Kim Jong-un verschont seine Tante

Sie galten als mächtigstes Paar Nordkoreas: Jang Song-thaek und Kim Kyong-hui. Nachdem Kims Onkel hingerichtet wurde, erhält dessen Frau nun einen wichtigen Posten. Damit dürfte noch keine Ruhe einkehren.

Ist die Schwester des verstorbenen Machthabers Kim Jong-il: Kim Kyong Hui (links im Bild) während einer Militärparade an der Seite von Kim Jong-un (rechts). (25. Juli 2013)

Ist die Schwester des verstorbenen Machthabers Kim Jong-il: Kim Kyong Hui (links im Bild) während einer Militärparade an der Seite von Kim Jong-un (rechts). (25. Juli 2013) Bild: Reuters

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Nach der Hinrichtung eines Onkels von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un behält dessen Tante offenbar ihren Einfluss im Staatsapparat. Wie die amtliche Nachrichtenagentur KCNA gestern am späten Abend berichtete, wurde sie zum Mitglied des wichtigen Komitees für Staatsbegräbnisse ernannt. Aus Südkorea verlautete, die Führung in Pyongyang habe zahlreiche nordkoreanische Geschäftsleute aus China in die Heimat zurückbeordert.

Kim Kyong Hui ist die Schwester von Kims im Dezember 2011 verstorbenem Vater und Staatschef Kim Jong-il. Ihr Mann Jang Song Thaek war am Donnerstag nach einem kurzen Militärprozess wegen Landesverrats hingerichtet worden. Die Tante war in den vergangenen Jahren weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie galt als schwer krank und soll in Singapur medizinisch behandelt worden sein.

Laut KCNA wirkt die Tante im Beerdigungskomitee nun an der Seite von Armeechef Jang Jong Nam und dem ebenfalls beim Militär tätigen Kim-Vertrauten Choe Ryong Hae. Sie und ihr Mann galten lange Zeit als das mächtigste Paar Nordkoreas, sollen aber zuletzt getrennt gelebt haben. Der 67-jährige hingerichtete Onkel hatte eine wichtige Rolle dabei, den unerfahrenen Kim als Nachfolger für seinen verstorbenen Vater aufzubauen.

Vorwurf: Devisen verprasst und Drogen konsumiert

Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete, zahlreiche nordkoreanische Geschäftsleute seien aus China zurückbeordert worden. Dabei gehe es darum, ihre Verbindungen zu dem hingerichteten Onkel zu untersuchen. Diesem war vorgeworfen worden, im Ausland Devisen verprasst und Drogen konsumiert zu haben. Über seine Festnahme und seine Hinrichtung berichteten die Staatsmedien ausführlich.

Am Freitag wurde ein Foto veröffentlicht, das den Onkel vor seiner Verurteilung vor dem Militärgericht zeigte. Er war darauf zwischen zwei Uniformierten in gebückter Haltung und in Handschellen zu sehen. Im Gesicht und an den Händen hatte er blaue Flecken. Bereits von seiner Festnahme war ein Bild verbreitet worden, auf dem zu sehen war, wie er aus einem offiziellen Treffen heraus abgeführt wurde.

Die nordkoreanischen Staatsmedien setzten indes ihre Kampagne fort, Kim als unanfechtbaren Staatslenker darzustellen. Die Tageszeitung «Rodong Sinmun» verbreitete gestern ein Farbfoto Kims, auf dem er gelassen die Hände in den Taschen hielt. In der Zeitung kam ein Arbeiter zu Wort, der sein Bedauern darüber äusserte, dass der Onkel nicht «wie ein Hund» auf eine Baustelle gezerrt und bei lebendigem Leib einbetoniert worden sei.

