Lachen, im Ernst

Was, wenn Nordkoreas Diktator wirklich Atomraketen losschickt? Die Menschen in Südkorea und auf der Insel Guam wollen eines: gelassen bleiben.

Südkoreanische Rettungskräfte bereiten sich in der Stadt Goyang auf den atomaren Ernstfall   vor. Foto: Chung Sung-Jun (Getty Images)

Südkoreanische Rettungskräfte bereiten sich in der Stadt Goyang auf den atomaren Ernstfall vor. Foto: Chung Sung-Jun (Getty Images)

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Die Wolken, sagt Lance, schau, die Wolken. Riesen, denen man zusehen kann, wie sie wachsen in der tropischen Hitze. Oben die Wolken, hier unten der Strand. Die Insel Guam ist berühmt für ihren strahlend weissen Sand, für das türkisfarbene Wasser. Da planschen sie, die Kleinkinder mit ihren Müttern, und Lance vermietet ihnen Liegestühle und Schirme. Einen freien Tag hatte er lange nicht mehr. «Zu viel Arbeit», sagt er, «zu viele Touristen.» Japaner. Südkoreaner. Jetzt blickt er Richtung Nordwesten, hoch zu den Wolken. Von da müssten sie kommen. Wenn. Irgendwo da hinten liegt Pyongyang, 3400 Kilometer entfernt. «Vermutlich würde man es gar nicht sehen, wenn von dort etwas an­geflogen kommt», sagt er. Oder?

Seit Donald Trump US-Präsident ist, wirbelt er so viel Staub auf, dass man am Abend schon wieder das Spektakel vom Morgen aus der Sicht verloren hat. Neonazis und Herrenmenschen sorgten in der letzten Woche für Aufregung. Einige werden es schon wieder vergessen ­haben, aber in der Woche davor hatte Trump Nordkorea und seinem Diktator Kim Jong-un mit dem Atomkrieg gedroht. «Feuer und Zorn» werde er im Falle einer Provokation über Nordkorea niederregnen lassen. Trumps Ausbruch war erstaunlich. Im Reiche Kims bedient man sich solcher Drohungen zwar schon seit Jahrzehnten, dies aber war das erste Mal, dass ein US-Präsident sich zu Vergleichbarem hatte hinreissen lassen. Die Worte Trumps klangen wie ein Echo der seit Jahr und Tag wütend geifernden Propaganda Nordkoreas, die ihrerseits umgehend versprach, man werde Südkoreas Hauptstadt Seoul in ein «Flammenmeer» verwandeln und die Insel Guam «in Feuer hüllen». Und für einen Moment hielt die Welt erschrocken inne, und nicht wenige fragten: Moment mal. Im Ernst jetzt? Nein, oder? Und nach einer Weile: Und was, wenn doch?

Der amerikanische Aussenminister Rex Tillerson riet seinen Landsleuten schon auf dem Höhepunkt des Atom­gockelkampfes, sie sollten «nachts gut schlafen und sich keine Sorgen machen». Der republikanische Senator Lindsey Graham assistierte mit dem tröstlichen Hinweis: «Wenn Tausende sterben, dann sterben sie da drüben», was dem Schlaf der Amerikaner zu­träglich gewesen sein mag, «da drüben» in Südkorea allerdings weniger gut ankam. Im Grossraum Seoul vor allem, wo 25 Millionen Menschen in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie leben. Sollten tatsächlich jemals Bomben fliegen, dann wohl zuerst auf Seoul. Und hernach auf Guam, den westlichsten Vorposten der Weltmacht USA im Pazifik. Oder ­andersherum. Und dann? Was tun?

Sollten jemals Bomben fliegen, dann wohl zuerst auf Seoul.

Die eifrigen Behörden von Guam ­haben ihren 160'000 Bewohnern ein Merkblatt an die Hand gegeben. Für den Fall eines Raketenangriffs und einer nuklearen Explosion. «Nicht in den Blitz oder Feuerball schauen», heisst es da: «Sie können erblinden.» Flach auf den Boden legen. Kleider ausziehen. Schnell waschen. «Mit viel Seife und Wasser. Nicht die Haut aufkratzen.»

