Kleine Schritte, grosse Gesten

Alles am Treffen zwischen Kim Jong-un und Moon Jae-in war vom ersten Handschlag an festgelegt. Doch dann halten die beiden sich nicht ans Protokoll.

Kamen sich näher: Nordkoreas Kim Jong-un und Südkoreas Moon Jae-in nach der Unterzeichnung der Deklaration im «Haus des Friedens» in Panmunjom. Foto: Getty Images

Kamen sich näher: Nordkoreas Kim Jong-un und Südkoreas Moon Jae-in nach der Unterzeichnung der Deklaration im «Haus des Friedens» in Panmunjom. Foto: Getty Images

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Kim Jong-un und Moon Jae-in begannen den Nachmittag ihres Gipfels im Waffenstillstandsdorf Panmunjom mit dem Pflanzen einer Kiefer. «Wir Nordkoreaner mögen Kiefern, weil sie auch im Winter grün sind», sagt Kim. «So sollten auch die Beziehungen beider Korea werden.» Moon stimmte ihm zu.

Anschliessend war an diesem lauen Frühlingstag ein kurzer Spaziergang vorgesehen. Mit ernsten Gesichtern, der Machthaber Nordkoreas etwas steif wippend, sein Gastgeber, der südkoreanische Präsident, lockerer, schlenderten sie nur zu zweit über eine Fussgängerbrücke. Sie setzten sich auf eine Bank, Tee stand bereit. Unplanmässig blieben sie dort eine halbe Stunde sitzen, nur Moon nahm einen Schluck Tee. Von der Gestik her zu urteilen, versuchte er, Kim von etwas zu überzeugen. Dieser schien freundlich Einwände geltend zu machen, hörte aber intensiv zu. Einige Male lachte er erlöst. Sollte an diesem Treffen jenseits der wichtigen Symbolik und der Beschlüsse, die etwa so zu erwarten waren, tatsächlich Geschichte geschrieben worden sein, dann in diesem Vieraugengespräch unter einer Gartenbank. Als Kim und Moon aufstanden, wirkten sie entspannter. Sie entschuldigten sich bei den Helfern und Fotografen, dass sie sie so lange hatten warten lassen.

Sprungbrett für Trump-Gipfel

In die «Erklärung von Panmunjom», die Kim und Moon danach unterzeichneten, kann ihr Gespräch noch nicht eingeflossen sein. Sie war bereits formuliert. Zur Atomfrage heisst es in der Erklärung bloss, die beiden Seiten hätten sich auf eine «komplette Denuklearisierung» geeinigt. Ohne klar zu sagen, ob sie damit Nordkorea oder die ganze Welt meinen. Auch das Wort «verifizierbar» fehlt. Der japanische Politologe Narushige Michi­shita meint allerdings, Moon überlasse den Durchbruch in dieser Frage bewusst Donald Trump, damit der US-Präsident diesen Erfolg für sich reklamieren könne. Der innerkoreanische Gipfel bildete demnach für die Nuklearfrage das Sprungbrett zum Trump-Gipfel. «Moon ist gewieft, er weiss genau, dass er Trumps Ego massieren muss, um seine Ziele zu erreichen», so ein Korea-Experte, der nicht namentlich genannt werden möchte.

In der gemeinsamen Erklärung verpflichten sich die beiden Korea ferner, die Teilung und Konfrontation auf der Halbinsel zügig zu überwinden. Sie wollen alle feindlichen Aktivitäten an der Grenze stoppen und einen Friedensvertrag vorbereiten, mit dem die Folgen des Kalten Krieges überwunden werden sollen. Die «Demilitarisierte Zone» soll eine «Zone des Friedens» werden. Für die Vorbereitung eines Friedensvertrags regen sie Dreiparteiengespräche mit den USA und Vierparteiengespräche auch noch mit China an.

Die Atomfrage hat für Moon, dessen Partei für die Kommunalwahlen im Juni Erfolge braucht, innenpolitisch wenig Priorität. Bei älteren Wählern holt er Punkte mit Phrasen wie, Süd und Nord «wollen die Blutsbande ihrer Nation wieder knüpfen». Und damit, dass die innerkoreanischen Beziehungen auf allen Ebenen neu belebt werden. In einer kurzen Rede interpretierte Moon das auch als Wiederaufnahme der Briefpost, die seit 1953 unterbrochen ist. Ausserdem sollen Familien zusammengeführt und der Tourismus belebt werden. Für die Asienspiele dieses Jahr wird ein gesamtkoreanisches Team gebildet. Kim und Moon verpflichteten sich weiter, die Vereinbarungen der beiden früheren Korea-Gipfel zu realisieren, die nie umgesetzt oder sistiert wurden. In der Stadt Kaesong nördlich der Grenze schaffen die beiden Korea ein Verbindungsbüro. Kim sagte, er wolle künftig regelmässig mit Moon telefonieren und ihn bei Bedarf auch informell treffen. Im Oktober wird Südkoreas Präsident Pyongyang besuchen. Nachdem sie ihre Erklärung unterzeichnet hatten, umarmten sich Kim und Moon.