Nordkorea fühlt sich erneut vom Süden provoziert

Die US-Regierung warnte das abgeschottete Nordkorea vor «provokativen Handlungen». Die Hinrichtung des Onkels sei ein «unglaublich brutaler» Vorgang, der in die «schreckliche» Bilanz der Menschenrechtsverletzungen des Landes eingehe, sagte Aussenamtssprecherin Marie Harf. Washington werde nach diesem Vorfall die Gespräche mit den «Verbündeten und Partnern in der Region» verstärken.

Die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye hatte im Zusammenhang mit den Vorgängen in Nordkorea zuletzt von einem «Terrorregime» gesprochen. Das Verteidigungsministerium kündigte erhöhte Wachsamkeit an. Dies wiederum nannte Pyongyang heute eine «inakzeptable Provokation» gegenüber «unserer ehrbaren Führung». Für morgen berief Park südkoreanische Sicherheitsverantwortliche zu einer Sitzung zusammen.

Konsequenzen der Hinrichtung noch unklar

Welche Folgen die Beseitigung des zweitmächtigsten Mannes im Lande haben wird, ist noch nicht abzuschätzen. Beobachter sind sich uneins, ob die Hinrichtung auf Unruhen in den höchsten Kreisen der Macht hindeutet oder sie könnte ein Signal sein, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un seine Macht mit einer Demonstration der Stärke konsolidiert.

«Wenn er so weit gehen muss, Jang zu entfernen und hinzurichten, zeigt das, dass nicht alles normal ist», sagt Victor Cha, ein früherer Berater der US-Regierung mit Schwerpunkt Asienpolitik. Weitere Hinrichtungen könnten folgen. «Wenn man Jang entfernt, dann entfernt man nicht nur eine Person, man entfernt Hunderte Menschen in dem System. Das muss weitere Auswirkungen haben.»

Für den Sicherheitsexperten vom Nationalen Institut für Politische Studien in Tokio, Narushige Michishita, hat Kim Jong-un gezeigt, dass er bereit ist, seine Macht zu verteidigen: «Das hat seinen Machtwillen demonstriert, seine Bereitschaft, alles und jeden auszuräumen, der ihm im Weg steht.» Einen ersten Eindruck davon, wie es in Nordkorea weitergeht, kann sich die internationale Gemeinschaft in der kommenden Woche machen, wenn am Dienstag der zweite Todestag von Kim Jong-il begangen wird.

Wichtige Verbindung zu China fällt weg

Eine weitere Frage ist, wie sich die Hinrichtung auf die Beziehungen Nordkoreas zu China auswirkt, dem einzigen grösseren Verbündeten des Landes. Angesichts der Unwägbarkeiten der derzeitigen Lage hat sich die Regierung in Peking bisher zurückhaltend geäussert und die Hinrichtung als innere Angelegenheit Nordkoreas bezeichnet.

«Das ist wie bei einem Gasleck», erklärt der Experte für Nordostasien an der Universität von Sydney, Jingdong Yuan. «Man ist sehr, sehr vorsichtig, um keine Funken zu verursachen.» Gleichzeitig werde China wohl seine Pläne für eine mögliche Instabilität in Nordkorea oder sogar einen Sturz des Regimes überarbeiten. In einem solchen Fall würden Tausende Flüchtlinge nach China strömen, die nordkoreanischen Atomanlagen wären ungesichert, die USA und Südkorea könnten militärisch eingreifen. «Das ist keine willkommene Entwicklung für China.»

Jang unterhielt für Nordkorea wichtige Verbindungen zu China. Er unterstützte Reformen nach chinesischem Vorbild, um die nordkoreanische Wirtschaft zu beleben. So traf er sich mit chinesischen Delegierten bei ihren Besuchen in Pyongyang und reiste 2012 mit einer grossen Abordnung nach Peking, um über den Aufbau von Sonderwirtschaftszonen zu beraten.

