Mohammed war noch ein Teenager, als er nach Guantanamo kam

Als 14-Jähriger wurde Mohammed el Gharani in einer Moschee in Pakistan verhaftet – rein zufällig. Nach sieben Jahren in Guantanamo glaubt er immer noch ans Gute.

Die Brille muss er wegen des Stroboskoplichts tragen, das ihn bei den Verhören blendete: Mohammed el Gharani. Foto: Tanja Rest

Die Brille muss er wegen des Stroboskoplichts tragen, das ihn bei den Verhören blendete: Mohammed el Gharani. Foto: Tanja Rest

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Am Ende fasst man sich ein Herz und fragt ihn einfach. Ob er nicht manchmal hadert. Ob er nicht über dem Gedanken verzweifelt, wer er hätte sein können, wenn er an jenem Tag vor 18 Jahren nicht in dieser Moschee in Pakistan gewesen wäre, zur falschen Zeit an einem falschen Ort. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre. Es ist eine grausame Frage, weil sie die Tür weit aufstösst.

Er sagt dann aber nur, dass Allah seine Geschichte so geschrieben habe. «Natürlich, wäre ich nicht in der Moschee gewesen, wäre ich wahrscheinlich ein normaler Mann mit einem normalen Leben in Medina. Ich wäre da gewesen, als meine Grossmutter starb, sie hätte nicht weinen müssen. Vielleicht wäre alles aber auch ganz anders gekommen, wer weiss. Alles geschieht aus einem Grund.»

Mohammed el Gharani, 32 Jahre alt, gläubiger Muslim, ein auf das Gute vertrauender Mensch, noch immer. Sohn von Eltern, die einem Nomadenstamm im Tschad angehörten und in einer Zeit der Dürre nach Medina in Saudiarabien flohen, wo er geboren wurde und als schwarzes Kind von Einwanderern nichts galt, keinen Pass hatte und die Schule nicht besuchen durfte. Wo seine lange Reise begann.

Manchmal musste er 16 Stunden lang in fetaler Stellung am Boden kauern, an Händen und Füssen gefesselt.

Man trifft ihn in einem Land, von dem hier nur gesagt werden darf, dass es im Westen Afrikas liegt. Er ist rührend freundlich, schlank und hochgewachsen und trägt die Uniform der Strasse: Basecap, Sonnenbrille, T-Shirt, Jeans. Wer seine Geschichte nicht kennt, käme nie auf den Gedanken, dass er die Brille tragen muss wegen des Stroboskoplichts, das ihn bei Verhören blendete. Der würde den leicht gebeugten Rücken nicht bemerken, der ihn schmerzt, seitdem er manchmal 16 Stunden lang in fetaler Stellung am Boden kauern musste, an Händen und Füssen gefesselt. Wer seine Geschichte nicht kennt, würde nicht wissen, dass der Eckzahn links unten eine Attrappe ist. Den echten Zahn hat er in Guantanamo gelassen, als einer der Wärter seinen Kopf packte und gegen den Boden schlug, wie er sagt. Wie alt er da war? «Ich weiss nicht - siebzehn?» Mohammed el Gharani war einer der jüngsten Menschen, die jemals in das US-Gefangenenlager auf Kuba eingeliefert wurden. 14 Jahre alt war er damals, halb Teenager, halb Kind.

Da sassen sie also im Flieger, gefesselt, geschoren, alle hatten Angst, nur er jubelte: Amerika!

Zehn Jahre ist er jetzt raus

Das Gespräch war eigentlich im Hotel geplant, findet dann aber in einem Park statt. Er hat Angst, dass jemand mithören könnte. Zehn Jahre ist er jetzt raus, in so vielen Ländern hat er seither versucht, Fuss zu fassen, und ist innerlich noch immer auf der Flucht. Als sei er vor langer Zeit zufällig in einen Haufen Mist getreten, der sich nicht abwaschen lässt. Der Mist ist unsichtbar. Aber manche Leute können ihn riechen.

