Mit dem Flugzeugträger auf dem Weg zur Supermacht

Die Chinesen bauen ihre erste mobile Luftwaffenbasis. Was braucht es für den Einsatz eines solchen Ungetüms? Und wie weit weg von der amerikanischen Schlagkraft ist das Reich der Mitte noch?

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Der frühere US-Präsident Bill Clinton brachte die Bedeutung der Flugzeugträgerflotte für die USA in einer Rede im März 1993 auf der Theodore Roosevelt treffend auf den Punkt: «Wenn sich in Washington eine internationale Krise bemerkbar macht, ist es kein Zufall, dass allgemein als erste Frage gestellt wird: ‹Wo liegt der nächste Flugzeugträger?›» Die Amerikaner betreiben mit über 10 Flugzeugträgern die weltweit grösste Flotte dieser Riesenschiffe. Eingesetzt wurden sie schon im Vietnam-Krieg, in Korea und in den Irak-Feldzügen. Die USA spielen damit ihre Rolle als Weltpolizist aus. Ähnlich machen es die Franzosen derzeit im Mittelmeer mit der Charles-de-Gaulle im Konflikt mit Libyen.

Weltweit sind rund zehn Staaten – je nachdem, bei welcher Grösse man die Grenze zieht – im Besitz von Flugzeugträgern. Dazu zählen neben den Genannten unter anderen auch Brasilien, Indien und Russland. Diese Schiffe sind allerdings kleiner als die amerikanischen. Die Briten sind dabei, zwei grössere Träger zu bauen. Die HMS Queen Elizabeth und die HMS Prince of Wales sollen 2014 respektive 2016 in See stechen.

20 Begleitschiffe

Dass nun auch die chinesische Streitmacht bald über einen Flugzeugträger verfügt, scheint nur logisch. Lange versuchte man in Peking zu verschweigen, was Experten schon lange wussten. Der aus ukrainischen Beständen 1998 erworbene und nicht fertig gebaute Träger Warjag soll nun in China vollendet werden. Das bestätigte der chinesische Generalstabschef Chen Bingde in den letzten Tagen in einem Interview. Dereinst soll der erste chinesische Flugzeugträger unter dem Namen Shilang durch die asiatischen Gewässer treiben. Um ja keine Verunsicherungen aufkommen zu lassen, betonte Bingde, man werde den Träger nur defensiv einsetzen. Diversen Berichten zufolge soll China aber irgendwann auch einen komplett eigenen Träger bauen.

Wird das Reich der Mitte nun eine militärische Supermacht? «Es ist ganz sicher ein weiterer Schritt auf dem Weg dahin», sagt Strategieexperte Kurt Spillmann im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der emeritierte ETH-Professor relativiert aber gleichzeitig: «Man muss die Grössenverhältnisse richtig sehen.» Was er meint, ist der gewaltige Unterschied an Schlagkraft. Hier die amerikanische Flotte mit über 10 Trägern, dort ein noch nicht in Betrieb stehender Träger. Und allein der Besitz eines Flugzeugträgers bedeute noch nicht viel, so Spillmann. «Zum erfolgreichen Betrieb eines Flugzeugträgers gehören eine ganze Gruppe an Schiffen und natürlich die geeigneten Jets», erklärt der Experte. Versorgung, Überwachung und andere Aufgaben werden von einer Flotte von rund 20 Schiffen wahrgenommen. Um das zu koordinieren, braucht es ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem sowie viel Erfahrung. Bei den USA sind es Jahrzehnte. Die Chinesen beginnen erst damit. «Die sind noch lange nicht da, wo die Amerikaner sind», so Spillmann.

US-Rüstungskreise werden damit argumentieren

Doch wozu braucht China, das anders als die USA bislang keine Ambitionen erkennen lässt, Weltpolizist zu spielen, denn überhaupt Flugzeugträger? «Grundsätzlich ist das ein weiterer Schritt bei der militärische Machtentfaltung», erklärt der Strategieexperte. Sollte es dereinst Probleme geben im südchinesischen Meer, dort liegen angeblich grosse Gasvorräte verborgen, wäre ein Militäreinsatz unter Einbezug eines Flugzeugträgers durchaus denkbar. Anders als die USA, die sich schon immer als grosse Seemacht verstanden, sähen sich die Chinesen als klassische Landmacht.

Trotzdem, muss sich Washington wegen des Ausbaus von Chinas Seeflotte nun bedroht fühlen? Spillmann winkt ab: «Die Meldung aus China wird vorderhand höchstens in Rüstungskreisen als Argument ins Feld geführt werden, wenn es darum geht, neue Waffen zu beschaffen.»

Erstellt: 10.06.2011, 14:28 Uhr

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