Deutliche Kritik an Nordkorea

Mit Jangs Hinrichtung sind die ohnehin geringen Einflussmöglichkeiten Pekings in Nordkorea weiter geschwunden. China ist zwar der wichtigste Verbündete und ein entscheidender Handelspartner, trotzdem ist es dem Land bisher nicht gelungen, Pyongyang zur Wiederaufnahme der internationalen Verhandlungen über sein Atomprogramm zu bewegen. Gleichzeitig ist Peking an Stabilität entlang seiner Grenze interessiert und will deshalb auch nicht zu hart mit dem Nachbarn umgehen.

Jangs Hinrichtung kommt zu einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen China und Nordkorea ohnehin schwierig sind. Während Kims Vater wiederholt nach China reiste, hat der neue Staatschef sein Land seit der Amtseinführung nicht verlassen. Er ignorierte wiederholt Aufforderungen aus Peking, auf Raketen- und Atomtests zu verzichten. Die chinesische Regierung äusserte daraufhin ungewöhnlich deutliche Kritik und unterstützte eine Verschärfung der UNO-Sanktionen gegen Nordkorea, was wiederum eine ärgerliche Reaktion aus Pyongyang nach sich zog.

«Derzeit können wir nur spekulieren»

Unmittelbar sind aber wohl keine grösseren Veränderungen in den Beziehungen beider Staaten zu erwarten. Ein Beobachter der nordkoreanischen Regierung, Wang Junsheng von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, erklärte, das Verhältnis werde möglicherweise sogar gestärkt. «Kim hat die Konsolidierung seiner Macht abgeschlossen und muss keine drastischen Veränderungen in der Aussenpolitik vornehmen», erklärte er. Jang sei von gar nicht so grosser Bedeutung gewesen, er habe lediglich Ratschläge angeboten und Politik umgesetzt.

Mit seiner zurückhaltenden Reaktion will Peking womöglich auch verhindern, dass einige von Jangs prochinesischen Verbündeten ebenfalls aus der Regierung entfernt werden. Derzeit weiss die chinesische Regierung genauso wenig wie die in Washington oder Südkorea, wie Kim zu weiteren wirtschaftlichen Reformen steht: ob er sie als Stärkung seiner Macht einschätzt oder sie als Gefahr betrachtet, weil sie Vergleiche mit ausländischen Volkswirtschaften ermöglichen.

«Ich glaube nicht, dass die wirtschaftlichen Beziehungen Nordkoreas zu China beeinträchtigt werden wegen dieses Zwischenfalls», erklärte die Nordkorea-Expertin Fang Xiuyu von der Fudan-Universität in Shanghai. «Aber derzeit können wir nur spekulieren.»

Wirtschaftskurs soll beibehalten werden

Nordkorea betont, dass der Kurs der Wirtschaftspolitik fortgesetzt werden soll. Die Exekution von Jang Song-thaek, der eine Schlüsselrolle für die wirtschaftliche Ausrichtung des kommunistischen Landes gespielt hatte, dürfe nicht als Abkehr vom bisherigen Kurs verstanden werden, sagte Yun Yong-sok, ein ranghoher Beamter im staatlichen Komitee für wirtschaftliche Entwicklung, heute der Nachrichtenagentur AP. Demnach will sich Nordkorea auch künftig um ausländische Investitionen bemühen.

Dafür sollten neue Wirtschaftszonen entwickelt werden, sagte Yun. Ausländische Firmen oder Finanzmittel zu gewinnen ist entscheidend für die Pläne von Machthaber Kim Jong Un, um den Lebensstandard der Bevölkerung in dem verarmten Land zu heben. Allerdings zeigt die Führung in Pyongyang keinen Willen, ihr Atomwaffenprogramm aufzugeben, um damit ein Ende der Wirtschaftssanktionen zu ermöglichen. (rbi/sda/AFP/AP)

Erstellt: 15.12.2013, 15:25 Uhr

Gnade für die Tante, Tod für den Onkel: Kim Jong-un hat seinen Machtwillen in voller Härte demonstriert. (Video: Reuters )

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