«Meine Ex-Frau sabotiert jeden Kontaktversuch zur Tochter»

Zahlreiche ausländische Väter verlangen derzeit von Tokyo die Auslieferung ihrer Kinder. Hat Japan ein Problem mit Kindesentführungen?

Dass ein Kind beide Eltern braucht, ist in der japanischen Gesellschaft wenig verankert. Foto: Wilfried Maisy (REA)

Dass ein Kind beide Eltern braucht, ist in der japanischen Gesellschaft wenig verankert. Foto: Wilfried Maisy (REA)

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Klaus Schmidt trägt eine pralle rote Tasche in den Gerichtssaal in Nagoya. Darin sind Geschenke für seine viereinhalbjährige Tochter, die er an diesem Morgen im Büro seines Anwalts nach langer Zeit endlich wieder hätte treffen sollen. So war es ausgemacht. Das Kind fürchte sich, es habe sich geweigert, das Gebäude zu betreten, behauptet dann aber seine japanische Ex-Frau in der Vernehmung. Jetzt liegt die rote Tasche neben der Mappe von Schmidts Anwalt.

Der 35-Jährige ist überzeugt, seine Ex-Frau sabotiere jeden Kontaktversuch. Damit verstösst sie gegen das Urteil des japanischen Scheidungsrichters, der Schmidt das Recht auf Besuche und Skype-Verbindungen zugesprochen hat. Der Deutsche hat seine Ex-Frau deshalb wegen Missachtung der Scheidungsverfügung verklagt.

Die Mütter sollten sicherstellen, dass die Kinder keinerlei Kontakt zum Vater mehr haben.

Wie Schmidt, der Name ist geändert, kämpfen zahlreiche ausländische Väter in Japan um den Kontakt zu ihren Kindern oder um deren Rückführung in ihr Heimatland. Viele Mütter brechen den Kontakt einfach ab, oft unterstützt von den Grosseltern. Seit der japanische Staat die «Haager Übereinkunft über internationale Kindsentführungen» unterzeichnet hat, wäre er verpflichtet, «widerrechtlich ­entführte oder zurückgehaltene Kinder» in ihre Länder zurückzuschicken oder wie im Falle Schmidts den Vätern ein «Umgangsrecht» zu garantieren. Massgeblich ist das Scheidungsurteil, auch ein ausländisches, oder die Verfügung eines Jugendamts. ­Tokio anerkennt diese Verpflichtung, setzt sie jedoch nicht um.

Japan ist der Haager Übereinkunft aus dem Jahre 1980 erst vor vier Jahren beigetreten. ­Zuvor entschieden die Gerichte stets zugunsten des japanischen Elternteils. Neuere Urteile lassen einen Wandel erkennen. Im März konstatierte das oberste Gericht, eine Mutter, die bis zur Trennung mit ihrem Mann in den USA gelebt hatte, halte ihren Sohn illegal in Japan fest. Der 11-Jährige müsse zum Vater zurück, dem das Sorgerecht übertragen wurde. Der Vollzug des Urteils scheiterte jedoch am physischen Widerstand der Mutter. Bisher ist kein Fall einer erfolgreichen Rückführung publik geworden.

Strategie für die Scheidung

Die Zeitschrift «Facta» enthüllte im Jahre 2012 eine 3-Punkte-Strategie, mit der Japans Scheidungsanwälte möglichst viel aus den Vätern herauspressen. Erstens sollten die Mütter ihre Kinder dem Vater sofort entziehen. Zweitens dem Vater häusliche Gewalt vorwerfen. Da dies in Japan kein Strafbestand sei, könne die Frau durchaus lügen, sie mache sich damit nicht strafbar. Drittens sollten die Mütter sicherstellen, dass die Kinder keinerlei Kontakt zum Vater mehr hätten. In internationalen Scheidungen ermunterten die Anwälte, so «Facta», ihre Klientinnen dazu, ihre Kinder nach Japan zu holen. Die Entführung eigener Kinder war damals – Tokio war der Haager Übereinkunft noch nicht beigetreten – in Japan nicht strafbar.

