Osamas Erben formieren sich neu

Die Terrorgruppe al-Qaida eröffnet in Indien eine neue Front. Wie gross ist die Gefahr?

Seine Gefolgsleute haben einen neuen Plan: Osama Bin Laden: Foto: Keystone

Seine Gefolgsleute haben einen neuen Plan: Osama Bin Laden: Foto: Keystone

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Um die al-Qaida war es lange still. Jetzt hat sich die Terrortruppe überraschend zurückgemeldet – nicht mit einer blutigen Tat, sondern mit einem neuen Plan. Die Gefolgsleute des getöteten Osama Bin Laden wollen eine neue Front eröffnen: Sie hissen die Fahne des Jihad in Indien, dem bald bevölkerungsreichsten Land der Welt.

Was aber bedeutet die neue Bedrohung? Wie gefährlich sind die Extremisten für den indischen Subkontinent? Und wie kann sich das Milliardenvolk wirkungsvoll dagegen wappnen? In Indien leben etwa 165 Millionen Muslime, fast so viele wie in der benachbarten Islamischen Republik Pakistan. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist hinduistischen Glaubens. Der Riese gilt als vergleichsweise stabiler Staat, vor allem gemessen am Chaos, das weiter westlich herrscht.

Dennoch wäre es falsch, einfach darauf zu vertrauen, dass eine lebendige Demokratie wie die indische mit ihrer starken säkularen Verfassung und ihren multikulturellen Traditionen völlig immun wäre gegen das Gift des Extremismus. Deshalb muss die Regierung in Delhi jetzt sehr wachsam sein.

Zersplitterte Gruppen

Manche haben die angebliche Schwäche der Al-Qaida-Truppe betont: Sie habe noch niemals in Indien punkten können, der neue Schlachtruf sei nichts anderes als ein Akt der Verzweiflung, weil die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Gefolgsleuten Osamas heute den Rang ablaufe. Richtig daran ist, dass die Terror­gruppen höchst zersplittert sind, von Einigkeit und geballter Schlagkraft keine Spur.

Gerade deshalb tun sich reguläre Streitkräfte aber mit der Bekämpfung so schwer, zum Beispiel in den Bergen an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Amerikanische Drohnen und pakistanische Soldaten machen dort Jagd auf Terroristen. Das hat die Region allerdings nicht sicherer gemacht. Die Offensiven haben das Anschlagsrisiko – zumindest kurzfristig – nach oben getrieben. Meist sterben dabei Zivilisten.

Indien trotzt schon lange Terroristen, deren Drahtzieher hat die Regierung in Delhi fast immer im benachbarten Pakistan ausgemacht. So war das auch beim letzten grossen Anschlag in Mumbai 2008. Doch hinter diesem Terror standen nicht Al-Qaida-Kämpfer, allenfalls waren es lose Verbündete, die eigene Ziele ver­folgten.

Dennoch muss Delhi die zersetzende Wirkung der Al-Qaida-Propa­ganda ernst nehmen. Bislang vermochten solche Botschaften die indischen Muslime kaum zu radikalisieren, aber das kann sich ändern. Die Terrormiliz IS verzeichnet Experten zufolge bereits erste Rekrutierungs­erfolge in Indien, wenn auch in sehr geringer Zahl.

Nährboden ist vorhanden

Die al-Qaida wiederum mag seit Osama Bin Ladens Tod zwar geschwächt sein, doch die Gruppe hat noch immer ideologisches Gewicht. Sie ist Terrorpate, Ideengeber, Motivator. Und in Indien gibt es seit langem religiöse Spannungen, die als Nährboden für Extremisten dienen können.

Bislang ist das Muster der Gewalt in Indien zwar meist anders: Wenn sich Hindus und Muslime gegenseitig töten, so hat dies mit dem internationalen Jihad fast nie etwas zu tun. Meist handelt es sich um Fehden unter Nachbarn, die eskalieren. Manchmal entzündet sich Gewalt an einem nichtigen Streit auf der Strasse, manchmal fachen Politiker den Hass an, um Gefolgsleute in ihren Wahlkreisen zu mobilisieren.

Minderheiten integrieren

Das alles ist seit langem bekannt. Neu ist, dass nun der Hindu-Nationalist Narendra Modi Indien regiert. Er selbst beschwört als Premierminister zwar inneren Frieden und Aussöhnung, aber die Hindu-Hardliner haben unter ihm erheblichen Auftrieb erhalten. Sie schüren die Ängste unter den Minderheiten. Das können islamistische Extremisten künftig für ihre Ziele nutzen.

Wer Indien regiert, muss nicht nur seine Sicherheitsdienste gegen neue Terrorangriffe in Stellung bringen, er muss auch den Zusammenhalt der multikulturellen Gesellschaft sichern. Dazu gehört, Minderheiten nicht an den Rand zu drücken. Wird der innere Friede brüchig, haben Terroristen eine Chance. Auch im Bollwerk Indien, das schon lange bombenden Extremisten trotzt.

Erstellt: 08.09.2014, 06:49 Uhr

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