Nur eine Leibwache von Bin Laden war bewaffnet

Während des Einsatzes gegen Osama Bin Laden war nach Angaben aus US-Verteidigungskreisen nur einer der fünf Getöteten bewaffnet. Zudem habe es kein Feuergefecht gegeben – nicht die einzige Informationspanne.

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Ein ranghoher Mitarbeiter des Verteidigungsministers sagte heute der Nachrichtenagentur AP, dass nur einer der Leibwächter Bin Ladens bewaffnet war. Nur diese eine Person habe geschossen. Ausserdem sei der Schütze in den ersten Minuten des Einsatzes in dem Anwesen in der pakistanischen Stadt Abbottabad getötet worden. Ursprünglich hatte es geheissen, es sei in dem Gebäude am Montag zu einem andauernden Feuergefecht gekommen.

Das Kommandounternehmen gegen den Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden hat deutlich gemacht, wie falsch die US-Geheimdienste über die vielen Jahre hinweg gelegen hatten. Schliesslich töteten US-Soldaten Bin Laden nahe Islamabads, und nicht an der Grenze zu Afghanistan. US-Sicherheitsberater und Nachrichtendienstler hatten Jahre lang geglaubt, dass Bin Laden sich in der gebirgigen Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan versteckt halte.

«Das Gelände ist sehr schwierig»

«Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wo es ist», sagte 2005 der damalige Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, Porter Goss. «Ich glaube, er ist in der Stammesregion von Pakistan», sagte im Juli 2007 der Direktor der Nationalen Nachrichtendienste, Mike McConnell.

«Alles was ich sagen kann, ist, dass er in den Stammesregionen ist. Das Gelände ist sehr schwierig. Offensichtlich gibt es umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen», sagte CIA-Direktor Leon Panetta im Juni 2010. Doch Bin Laden versteckte sich keineswegs in einer Höhle, sondern lebte komfortabel in der Stadt Abbottabad, die bekannt ist für relativen Wohlstand und gute Schulen.

Es gab offenbar keine schwer bewaffneten Leibwächter, die die Geheimdienste erwartet hatten. Über Satellitenfernsehen dürfte Bin Laden die Jagd auf ihn am falschen Ort sogar vor dem Bildschirm verfolgt haben.

Falsche Annahmen

«Ich war überrascht, dass Osama Bin Laden praktisch in einem Vorort von Islamabad gefunden wurde», sagte die ehemalige Sicherheitsberaterin und US-Aussenministerin Condoleezza Rice. Die Vermutung, Bin Laden verstecke sich an der Grenze zu Afghanistan stützte sich nach Angaben aus US-Sicherheitskreisen im Wesentlichen auf zwei Annahmen: Erstens ging man davon aus, dass der Terrorchef im gesetzlosen Waziristan auf den Schutz von Al-Qaida-Kämpfern vertrauen konnte.

Zweitens glaubte man, Bin Laden in zivilisierten Gebieten früher oder später geortet haben zu müssen. Doch der Al-Qaida-Führer wusste offenbar, dass die US-Geheimdienste ihm entweder durch elektronische Aufklärung oder Spione auf die Schliche kommen würden.

Deshalb hielt er sich von modernen Kommunikationsmitteln und Menschen fern. Sein Anwesen in Abbottabad war weder an Telefonleitungen noch Internetverbindungen angeschlossen und er umgab sich lediglich mit seinen engsten Vertrauten.

Das Bild von Bin Laden in einer Höhle wurde bald Teil des Mythos' von Al-Qaida. Und weil es so wenig neue Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort gab, wiederholten selbst die besten Analysten der CIA fast schon gebetsmühlenartig, dass der Terrorchef sich in den Stammesregionen versteckt halte.

Pakistan völlig überrascht?

Dabei gab es immer wieder Hinweise darauf, dass die Geheimdienste mit dieser Annahme womöglich falsch lagen. Nachdem 2007 ein Video von Bin Laden veröffentlicht wurde, hiess es im Antiterrorzentrum der CIA, er sehe nicht wie jemand aus, der seit Jahren auf der Flucht ist.

Erst jetzt zeigte sich, wie sehr die Zweifel damals angebracht waren. Bin Laden lebte schon damals in Abbottabad und hatte leichten Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten. Pakistans Behörden stehen nun im Verdacht, mehr gewusst zu haben als sie zugaben.

Bin Ladens Schwachstelle

Wenigstens hatten die US-Geheimdienste bereits früh die Schwachstelle von Bin Ladens Tarnung entdeckt. Seit Jahren ging die CIA davon aus, dass Bin Ladens Vertrauen in seine Kuriere ihn verletzlich mache.

Schon ab 2006 oder 2007 sei man keinen direkten Hinweisen auf Bin Laden mehr nachgegangen, sondern habe sich auf die Boten konzentriert, sagte ein ehemaliger führender Geheimdienstmitarbeiter.

Es war schliesslich Abu Ahmed al Kuwaiti, der die US-Geheimdienste auf Bin Ladens Spur brachte. Die CIA hörte den Kurier im vergangenen Jahr ab und folgte ihm schliesslich bis zu dem Anwesen in Abbottabad. (pbe/dapd, sda)

Erstellt: 05.05.2011, 16:53 Uhr

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