In Japan sehen viele Kinder ihre Väter nach einer Scheidung nie mehr. Die Gesellschaft hat wenig Mitgefühl für verlassene Väter und kaum ein Bewusstsein dafür, dass ein Kind beide Eltern braucht. Wenn der Kontakt abbricht, zahlen die Väter in der ­Regel die Alimente nicht mehr. Viele Mütter akzeptieren das als Preis dafür, dass sie den Mann losgeworden sind.

In der Vernehmung im Gericht wiederholt Schmidts Ex-Frau mehrfach, das Kind wolle keinen Kontakt zu seinem Vater. Es fürchte sich. Bei der einen Begegnung, zu der die Grosseltern die Kleine gebracht hatten, war das jedoch nicht der Fall, und das Kind nannte Schmidt «Papa». Die Anwälte der Mutter führen auch die Zeitverschiebung an, die einen Skype-Kontakt erschwere, und halten dem Vater vor, er habe einen Journalisten in den Fall eingeweiht. Als wollten sie sagen, es ginge ihm nicht ums Kind.

Auch Schweizer betroffen

Schmidt spricht Japanisch, seine Frau Deutsch. Sie hatte schon vor der Ehe in Europa gelebt und ­gearbeitet. Und wollte bleiben. Doch nach der Geburt verfiel sie in Depressionen. «Sie hat sich komplett verändert und sich von mir und Europa entfremdet», so Schmidt. Das Paar einigte sich, Mutter und Kind sollten sich zwei Monate bei ihren Eltern in Japan erholen.

Als Schmidt sie in Frankfurt wieder abholte, kam die Frau allein. «Ich war völlig perplex. Sie hat dann ihre Sachen gepackt und ist ein paar Tage später zurück­geflogen.» Seither wohnt sie bei ihren Eltern. «Aus Kontinuitätsgründen» überliess der Scheidungsrichter ihr das Sorgerecht, sprach Schmidt aber Besuchsrechte und Skype-Termine zu.

«Die Fälle sind immer wieder ähnlich.»Björn Echternach

Nach Angaben des japanischen Aussenministeriums sind derzeit 99 Fälle internationaler Kindesentführungen nach Japan hängig, für die eine Rückführung verlangt wird. Davon zwei aus der Schweiz. Etwa 100 Väter fordern wie Klaus Schmidt den Umgang mit ihren Kindern, der ihnen verwehrt wird.

«Die Fälle sind immer wieder ähnlich», sagt Björn Echternach, der die Website Japanchildabduction.org unterhält und selber um seine zwei Söhne kämpft, die er anderthalb Jahre nicht mehr gesehen hat. Seine japanische Frau, eine Übersetzerin, sei mit den Kindern überfordert gewesen, glaubt Echternach.

Sie ist teilweise in Deutschland aufgewachsen und ging mit Echternach in die Grundschule. Nach der Trennung blieb sie mit den heute vier und fünf Jahre ­alten Söhnen vorerst in Berlin. Echternach hatte die beiden ­damals regelmässig gesehen. Wegen Gewaltvorwürfen seiner Frau teilweise in Gegenwart von Psychologen des Jugendamts.

Sprache geht verloren

Dann verschwand seine Frau ohne Ankündigung mit den Kindern nach Japan, wo sie seither in einer Kleinstadt nördlich von Tokio bei ihren Eltern lebt. Das zuständige japanische Sozialamt habe Mediationsbemühungen «wegen fehlender Kooperationsbereitschaft» der Frau abgebrochen, sagt Echternach.

Er leidet, er kämpft verbittert. Sein Japanbild ist düster und, wie er glaubt, auch die Zukunft seiner Söhne, wenn es ihm nicht gelingen sollte, sie zurückzuholen. Sicher werden die beiden ohne den Kontakt zum Vater die deutsche Sprache verlieren – bis zur Trennung war das die Familiensprache. Damit entgleiten sie dem Vater zwangsläufig, da er kein Japanisch kann.

Nach zweieinhalbstündigem Streiten um Gründe, warum Skype-Verbindungen nicht zustande kamen und Begegnungen platzten, beenden die drei Richter in Nagoya die Anhörung. Das Urteil wird den Parteien zugestellt. Klaus Schmidt, dem es eigentlich nicht um die Verurteilung seiner Ex-Frau geht, sondern um den Kontakt zur gemeinsamen Tochter, nimmt die rote Tasche mit den Geschenken und verlässt den Gerichtssaal.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.11.2018, 16:07 Uhr

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