Mohammed el Gharani ist damals von Saudiarabien nach Pakistan gereist, um Englisch und Informatik zu lernen. Ein Freund hatte ihm gesagt, man könne in Medina mit dem Reparieren von Computern viel Geld verdienen. Sein Vater war krank, der kleine Gharani arbeitete als Strassenverkäufer und kratzte all sein Erspartes zusammen. Er reiste mit falschem Pass nach Karatschi. Sommer 2001, er war 14. Die Anschläge aufs World Trade Center, er dachte nicht gross darüber nach. In seiner Freizeit spielte er Fussball, lernte Vokabeln, ging in die Moschee.

Und dort, nach dem Freitagsgebet, zwei Monate nach 9/11, holten sie ihn.

Eine Razzia pakistanischer Security-Kräfte, sie nahmen eher wahllos Leute mit. Ihn verhafteten sie wegen seines saudischen Akzents. Im Gefängnis fragten sie ihn nach al-Qaida. Er hatte, sagt er, dieses Wort niemals zuvor gehört. Sie fragten ihn, wo Osama bin Laden sei. «Bin Laden. Diese Familie hat in Medina grosse Moscheen gebaut. Aber Osama? Einen Osama kannte ich nicht.» Damals wurde er zum ersten Mal gefoltert. Die Pakistaner verkauften ihn, wie so viele andere später, an die Amerikaner: Ein paar Tausend US-Dollar für einen Gotteskrieger, das war der gängige Preis. Von Karatschi ging es mit einer Militärmaschine nach Kandahar, Afghanistan. Dort lernte er das F-Wort. Und das N-Wort. Fucking Nigger. «Ich wusste nicht, was das bedeutete. Das hat mir dann später in Guantanamo ein Bruder erklärt.»

In Amerika siegt am Ende die Gerechtigkeit, dachte er: Mohammed el Gharani als Jugendlicher. Foto: Courtesy of Reprieve

Eines Nachts rissen die Soldaten ihn und 19 andere aus dem Schlaf, sie mussten sich nackt ausziehen, bekamen Haare und Bärte abrasiert. Er hatte da natürlich noch keinen Bart. Dann wurden sie in eine Transportmaschine der Air Force gestossen. Sie kämen jetzt in die United States, hiess es.

Amerika. Einer von vielen traurigen Momenten in Gharanis Geschichte ist der, als 19 geschorene, gefesselte Männer in orangenen Overalls und mit Gesichtshauben in diesem Flugzeug sitzen, ausser sich vor Angst, und ein 14-jähriger Junge innerlich jubelt. Amerika! Hört er nicht amerikanische Musik? Schaut er nicht amerikanische Filme, in denen die Gerechtigkeit am Ende siegt? «Ich dachte, diese Leute sind Helden. Wenn sie merken, dass sie sich getäuscht haben, schicken sie mich mit dem nächsten Flugzeug wieder zurück.»

Da verschätzte er sich. Um sieben Jahre.

Gharani gehörte zur ersten Welle von unlawful combatants - ungesetzliche Kombattanten, wie George W. Bush sie nannte -, die in Guantanamo inhaftiert wurden unter Bedingungen, die von den Vereinten Nationen als menschen- und völkerrechtswidrig eingestuft worden sind. Insgesamt fast 800 Gefangene bis heute, vielen war nie etwas nachzuweisen. Es gab in Guantanamo auch ein externes Lager für Minderjährige, Camp Iguana. Die Amerikaner machten sich aber nicht die Mühe, Gharanis tatsächliches Alter herauszufinden, sie hielten ihn der Einfachheit halber für volljährig. Seine Anwälte fanden die Geburtsurkunde später mühelos. Er war am 10. Juni 1987 geboren worden.

Beim ersten Verhör sagte Gharani einen Satz, den er aus den Filmen kannte.

Mohammed el Gharani kam ins Camp X-Ray. Das Lager musste im April 2002 geschlossen werden, nachdem Fotos publik geworden waren, die selbst stramm konservative Amerikaner empörten. X-Ray bestand aus Käfigen. Kein Schutz vor der Sonne, kein Schutz vor der Kälte, jeder Käfig möbliert nur mit zwei Eimern. Einer mit Wasser, einer für die Notdurft. Gharani sagt, er sei vor Angst wie gelähmt gewesen, doch im Käfig neben ihm habe ein Mann mit Bart gesessen, ein weisser Mann, der kein Wort Arabisch, dafür aber fliessend Englisch sprach, und der Bärtige habe alles versucht, ihn zum Lachen zu bringen. Dieser Mann kam aus Deutschland, sein Name war Murat Kurnaz. Aber das ist eine andere Geschichte.

