Hintergrund

«Kim Jong-un kann höchstens einen Blumenstrauss schicken»

Die gegenseitigen Provokationen von Nordkorea und den USA halten an. Am US-Fernsehen werden sogar Kriegsszenarien diskutiert. Was ist davon zu halten?

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Das Säbelrasseln in Pyongyang und Washington dauert an. «Wir wären darüber nicht erstaunt», sagte Obamas Sprecher Jim Carney zur Frage, ob Nordkorea womöglich eine Rakete starten werde. Laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap soll Nordkorea zwei Mittelstrecken-Raketen an die Ostküste verlegt haben. Pyongyang habe die Raketen Anfang der Woche per Zug zur Küste gebracht und sie auf mobilen Abschussrampen installiert. Ob dies überhaupt stimmt, ist ungewiss. Gemäss CNN solle ein nicht genauer bezeichneter US-Behördenvertreter dem Nachrichtensender gegenüber gesagt haben, die vorliegenden Geheimdienstinformationen seien nicht eindeutig.

Abgesehen von der mutmasslichen Raketenstationierung beschränken sich die nordkoreanischen Provokationen vornehmlich auf verbale Drohungen. Trotzdem aber liess es sich CNN nicht nehmen, ein konkretes Kriegsszenario zu diskutieren.

Angriff aus dem Schatten der Berge

James Marks, ein pensionierter US-General erklärte mithilfe eines virtuellen Modells, wie Nordkorea den Süden angreifen würde: Mit Artillerie und Raketen würde die nordkoreanische Armee den Süden beschiessen, und zwar aus dem Schatten der Berge an der Grenze zu Südkorea – so dass die Angriffe schwer zu erkennen wären. Darauf folgten U-Boot- und Luftangriffe; auch könnte der kommunistische Staat schlafende Agenten im Süden wecken. Die USA, so Marks, würden im Gegenzug bei ersten Anzeichen eines Angriffs mehrere Flugzeugträger in die Region bringen. Als erstes würden die US-Streitkräfte mit der Luftwaffe die angreifenden nordkoreanischen Artillerie- und Raketenbatterien ausschalten, danach erst die Luftabwehr und schliesslich die militärischen Kommandostellen Nordkoreas.

Was ist von dem beängstigenden Szenario zu halten? Der international anerkannte Raketenexperte Robert Schmucker hält die angebliche Verlegung zweier Mittelstreckenraketen an Nordkoreas Ostküste für wenig bedrohlich. «Das ist so bedeutungslos, wie alles andere vorher», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Wir reden über eine nicht existierende Gefahr. Nordkorea verfügt ja weder über Langstreckenraketen, noch Nuklearwaffen, noch einen Wiedereintrittskörper.»

Zahl der Raketen umstritten

Schmucker ist der Meinung, dass Nordkorea über nur «ganz wenige» operative Mittelstreckenraketen verfügt. Als das nordkoreanische Regime vor einem Jahr bei einer Militärparade mit mächtigen Raketen vorfuhr, legte Schmucker dar, wieso es sich dabei um schlecht gemachte, leicht zu erkennende Attrappen handeln müsse.

Die tatsächliche Zahl der funktionstüchtigen Raketen in nordkoreanischen Händen ist umstritten. Unbestritten scheint, dass die nordkoreanischen Streitkräfte über Artillerieraketen sowjetischen Ursprungs verfügen. Weil deren Zerstörungspotential und Reichweite aber eher gering ist, konzentriert sich das Interesse vor allem auf die Mittel- und Langstreckenraketen. Diese bestehen aus drei Gruppen:

  • Verschiedene Varianten der ursprünglich sowjetischen Scud-Rakete. Diese Raketenmodelle verfügen über Reichweiten von etwa 500 Kilometern. Schätzungen über die Zahl der Raketen liegen vorwiegend aus US-amerikanischen Quellen vor. Das Forschungsinstitut James Martin Center for Nonproliferation Studies beziffert unter Berufung auf den privaten Informationsdienst Jane's die Zahl von Scud-Varianten auf über 600. Eine Studie für den ebenfalls US-amerikanischen Informationsdienst Rand schätzt die Zahl der verfügbaren Raketen aber generell als sehr viel tiefer ein. Bei den Scud-Varianten nennt die Studie die Zahl von ungefähr 100 Raketen.