Lance Chargualaf, der Strandliegenvermieter, muss lachen über manches, was er da gelesen hat, es klingt für ihn und viele andere wie ein schlechter Witz. Grosse Bunker, die den Insel­bewohnern Schutz bieten könnten, gibt es nicht. Ein Nuklearsprengkopf, der die Insel trifft? «Das wäre unsere Vernichtung», sagt Lance. Er sagt das ziemlich entspannt. «Warum sollte ich mich aufregen? Selbst wenn eine Rakete es bis hierher schafft, haben wir immer noch unser Militär, das anfliegende Raketen vom Himmel holt. Aber sicher.» Ohnehin wirken auf Guam alle sehr mit sich und der Postkartenwelt im Reinen. Angst? Panik gar? Ach was. Der Diktator, der davon redet, Guam in einen Feuerball zu verwandeln, schon nervig, sagt Lance. «Keiner weiss, was er will, und keiner weiss, wozu er in der Lage ist.» Aber schlaflose Nächte deshalb? «Nein.»

Die Insel ist US-Territorium. Im Norden liegt die Andersen Air Force Base mit ihren Langstreckenbombern, im Süden der Marinestützpunkt mit nuklear betriebenen U-Booten. Abgeschirmtes Gelände, von dem die Touristen nichts mitbekommen.

Mehr Sorgen über Eier

Kim Jong-un hat schon wieder einen Gang zurückgeschaltet. Vier seiner neuen Wunderwaffen – angeblich Interkontinentalraketen, die sich mit Nukle­arsprengköpfen bestücken lassen – hatte er zuerst Richtung Guam losschicken wollen, Mitte August schon. Dann kam Mitte August, und die Korea Central News Agency (KCNA), das Sprachrohr des Regimes, verschickte eine Meldung, wonach Kim in seiner Weisheit den Abschussknopf erst einmal nicht drücken wolle. Im Kreise seiner Generäle sagte Kim demzufolge, er wolle stattdessen lieber «dem närrischen und dummen Treiben der Yankees noch eine Weile länger zusehen». Donald Trump, seinerseits ebenfalls in gnädiger Stimmung, sandte auf Twitter ein Dankeschön für die «sehr weise und vernünftige Entscheidung»: «Die Alternative wäre katastrophal und inakzeptabel gewesen.»

Und nun? Jubel in Guam? Aufatmen in Südkorea? Nicht ganz, wenn man die Menschen in Seoul nämlich richtig verstehen darf, dann hatten sie den Atem noch nicht einmal angehalten. «Ganz ehrlich», sagt Son Bong-hee, die in Seoul für den internationalen Städteverband arbeitet. «Die Koreaner hier machen sich im Moment mehr Sorgen über die Eier als über Nordkorea.» Wie in Westeuropa wurde auch in koreanischen Hühnereiern das Gift Fipronil entdeckt. Die Eier, sagt Frau Son, seien eine konkrete Sorge im Alltag ihrer Landsleute. Nordkorea eher nicht. Und Kim Jong-un? Will er nicht Seoul in ein Flammenmeer verwandeln? «Ach, das hören wir seit Jahren. Kim Jong-un sagt das für seine eigenen Leute. Er muss doch zeigen, wie stark er ist. Er hat ja sonst nichts.» Viele Südkoreaner reagieren auf den jüngsten Krieg der Worte genervt. «Nicht schon wieder», den Satz hört man oft. In früheren Zeiten der Spannung rannten manche Leute noch in die Läden und horteten Instantnudeln. Aber diesmal? «Es passiert gar nichts», sagt Son.

Vor allem die jungen Leute haben keine Lust auf Nordkorea-Panik. Es ist die Generation, die den Koreakrieg nur noch aus Erzählungen kennt. Sie sind aufgewachsen mit antikommunistischer Propaganda, mit einer stramm konservativen Medienlandschaft. «Die Zeitungen haben die Bedrohung durch den Norden aus innenpolitischen Motiven immer aufgeblasen», sagt Son, Mitte dreissig ist sie. Bis vor einigen Jahren gewannen Südkoreas Konservative ihre Wahlen stets mit Angstmache und Anti-Nordkorea-Slogans. Das hat sich ge­ändert. Umfragen zufolge identifiziert sich die Hälfte der Südkoreaner mit dem «Anti-Anti-Nordkorea»-Lager, darunter viele junge Menschen. Und sie haben diesmal die Wahlen gewonnen. Sie haben im Mai den Liberalen und ehemaligen Menschenrechtsanwalt Moon Jae-in zum Präsidenten gewählt.