Beim ersten Verhör sagte Gharani den Satz, den er aus den Filmen kannte. «Ich habe das Recht auf einen Anwalt.» Der Soldat lachte. «Du bekommst keinen Anwalt.» «Warum?» «Dies ist nicht Amerika, hier hast du keine Rechte.» Erst Monate später habe er erfahren, dass er auf Kuba war. Ein Ort, an dem das Gesetz nichts galt.

Die Amerikaner legten Gharani dreierlei zur Last: Er sei nach Afghanistan gereist und in einem Al-Qaida-Camp ausgebildet worden; er habe 2001 in Tora Bora an der Seite der Taliban gekämpft. Diese Anschuldigungen wies der Richter Richard Leon später zurück, weil es keine Beweise dafür gab und sie nur auf den Aussagen zweier Häftlinge basierten, die das Militär selbst als nicht vertrauenswürdig einstufte. Der dritte Vorwurf, Gharani habe 1998 einer Londoner Al-Qaida-Zelle angehört, erledigte sich praktisch von selbst. Davon abgesehen, dass er niemals in London war: Er wäre damals elf Jahre alt gewesen.

Irgendwann, schrie er: «Ja, ja, was immer ihr fragt, ich habe es getan!»

Die Folter in Guantanamo war schlimmer als alles, was er für möglich gehalten hatte. Die Anwälte verglichen seine Angaben später mit Zeugenberichten anderer Häftlinge. Die Methoden waren dieselben.

Sie schlugen ihn. Besprühten ihn mit Pfefferspray. Hängten ihn an den Handgelenken auf mit baumelnden Füssen. Sagten "Nigger" zu ihm und warfen den Koran vor seinen Augen in Eimer voll Scheisse. Quälten ihn mit Stromstössen, bis die Nägel seiner grossen Zehen abfielen. Sie raubten ihm den Schlaf, indem sie ihn alle zwei Stunden in eine andere Zelle verlegten. Indem sie Songs spielten in martialischer Lautstärke, die Guantanamo-Playlist: «Killing in the Name» ( Rage Against the Machine), «Highway to Hell» ( AC/DC), «... Baby One More Time» (Britney Spears) und «I love you, you love me, we are a happy family» (Barney the Purple Dinosaur). Dazwischen verhörten sie ihn.

Irgendwann, sagt er, schrie er: «Ja, ja, was immer ihr fragt, ich habe es getan!» Doch am nächsten Tag sagte er: "Nein. Das habe ich nur gesagt wegen der Folter." Und dann ging alles von vorne los.

Daheim sassen seine Eltern, ängstigten sich zu Tode und wussten nichts.

Es war das Ende seiner Kindheit, der Beginn seiner Jugend, daheim in Medina gingen die Jungs in seinem Alter zur Schule, ins Kino, verliebten sich zum ersten Mal. Daheim sassen seine Eltern, ängstigten sich zu Tode und wussten nichts. Zweimal versuchte er, sich umzubringen. Das erste Mal wollte er sich an der Zellentür die Pulsadern aufschlitzen. Das zweite Mal versuchte er, sich an seinen zusammengeknoteten Kleidern zu erhängen. Dann besann er sich auf seinen Glauben und probierte es kein drittes Mal.

Seine Stimme wird jetzt immer leiser. Er sagt, dass er müde sei. Ob er sich kurz ausruhen dürfe? Es stehe doch sowieso alles in dem Buch. Er legt sich unter eine Palme und schläft bewegungslos, eine halbe Stunde lang.

Das Buch ist eines der kleinen Wunder, die Mohammed el Gharani eben auch zugestossen sind. Denn nachdem er 2009 entlassen wurde, spürte ihn im Tschad der französische Journalist und NGO-Mitarbeiter Jérôme Tubiana auf. Zwei Wochen lang erzählte ihm Gharani seine Erinnerungen, sie landeten als Protokoll in der London Review of Books. Jahre später, sie hatten immer noch Kontakt, war aus der Geschichte seiner Haft die Geschichte seiner verzweifelten Flucht durch Afrika geworden. Basierend auf Tubianas Recherchen entstand die Graphic Novel "Guantanamo Kid". Die Geschichte von Mohammed el Gharani, in Guantanamo und danach, penibel recherchiert, im Anhang mit Gerichtsakten und Wikileaks-Unterlagen dokumentiert und vom Illustrator Alexandre Franc in einem Stil gezeichnet, der an «Tim und Struppi» erinnert. Naiv, dabei quälend präzise.

