Opposition kämpft mit Witzen gegen Erdogan

Vor der Wahl in Istanbul greifen die AKP-Gegner zu ungewöhnlichen Mitteln.

Umfragen sehen ihn vorne: Ekrem Imamoglu. (Foto: Keystone)

Umfragen sehen ihn vorne: Ekrem Imamoglu. (Foto: Keystone)

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Die Wettervorhersage für die türkische Sonnenküste ist hervorragend: Am Sonntag werden in Antalya 34 Grad erwartet, in Bodrum 32. Weit und breit nichts zu sehen von Sandstürmen oder Schneeverwehungen, und auch das Meer wird sich nicht zurückziehen, wie Bürgermeister der Ferienorte auf ihren Websites warnten. «Das waren natürlich Scherzbotschaften», sagt Mustafa Özgür, Berater im Rathaus von Adana. Die fünftgrösste Stadt der Türkei wird seit März von der CHP, der grössten Oppositionspartei, regiert – wie viele Touristenhochburgen.

Als die staatliche Wahlaufsicht die Bürgermeisterwahl in Istanbul annullierte und die Wiederholung in die Schulferien legte, reagierten viele Kommunen aus Solidarität mit Witz und Ironie: Parks und Picknickplätze geschlossen, wegen «Renovierung für die Demokratie». Und Istanbuler twitterten: «Am 23. Juni sind wir an der Urne, keine Ferien.»

Die Wahl am Bosporus beschäftigt das ganze Land. Der Kandidat der Opposition, Ekrem Imamoglu, hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit eine Bekanntheit verschafft, die ihn auf Platz zwei der türkischen Politik katapultiert hat, gleich hinter Präsident Recep Tayyip Erdogan. Weil Istanbul das Herz der Türkei ist, ragt die Bedeutung des Bürgermeisterpostens über alle anderen kommunalen Ämter hinaus. Jeder fünfte Wahlberechtigte lebt in Istanbul. Vor 25 Jahren begann hier Erdogans Karriere – im Rathaus. Und seit 25 Jahren hat es – vor Imamoglu – kein Oppositioneller in das Amt geschafft.

Erdogans Kehrtwenden

Im Frühling hatte Erdogan die Wahl in Istanbul zur Überlebensfrage für das Land erklärt und selbst Wahlkampf gemacht. Dann überraschte Imamoglu mit einem äusserst knappen Sieg – und der Präsident änderte die Strategie. Er spielte die Bedeutung des Amts herunter, sagte, der Bürgermeister sei ja nur «Schaufensterdekoration».

In den letzten Tagen dann die erneute Kehrtwende: Nun droht Erdogan, man werde Imamoglu vor Gericht stellen und damit seinen politischen Weg «abschneiden» – wegen «Beleidigung» eines Gouverneurs. Dabei geht es um einen ziemlich absurden Vorgang: In der Schwarzmeerstadt Ordu hatte der Gouverneur Imamoglus Delegation den VIP-Zugang am Flughafen versperrt. Daraufhin soll der Kandidat den Staatsbeamten «Köter» genannt haben. Imamoglu bestreitet das. Erdogan beharrt, den «Schlüssel» Istanbuls werde man «unserem Bruder Binali» überreichen, Binali Yildirim, dem Kandidaten der konservativ-islamischen AKP.

Der konservativ-islamischen Kandidat der AKP: Binali Yildirim. Foto: Getty Images

Wird Erdogan also versuchen, die Wahl erneut zu annullieren, sollte das Ergebnis nicht seinen Wünschen entsprechen? Und das Risiko in Kauf nehmen, dass Wahlen in der Türkei nichts mehr gelten? Das können sich selbst überzeugte AKP-Anhänger nicht vorstellen. «Wir sind doch Demokraten», sagt ein Wahlhelfer an einem Parteistand in Istanbul. «Aber wir werden nicht verlieren», ist sich der Mann sicher.

Umfragen sehen Imamoglu vorne

Yildirim war Erdogans Premierminister, bis der Präsident das Amt abschaffte und alle Macht an sich zog. Der treue Parteisoldat wurde Parlamentspräsident, aber das Parlament hat in der neuen Verfassung wenig zu sagen. Am ehesten zehrt Yildirim von seiner Zeit als Verkehrsminister. Am Parteistand zählen sie auf: Megaflughafen, Marmaray, die Bahn unter dem Bosporus. Dafür würden sie die AKP wählen. Erdogans Grossprojekte. Und wie finden sie den Gegner? «Ein Lügner» sei der. So nennt die Regierungspresse Imamoglu täglich.

Der macht darüber Witze. In ein Konferenzhotel hat er Hunderte Taxi- und Busfahrer eingeladen. Es geht laut zu. Imamoglu wirkt locker, wie der Gastgeber einer Gartenparty. Er sagt, die Regierung werde einen «eigenen Minister ernennen», nur um ihn mit «Spitzfindigkeiten» zu bekämpfen. Gelächter im Saal. Dann sagt er: «Gott beschütze vor Arroganz.» Imamoglu ist religiös und verbirgt es nicht, das ist selten für einen Politiker der säkularen CHP.

Fast alle Umfragen sehen Imamoglu vorne. Auch die AKP verbreitet sie eifrig. Nur warum? Die Opposition nimmt an, dass die AKP damit die eigene Klientel an die Urnen bringen will – und den Wählern der Opposition signalisieren möchte: Ihr könnt ruhig in den Ferien bleiben.

Erstellt: 21.06.2019, 20:34 Uhr

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