Pakistans Ohnmacht gegenüber dem Terror

Mehrere Taliban-Gruppen haben sich zum Anschlag in Wagah bekannt. Sie wollten sich offenkundig für die Armeeoffensive in Waziristan rächen.

Ein Überlebender des Bombenanschlags am Grenzposten Whaga. Foto: M. Rana (Reuters)

Ein Überlebender des Bombenanschlags am Grenzposten Whaga. Foto: M. Rana (Reuters)

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Jeden Abend, wenn Indien und Pakistan am Grenzposten Wagah ihre Flaggen einholen, üben sich die beiden Erzrivalen in einem zirkusreifen Spektakel. Die Grenztruppen der beiden Atommächte tragen Turbane mit bunten Fächern auf dem Kopf, sie marschieren zackig auf und ab, rechts herum und links herum, sie stampfen mit ihren klobigen Stiefeln auf den Boden und werfen ihre Beine so hoch, dass die Fussspitzen beinahe den Scheitel berühren. Die Grenzparade von Wagah lockt jeden Tag Hunderte Be­sucher auf die Tribünen. Die Zeremonie bedient den nationalen Stolz zweier verfeindeter Atommächte, die schon dreimal seit der Unabhängigkeit 1947 Krieg gegeneinander führten. Wenn die Flaggen abends dann eingeholt sind, gehen alle Besucher zufrieden nach Hause.

So ist das an normalen Tagen in ­Wagah, doch am Sonntagabend war ­alles anders. Als die Besucher sich auf den Heimweg machten, detonierte auf pakistanischer Seite eine Bombe, nur wenige Hundert Meter vom Grenzübergang entfernt. Wie der Polizeichef von Lahore, Amin Wains, bestätigte, hatte sich unweit eines Checkpoints ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass der Täter den Paradeplatz am Grenztor von Wagah erreichen wollte. Wäre ihm das gelungen, hätte er womöglich auch Soldaten und Zuschauer auf der indischen Seite getroffen – mit kaum absehbaren Folgen. Ein solcher Terrorakt hätte die gespannten Beziehungen zwischen den beiden Staaten auf eine harte Probe gestellt.

Ruf der Armee untergraben

Die Bombe war von grosser Wucht, 61 Menschen starben beim Anschlag, darunter mindestens sieben Kinder, wie die pakistanische Zeitung «Dawn» berichtete. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Nach ersten Ermittlungen war der Täter ein junger Mann Anfang 20, der etwa 15 bis 20 Kilogramm Sprengstoff bei sich getragen haben soll.

Ashok Kumar, Chef der indischen Grenztruppe, erklärte, dass seine Kräfte in Alarmbereitschaft seien, bezeichnete die indische Seite aber als «absolut ­sicher». Die Pakistaner wurden durch den Anschlag daran erinnert, wie verwundbar selbst Orte sind, die in ihrem Staat als stark gesichert gelten. Dass der Attentäter mit seinem Sprengstoff so weit kommen konnte, dass er mehrere Kontrollpunkte passierte oder umging, dass er an einem Ort von so hoher ­symbolischer Bedeutung zuschlug – das alles untergräbt den Ruf der Armee. Sie möchte als verlässlicher Wächter des Staates wahrgenommen werden, aber in solchen Momenten spüren viele die Ohnmacht des Staates gegenüber dem Terror, der Pakistan zu zersetzen droht.

Rivalisierende Splittergruppen der pakistanischen Taliban (TTP) bekannten sich parallel zur Tat. Die Terrormilizen konkurrieren darum, wer die blutigsten Taten an hochgesicherten Orten verüben kann, um Militär und Staat zu demütigen und Stärke zu demonstrieren. Eine Miliz nennt sich Jundullah, die Soldaten Allahs. Sie soll bereits zahlreiche Terrorangriffe verübt haben, etwa den Doppelanschlag auf eine Kirche in Peshawar, bei dem vergangenes Jahr 127 Menschen starben. Das war die bislang schwerste Attacke auf die christ­liche Minderheit in Pakistan. Auch eine andere Taliban-Fraktion, Jamatul Ahrar, behauptet, sie habe den Anschlag in Wagah verübt. Als Beweis dafür will die Miliz nun Videomaterial veröffentlichen.

Wer immer die Tat verübte, wollte offenkundig Vergeltung für die pakistanische Armeeoffensive in Waziristan üben, die das Militär vor einigen Monaten gestartet und nun ausgeweitet hat. Nach Armeeangaben wurden bei der Offensive in den sogenannten Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan bereits mehr als 1100 Aufständische getötet, das Militär soll bei den Einsätzen 100 Sol­daten verloren haben. Auch am Montag wurden wieder Angriffe der pakistanischen Luftwaffe gemeldet, bei denen mindestens 13 Extremisten in den Bergen ums Leben gekommen seien.

Keine Antwort auf zersplitterte Bedrohung

Ein Kommentator in der Zeitung «Dawn» warnte davor, die Militäroffensive in den Bergen als Allheilmittel zu betrachten, der Staat habe noch keine Antwort auf die zersplitterte Bedrohung durch die zahlreichen Terrorgruppen gefunden. Mit jedem Angriff scheint die Frustration friedlicher Pakistaner zu wachsen, es fällt ihnen schwer, ihrem Staat als Schutzmacht zu vertrauen.

Wagah ist der einzige Übergang zwischen Indien und Pakistan, der normalerweise für den Grenzverkehr mit Bussen und mit der Eisenbahn geöffnet ist. Wegen des Terrorangriffs wurde der Handel auf der Route zunächst gestoppt. Zunächst war geplant, auch die Grenzparade auszusetzen, doch dann überraschte die Meldung, dass Indien und Pakistan auch am Montag die Grenz­parade abhielten. Keinesfalls sollte der Eindruck entstehen, dass sich die Armeen dem Diktat des Terrors beugen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2014, 21:54 Uhr

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