Für die Welt ist Guantanamo ein Skandal von gestern.

«Guantanamo Kid» ist 2018 erst in Frankreich erschienen, später in Belgien, Grossbritannien, den USA - und im Mai auch in der Schweiz (Carlsen Verlag). Man sollte meinen, dass ein Buch, das Unrecht so klar illustriert wie dieses, Aufmerksamkeit erregen muss. Aber ganz so ist es nicht. Bei einem Treffen in Paris ist Jérôme Tubiana, der jetzt für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, ernüchtert: «In Belgien hatten wir gute Presse, in Frankreich passierte praktisch nichts. Deutschland ... mal sehen.» Bis heute sind auf Kuba noch etwa 40 Menschen inhaftiert. Für die Welt aber ist Guantanamo ein Skandal von gestern.

Ein Buch, das man jedem 14-Jährigen in die Hand drücken möchte: «Guantanamo Kid» von Jérôme Tubiana und Alexandre Franc. Illustration: «Guantanamo Kid»/Carlsen Verlag)

Dabei ist «Guantanamo Kid» ein hinreissend gezeichnetes und erzähltes Jugendbuch, das auch voller leiser Komik steckt, weshalb man es jedem 14-Jährigen in die Hand drücken möchte. Das hat vor allem mit ihm zu tun, mit Mohammed el Gharani. Er hat in Guantanamo seine Pubertät durchlebt, und er rebellierte. Mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, wehrte er sich. Er bewarf die Wärter mit Fäkalien, verklebte die auf Eiseskälte eingestellte Klimaanlage mit Zahnpasta, trat in den Hungerstreik, verbündete sich mit anderen Häftlingen und ignorierte Befehle. Egal, wie dreckig es ihm ging, er lachte seinen Peinigern ins Gesicht. In seiner Akte sind 192 «disziplinarische Verstösse» verzeichnet, allein für das Jahr 2007. Die Folge waren Schläge und Wochen der Einzelhaft, manchmal in völliger Dunkelheit. Mohammed el Gharani sagt, er sei ein schlimmer Junge gewesen in Guantanamo. Er sagt aber auch: «Ich hätte sonst meine Selbstachtung verloren.»

Bis heute weigert sich Gharani, die sieben Jahre, die ihm weggenommen wurden, ganz aus der Hand zu geben, sie als verlorene Jahre abzutun. Er ist auch in dieser Hinsicht der Erzähler seiner Geschichte. Er hat Englisch gelernt, indem er mit einem gestohlenen Stück Seife jeden Tag die neuen Wörter an seine Zellenwand schrieb, was ihm, wie er sagt, drei Wochen Isolationshaft eintrug. Er hat sich durch seine permanente Aufsässigkeit Hafterleichterung erkämpft. Er traf auch gute Menschen in Guantanamo - seine Mithäftlinge, die er «Brüder» nennt, die schwarzen Wärter, die ihm heimlich Essen zusteckten, mit ihm lachten und ihn trösteten.

«Wenn ich nicht in Guantanamo gewesen wäre», sagt Mohammed el Gharani, «ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin.» An diesem Satz ist nichts Zynisches.

Als er wieder frei war, hätte das Leben endlich anfangen können. Hat es aber nicht.

Ein Urteil des Supreme Court brachte im Jahr 2004 Hoffnung: Die Häftlinge durften nun an US-Bundesgerichten auf willkürliche Inhaftierung («Habeas Corpus») klagen. Gharani wurde vertreten von Clive Stafford Smith, dem Gründer der Organisation Reprieve, die politische Gefangene juristisch betreut. Es dauerte Jahre, bis sein Fall vor den Richter kam. Aber schliesslich, am 14. Januar 2009, wurde er ans Telefon gerufen, er hörte den Urteilsspruch live: «Hiermit wird verfügt, dass alle notwendigen und angemessenen diplomatischen Massnahmen ergriffen werden, um den Kläger el Gharani unverzüglich freizulassen.»