Moon gibt sich Mühe, nichts zu tun, was Trump verärgern könnte.

Als Kim am Morgen in Panmunjom auf die Grenze zugegangen war, hatte Moon bereits gewartet. Der erste Handschlag der beiden über die Grenzlinie dauerte fast eine halbe Minute. Moon sagte zu Kim, er sei von weit her gekommen, er frage sich, wann er seinerseits Nordkorea besuchen könne. Kim antwortete: «Warum nicht jetzt gleich?» Und die beiden machten Hände haltend einen Schritt über die Grenze nach Nordkorea. Diese spontane Geste war nicht geplant.

Kim Jong-uns eifrige Schwester

In der ersten Gesprächsrunde, zu der die Staatschefs nur von je zwei Helfern begleitet wurden, sass Kims Schwester Kim Yo-jong neben dem Diktator. Die 30-Jährige schrieb eifrig mit, als er seine vorbereitete Bemerkung abgab, die beiden Korea hätten seit ihrem letzten Gipfel elf Jahre verloren. Das dürfe nicht wieder passieren. Sie agiert als seine Stabschefin, zuweilen wirkt sie geradezu mütterlich. Als ein Kind Kim Blumen reichte, sprang sie herbei, um ihm den Strauss abzunehmen. Vor der Baumpflanzung half sie ihm, weisse Handschuhe anzuziehen. Einmal schob sie mit besorgter Miene seinen Stuhl zurecht, bevor er sich hinsetzte.

Zu den Gipfeldelegationen gehörten die Aussenminister, Geheimdienstleute und hohe Generäle. Die Wirtschaft war nicht vertreten. Südkoreas Handelsminister kam erst zum Schlussbankett. Nordkorea erhofft sich Wirtschaftshilfe und Investitionen. In Südkorea warten Firmen nur darauf, nach Norden expandieren zu können. Nordkorea verfügt über billige Arbeitskräfte, seine Infrastruktur muss saniert werden, wie Kim in einigen Bemerkungen selber andeutete. Aber der Süden würde, wenn er Kim in Wirtschaftsfragen entgegenkäme, derzeit gegen die UNO-Sanktionen verstossen. Und Moon gibt sich Mühe, nichts zu tun, was Washington ihm vorwerfen könnte.

Bisher spürt Pyongyang die Sanktionen kaum, wie Besucher berichten. Aber Nordkorea fürchte, das werde sich bald ändern. Der Handel mit China, Nordkoreas wichtigstem Handelspartner, ist zusammengebrochen. Im Februar konnte Nordkorea noch für 9 Millionen US-Dollar Waren ins Reich der Mitte exportieren, die Importe sind eingebrochen. Dennoch reagierten die zuständigen Ministerien in Pyongyang bisher kaum, notierte William Brown vom «Korea Economic Institute of America». Sie scheinen abzuwarten. Das könne er nicht anders deuten, so Brown, als dass Pyongyang auf ein Ende der Sanktionen zähle. Demnach meine Nordkorea es mit der Aussöhnung ernst.

Kalte Nudeln für Moon

Beschlossen haben Moon und Kim den Gipfel mit einem Bankett, zu dem auch ihre Gattinnen stiessen. Als die beiden eintrafen, sagte Moon zu Kims Frau Ri Sol-ju, er habe ihren Mann erst am Morgen getroffen, aber sie hätten schon Vertrauen gefasst.

Beim Bankett hatte jedes Gericht symbolische Bedeutung. Zu Ehren von Moons Herkunft gab es «Naeng­myeon», kalte Nudeln aus Buchweizen und Pfeilwurz, eine nordkoreanische Spezialität. Moons Eltern stammen aus dem Norden, sie waren während des Koreakriegs nach Süden geflohen. Für Kim sang ein kleiner Bub nordkoreanische Weisen, dabei kamen dem Diktator fast die Tränen. In einer letzten kurzen Rede auf dem Bankett sagte Kim: «Der heutige Tag war nur ein Anfang, in Korea hat der Frühling begonnen.»

Erstellt: 27.04.2018, 19:32 Uhr

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