  • Über eine grössere Reichweite von 900 bis vielleicht sogar 1300 Kilometer verfügen die Nodong-Raketen (auch Rodong geschrieben). Die Schätzungen über deren Anzahl gehen auch hier auseinander und reichen von unter 50 bis zu über 200.

  • Die grössten Reichweiten sollen zwei in Nordkorea entwickelte Raketen aufweisen: Die Taepodong (bis zu 10'000 Kilometer) und Musudan (bis zu 4000 Kilometer) reichen. Ob Nordkorea aber einsatzfähige Raketen dieser Typen aufweist, ist ungewiss. Die Schätzungen reichen von null bis zu «weniger als 50».

«Ich kann darüber nur lachen»

Darüber hinaus hält Schmucker aber auch die vergangenen Tests von Langstreckenraketen nicht für beeindruckend. Im Gegenteil findet er, ihre Zahl belege, wie wenig ausgereift das nordkoreanische Raketenprogramm sei. «Die Nordkoreaner interessieren sich seit Anfang der 90er Jahre für Langstreckenraketen. Nun haben sie in 20 Jahren gerade einmal vier oder fünf Tests durchgeführt, wovon einer erfolgreich war.»

Schmucker hält denn auch das von CNN durchgespielte Kriegsszenario für sinnlos. «Ich kann darüber nur lachen. Da gibt es ja nicht viele Möglichkeiten: Raketen von Nordkorea nach Südkorea fliegen von Norden nach Süden. Die anderen kommen dann von allen Seiten geflogen.»

«Wer verbale Attacken reitet, hat Angst»

Dass der junge Diktator Kim Jong-un eines Tages eine seiner Drohungen tatsächlich wahr machen könnte, stellt Schmucker in Abrede. «Der wird sich hüten anzugreifen. Dieser Junge will doch ein schönes Leben haben». Schmucker vergleicht die nordkoreanischen Drohungen mit jenen der Hamas gegenüber Israel. «Wie oft hat die Hamas schon gedroht, Israel mit Blut zu überziehen. Was ist passiert? Nur Drohungen und einige Raketenschüsse, die schlimm genug sind, Israels Existenz aber nicht gefährden können, ansonsten nichts. Wer verbale Attacken reitet, hat Angst.»

Verschiedentlich geäussert wurde die Vermutung, der Konflikt zwischen Nordkorea auf der einen und Südkorea und den USA auf der anderen Seite könnte aus Versehen eskalieren. Auch dies hält Schmucker für unwahrscheinlich. «Wenn der eine nichts hat, kann er ja nicht schiessen. Dann kann er höchstens einen Blumenstrauss schicken».

Schmucker äussert Verständnis für die Reaktion der USA. «Es ist die richtige Lösung, um zu sagen: ‹Wir sind vorbereitet.›» Es sei ein Unterschied, ob er als Professor zu seinen Studenten spreche, oder ob ein Präsident zu seinen Staatsbürgern. «Ich sage: ‹Der Normalbürger braucht keine Angst zu haben.› Der Staatschef hingegen sagt: ‹Ich möchte nicht dastehen und sagen müssen, dass ich eine Fehleinschätzung gemacht habe.›»

Ex-General hält begrenzte Angriffe für möglich

Allzu ernst scheint es übrigens auch CNN mit dem Kriegsszenario nicht zu meinen: Der Moderator wies zu Beginn der Sendung daraufhin, dass die meisten Experten einen Angriff Nordkoreas für ausgeschlossen hielten. Auch der befragte ehemalige General sagte zu seinem eigenen Szenario: «Das wird so nicht passieren». Allerdings: Begrenzte Angriffe wie in der Vergangenheit halte er durchaus für wahrscheinlich.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen sda und AFP. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2013, 16:24 Uhr

Robert Schmucker ist Professor am Institut für Raumfahrt der Technischen Universität in München. Schmucker war Mitglied eines UNO-Inspektionsteams im Irak und ist Inhaber eines Beratungsbüros. (Bild: TU München)

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