Moon machte seinem Volk vor, wie Entspannung geht: Nach den nordkoreanischen Raketentests vom 28. Juli ging er erst einmal in Urlaub, nach seiner Rückkehr, inmitten des «Feuer und Zorn»-Getöses, liess er über einen Sprecher ausrichten, nein, man glaube nicht, dass die koreanische Halbinsel «sich einer Krise nähert». Das war als chinesische und russische Diplomaten schon öffentlich urteilten, möglicherweise stehe ein «Einsatz von Waffengewalt» bevor.

Abgestumpft und genervt

Manche Beobachter fragen sich, ob das jahrelange Säbelrasseln des Nordens die Südkoreaner abgestumpft hat. Während der ersten Atomkrise 1994, als Präsident Clinton einen Präventivschlag gegen den Norden erwog, bereiteten manche Südkoreaner noch ihre Flucht vor. 2013 wurden fast nur noch die Ausländer in Seoul nervös. Und jetzt nicht einmal mehr die. Wie gesagt, das ist die Stadt, die unter dem Schatten der Artillerie und des ­Chemiewaffenarsenals Nordkoreas lebt, von hier aus sind es keine 50 Kilometer zur Grenze. Ein Präventivschlag der Amerikaner? So präzise kann der gar nicht sein, dass die Nordkoreaner nicht doch noch die Gelegenheit fänden, Seoul in eine Hölle zu verwandeln.

Viele in der Stadt sind genervt. Von Trump, von Kim, und vor allem von Ausländern, die fragen, ob sie jetzt Angst hätten. In einem Szenelokal im schicken Stadtteil Itaewon prosten sich einige Intellektuelle mit Bier zu. Die Runde findet schon die Frage «lächerlich», ob die Südkoreaner sich nun Sorgen machten. «Seoul ist nicht Syrien.» Hier leben fast 200'000 Amerikaner, unter ihnen 30'000 Soldaten. «So lange die USA nicht die geringsten Anstalten machen, ihre Leute abzuziehen, solange überlege ich mir nicht einmal, ob ich mir Sorgen machen soll», sagt ein 51-Jähriger. «Anders übrigens als über die Gifteier.» Später am Abend lacht er: «Wie wärs? Wir drehen einen Mockumentarfilm», also eine gestellte Doku (nach dem englischen Verb to mock, verhöhnen). Er verteilt die Rollen: «Gut, wir gehen in den Supermarkt und räumen die Regale leer. Du da hortest Cracker, und du dort packst die Instantnudeln ein. Und dann verkaufen wir das CNN: ‹Südkorea in Panik›.» ­Gelächter.

Nun könnte man derartiger Gelassenheit applaudieren, wenn die Analyse korrekt ist, wonach sowohl dem Herrscher in Pyongyang als auch dem in ­Washington gelegentliche Ausbrüche von öffentlicher Hysterie sehr zu­passkommen und von beiden gezielt ­befeuert werden fürs innenpolitische Spiel und eventuell auch für aussen­politische Manöver. Diejenigen in der Öffentlichkeit und in den Medien, die cool bleiben, entziehen den Manipulatoren so die Grundlage für ihr Kalkül und ­beugen damit weiterer Eskalation vor.

«Dadurch lasse ich mir meine Ferien nicht verderben.»Kang Seung-beom, Lehrer

Anderseits könnte man aber auch fragen, ob vielen in Seoul und auch Guam nicht vielleicht die Vorstellungskraft fehlt. Die Leute verlassen sich auf ihre Erfahrung, auf die Logik und den gesunden Menschenverstand, sie nennen die Vorstellung eines Krieges, eines Atomschlags «aberwitzig» und «lächerlich». Aber wie viel zählen Logik und gesunder Menschenverstand in Zeiten, in denen der Aberwitz und das Lächerliche auf Präsidententhronen sitzen?

Vielleicht haut man am besten ab, wenn man Südkoreaner ist. Weit weg, klar. Nach Guam zum Beispiel. Moment, dieses Guam? Ja, genau dieses. Die Insel ist voller Südkoreaner und Japaner dieser Tage. Für die beiden Völker ist Guam so etwas wie für Europäer Mallorca oder Gran Canaria: eine strahlende Bettenburg unter ewiger Sonne. Der Two ­Lovers Point hoch oben auf einer felsigen Klippe über der Bucht ist ein Muss – für Frischvermählte sowieso. Für Lehrer Kang Seung-beom und seine Braut zum Beispiel. Sie posiert für den Fotografen im Brautkleid, er im Anzug. In brütender Hitze. «Wir waren schon mal hier in Urlaub und sind zurückgekommen, um unsere Liebe zu feiern», sagt er.

