Mit Hass-Manifest und Tschetnik-Musik zum Massaker

Einer der Attentäter von Christchurch ist ein von Anders Breivik inspirierter Rechtsextremist aus Australien. Beim Morden filmte er mit.

Bei bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen in Christchurch wurden 49 Menschen getötet und über 20 weitere Personen schwer verletzt. Video: AFP/Storyful

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Nach dem Moscheen-Massaker in Neuseeland sind vier Verdächtige festgenommen worden. Ein Mann, der als Haupttäter gilt, filmte seine Bluttaten und streamte sie live via soziale Medien. Es ist ein grausiges Videodokument, das in zynischer Weise an ein Ego-Shooter-Game erinnert. Dabei ist ein weisser kurzhaariger Mann zu sehen, wie er zu einer der Moscheen fährt und auf die versammelten Gläubigen feuert. Er erscheint mit einer schusssicheren Weste, darauf eine schwarze Sonne: ein Erkennungszeichen militanter Rechtsextremisten. Und er trägt einen Helm mit einer Videokamera darauf.

«Lasst die Party beginnen», sagte der Mann zu Beginn der 17 Minuten langen Aufzeichnung. Per Twitter warnte die neuseeländische Polizei vor «extrem erschreckenden Bildern» aus einer der angegriffenen Moscheen in Christchurch. Die Accounts des Täters auf Twitter und Facebook wurden gesperrt. Ob derselbe Mann an der Attacke auf die andere Moschee beteiligt war, ist noch nicht klar. Der Moschee-Angreifer, der sein Massaker live übertrug, ist ein «extremistischer, rechtsgerichteter, gewalttätiger Terrorist» aus Australien, wie die dortigen Behörden mitteilten.

«The Great Replacement»: Ein wirres Manifest

Auf der Autofahrt zum Tatort hatte der 28-jährige Australier serbische Kriegsmusik aus den 1990er-Jahren gehört, wie aus dem Video weiter hervorgeht. So hörte er ein Tschetnik-Lied, das den bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic glorifiziert. Karadzic wurde vor zwei Jahren vom UNO-Tribunal in Den Haag zu einer Freiheitsstrafe von 40 Jahren verurteilt. Die von der neuseeländischen Polizei sichergestellten Schusswaffen des Attentäters zieren die Namen seiner Vorbilder, die einst auf dem Balkan gegen die Osmanen gekämpft hatten. Wie zum Beispiel der montenegrinische Anführer Marko Miljanov Popovic, der im 19. Jahrhundert lebte.

Im Netz kursiert ein rechtsradikales Manifest mit dem Titel «The Great Replacement» («Der grosse Austausch»), das den Moscheen-Anschlag von Christchurch anzukündigen scheint. Darin wird der Islam als Feind bezeichnet, der bekämpft werden muss. Das Manifest legitimiert das Töten von Muslimen. Zu seiner Radikalisierung hätten die Niederlage der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2017 und der Tod einer Elfjährigen bei einem Lastwagen-Anschlag in Stockholm beigetragen, schreibt der Autor des Manifests.

Nach eigenen Angaben stammt er aus einer Arbeiterfamilie. Er selber bezeichnet sich als «28-jähriger Australier mit niedrigem Einkommen». Und er war mehrere Jahre in Frankreich, Spanien und Portugal unterwegs. Australischen Medienberichten zufolge arbeitete er, bevor er nach Neuseeland kam, als Fitnesstrainer im australischen Ort Grafton nördlich von Sydney. Noch nicht bekannt ist, ob die vier Verdächtigen mit anderen rechtsextremen Gruppen oder Organisationen in Verbindung standen.

Massenmörder Breivik als Vorbild

Das Manifest «The Great Replacement» ist 73 Seiten lang. In der wirren, verschwörungstheoretischen Abhandlung interviewt sich der Autor selber. Auf die Frage «Was wollen Sie?» antwortet er: «Wir müssen die Existenz unseres Volkes sicherstellen und die Zukunft der weissen Kinder.» Das rechtsextremistische Machwerk erinnert an Anders Breivik, der im Juli 2011 77 Menschen getötet hatte. Der norwegische Massenmörder hatte sich auch ein Manifest zusammengebastelt.

«Der grosse Austausch» ist ein Konzept, das in den letzten Jahren von der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung bekannt gemacht worden ist. Das Konzept geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch Zuwanderer ersetzt werden soll, deren Geburtenrate deutlich höher sei.

Im Manifest des australischen Rechtsextremisten erkennt Peter Neumann «Argumente der populistischen Rechten», wie er auf Twitter schreibt. Neumann ist ein anerkannter Experte für Terrorismus und Radikalisierung am Londoner King's College.

«The Great Replacement» ruft dazu auf, die Immigration von Muslimen zu stoppen und die «Invasoren» zu vertreiben. Tatsache ist, dass in Neuseeland nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens ist. In dem 4,8-Millionen-Land leben etwa 50'000 Muslime, viele davon Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesh. Die grösste Religionszugehörigkeit in Neuseeland ist das Christentum. Die Stadt Christchurch hat 350'000 Einwohner und liegt auf der Südinsel des Pazifikstaats. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 11:23 Uhr

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