Hier könnte die Geschichte aufhören. Flug zurück nach Medina, Wiedersehen mit seinen Eltern, Tränen, Umarmungen. Doch so endet sie nicht. Guantanamo wirft im Leben derer, die dort gewesen sind, einen langen Schatten, und bei Mohammed el Gharani reicht er bis in die Gegenwart.

Die Saudis wollten ihn nicht haben. Nach weiteren fünf Monaten Haft wurde er schliesslich in den Tschad abgeschoben, die Heimat seiner Vorfahren. Ein Land, das er nicht kannte. Jérôme Tubiana und ein früherer Anwalt von Reprieve, der ihn bis heute berät und regelmässig besucht, bestätigen seine Angaben von hier an.

Er spricht nicht gerne darüber. Er weiss, dass Vielehen im Westen nicht geduldet werden. 

Vom Tschad führte sein Weg in den Sudan, zurück in den Tschad, dann nach Benin und weiter nach Ghana. Mal betrieb er eine Wäscherei, mal ein Restaurant, dann wieder exportierte er Obst und Gemüse. Er heiratete. Mit seiner ersten Frau hat er drei Kinder, mit seiner zweiten Frau eines. Er spricht nicht gerne darüber. Er weiss, dass Vielehen im Westen nicht geduldet werden. Zwischendurch sah es immer wieder so aus, als sei er endlich angekommen. Doch dann bekam die Regierung Wind von seiner Geschichte, oder jemand verpfiff ihn beim Geheimdienst. Er landete wieder im Gefängnis, wurde wieder geschlagen. In Ghana gab man ihm und seiner Familie einen Tag Zeit, das Land zu verlassen nach sieben Jahren. Er musste alles zurücklassen, was er sich erarbeitet hatte, sein Haus, sein Auto, seinen Fernseher, alle Möbel. Nur die Bücher konnte er retten.

Und jetzt ist er hier, ein Staatenloser ohne Pass in einer Stadt im Westen Afrikas. Seine erste Frau ist mit den drei Kindern im Tschad, er würde sie gerne nachkommen lassen. Aber wie? Geld habe er keines. Seine zweite Frau lebt mit dem Zweijährigen ganz in der Nähe bei ihren Eltern, aber die Wohnung ist zu klein für noch einen Menschen. Meist schläft er in der Moschee. Anfang des Jahres hat er versucht, Obst zu importieren, doch die beiden Container kamen verspätet mit verfaulter Ware an. Auf die Entschädigung wartet er noch immer. Sein einziges festes Einkommen sind die umgerechnet etwa 100 Euro monatlich vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das ihn im Juni auch als Flüchtling anerkannt hat. Damit kann er zumindest in Westafrika erstmals legal Grenzen überschreiten.

Und jetzt?

Manchmal wacht er morgens auf und denkt, dass er in der Zelle ist. Angst. Er sagt: «Eines Tages wird alles gut sein. Ich werde mit meiner Familie in einem Haus leben, meine Kinder werden auf eine gute Schule gehen. Ich habe immer Hoffnung. Wenn ich negativ auf die Dinge schaue, werde ich traurig. Das will ich nicht, und darum denke ich immer positiv.»

Am nächsten Tag fährt man gemeinsam an den Atlantik. Von einer Anhöhe bietet sich ein herrlicher Blick auf das unendlich blaue Meer. Wo das Wasser an den Himmel stösst, schiebt sich ein Tanker vorbei. Gharani sagt: «Irgendwo dort drüben, auf der anderen Seite, liegt Guantanamo.» Er erzählt von dem Tag, an dem Camp Five eröffnet wurde. Wie der Vernehmer drohte: «Da kommst du niemals wieder raus. Wir sperren die Tür hinter dir zu und werfen den Schlüssel in den Ozean.» –«Und ich habe gesagt: Allah wird den Schlüssel heraufholen und ihn mir in die Hand drücken.»

Er schaut hinaus aufs Meer, muss plötzlich lachen. Er sagt: «Und hier bin ich.»

Erstellt: 23.08.2019, 19:57 Uhr

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