den Fall wird er aber nicht los: 2014 macht ihn die ÖVP zum Justizminister und in dieser Funktion müsste er nun über eine Anklage gegen seinen Ex-Mandanten entscheiden. Er erklärt sich für befangen und überlässt den Entscheid einem Expertenrat.

Ein bestens vernetzter Anwalt

In Österreich wird Alijew jetzt von Manfred Ainedter verteidigt, der als Anwalt von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser bekannt wurde. Mit Grasser verbindet Alijew auch ein Faible für Briefkastenfirmen in Liechtenstein. Er soll Millionen von Euro über das Fürstentum verschoben haben. Ein einstiger kasachischer Regierungschef behauptet, Alijew besitze Firmen und Immobilien im Wert von 300 Millionen Euro in Griechenland, Frankreich, Deutschland und auf Malta. In Wien beteiligt sich eine Firma Alijews an einem Prestigeprojekt der roten Stadtregierung – dem Umbau des alten Schlachthofs zum Medienquartier. Die Staatsanwaltschaft ermittelt ­wegen Verdachts auf Geldwäscherei.

Nachdem die sterblichen Überreste der ermordeten Manager entdeckt worden sind, wird es Alijew in Österreich zu heiss. Mit seiner zweiten Frau und unter ihrem Namen, Shoraz, setzt er sich nach Malta ab. Die österreichische Staats­anwaltschaft beginnt nun, ernsthaft zu ermitteln und vernimmt kasachische Zeugen per Videokonferenzschaltung.

Kasachstan vertraut dem österreichischen Rechtsstaat nicht: Drei Versuche, Alijew zu entführen, werden unternommen. Die österreichische Polizei vermutet dahinter den kasachischen Geheimdienst, der direkt dem Präsidenten untersteht. Ein Wiener Polizist, der geheime Informationen an einen kasachischen Spion weitergegeben hat, wird wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Die Witwen der getöteten Manager gründen einen Verein namens Tagdyr (Schicksal), der in Österreich für Alijews Auslieferung wirbt. Auch hinter diesem Verein vermutet die Verteidigung den Geheimdienst Kasachstans. Ein Wiener Gericht erkennt dafür aber «keinen Anhaltspunkt».

Die Witwen der Mordopfer werden in Österreich von einem prominenten Anwalt vertreten: Gabriel Lansky ist mit Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer von der SPÖ befreundet, der heute Berater von Präsident Nasarbajew ist. Recherchen des Nachrichtenmagazins «Profil» zufolge hat der Anwalt von 2009 bis 2012 von den Kasachen 14,4 Millionen Euro erhalten. Seine Kanzlei beauftragte eine PR-Agentur mit einer Negativkampagne: Mitarbeiter schrieben in Leserforen grosser Medien unter Pseudonymen Tausende Kommentare gegen Alijew und forderten eine strenge Bestrafung. Lansky verteidigte das im Magazin «Datum» als «objektive Information»: Alijew verhöhne seine Opfer, «dagegen haben wir uns zu wehren».

Weitere mysteriöse Todesfälle werden mit Alijew in Verbindung gebracht: Eine kasachische TV-Moderatorin, die angeblich Verbindungen zur Nurbank hatte, fiel in Beirut aus einem Fenster. Ein Zeuge starb kurz vor seiner Aussage bei einem Autounfall. Zufall? Verschwörung? Die Wahrheit wird für den Staatsanwalt nicht leicht zu finden sein. Lobbyisten beider Seiten zaubern immer mehr vermeintliches Beweismaterial aus dem Hut, die Anwälte feinden einander an, und selbst in der Polizei gibt es angeblich zwei Lager – pro und kontra Alijew. Bislang letztes Kapitel der Tragödie: Zwei Mithäftlinge Alijews sollen in der Untersuchungshaft versucht haben, den prominenten Kasachen zu erpressen.

Alijews Kinder haben sich von ihm losgesagt und klettern auf der Karriereleiter in Kasachstan immer höher. Sohn Nurali steht auf der Liste der reichsten Kasachen nur noch knapp hinter seiner Mutter Dariga. Er gilt als Lieblingsenkel des Präsidenten und kann sich heute – wie einst sein Vater – Hoffnung auf ­Nasarbajews Erbe machen.

Erstellt: 27.01.2015, 19:37 Uhr

Rachat Alijew 2005 mit Gattin Dariga, der Präsidententochter. Foto: Reuters

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