Und die Raketen? «Wir leben zu Hause ja auch damit, das kann mir die Ferien nicht verderben», sagt der 34-Jährige. Wenn die Rakete denn komme, schiebt er noch nach, dann werde sie schon einer rechtzeitig vom Himmel holen. Da zupft ihn auch schon seine Frau am Ärmel, die Zeit drängt, sie hätten ja noch so viele Fotos zu machen, tue ihnen sehr leid. Sie möchten jetzt nicht über Atomraketen reden. Wirklich nicht. Guam fänden sie ganz fantastisch, das wollten sie noch sagen. Die Ruhe, der Strand, alles wunderbar, ruft der Lehrer noch, bevor ihn seine Frau zum nächsten Foto-Spot zieht.

Kims Überlebensstrategie

Eines ist klar. Die Krise macht zwar gerade selbst ein paar Tage Ferien. Aber sie wird zurückkehren, mit aller Macht. Nordkorea wird sich seine Raketen nicht mehr nehmen lassen. Nicht durch Verhandlungen. Nicht durch Sanktionen. Nicht vom letzten Alliierten China. Für Kim Jong-un und sein Regime sind sie schlicht die einzige Überlebensgarantie. Kim ist kein Verrückter. Und in einem ist er wie Trump: Er sonnt sich in der Aufmerksamkeit der Welt, und wenn sie schockiert ist, umso besser. Nach dem Raketentest Ende Juli versandte KCNA eine Eulogie auf den grossen Führer, der «Wunder vollbracht» habe. Nordkoreas Führung schwelge nun «in dem Schock», den man der Welt versetzt habe. Vor ­allem aber, aufgepasst, hätten die Tests eine «neue politische Weltordnung» ­geschaffen, nämlich eine «mit dem sozialistischen Korea als Achse».

Von Pyongyang aus gesehen, dreht sich die Welt also um den Genossen Kim. Von Washington aus gesehen dreht sie sich um Präsident Trump. Nach dessen «Feuer und Zorn»-Rede vermeldete sein Haussender Fox News, Trumps zuletzt miserable Zustimmungsrate sei um sechs Prozent in die Höhe geschnellt. Trump ist jemand, von dem man an­nehmen darf, dass er sich das merkt.

Verzweifeln hilft nichts

Nachts auf Guam. An der Bar der 51-jährige Mark Thorne aus Wyoming und seine Frau, Jean Tuquero, eine ­Chamorro, eine Einheimische. Thorne kann so kräftig lachen, dass die Gläser zittern, er trägt eine Baseballmütze mit vier Buchstaben: USMC. US Marine Corps, acht Jahre lang hat er gedient. Zuerst sieht es nicht so aus, als würde die Raketenkrise die beiden sehr beein­drucken. «Na ja», sagt die Lehrerin ­Tuquero. «Als Chamorros wissen wir, dass die Entscheidungen über Krieg und Frieden woanders getroffen werden.» Einst herrschten die Spanier, dann die Amerikaner, zwischendurch, im Zweiten Weltkrieg, errichteten die Japaner eine Schreckensherrschaft. Sie dürfen hier nicht einmal den Präsidenten in ­Washington mitwählen. Und es helfe ja nichts, darüber zu verzweifeln, ihr Volk habe immer damit leben müssen, dass sich grosse Länder dieser kleinen Insel bemächtigten.

Zu fortgeschrittener Stunde dann werden sie etwas nachdenklicher. «‹Fire and Fury›. Als ich das hörte, dachte ich: Das ist jetzt wirklich völlig überdreht», sagt Mark Thorne. Einem Verrückten begegne man doch nicht, indem man sich noch verrückter anstelle. «Man will sich wirklich nicht vorstellen, wie sich das weiter aufschaukelt», sagt er und nimmt einen tiefen Zug aus seinem Glas. «Kommt mir fast so vor wie eine heftige Rangelei an der Bar.» Zwei Raufbolde, die es wissen wollen. «Normalerweise würde man sie aus dem Lokal werfen, bevor sie weiteren Schaden anrichten, oder?», sagt Thorne. Dann lacht er ­wieder. Auf dem Tresen zittern die Gläser.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2017, 22:51 Uhr

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